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21.3.2009 | Von:
Manfred Quiring

Schwelende Konflikte in der Kaukasus-Region

Brandgeruch über dem Nordkaukasus

Brandgeruch, den manch einer schon vergessen glaubte, liegt auch im Nordkaukasus wieder in der Luft. Die Einwohner der zu Russland gehörenden autonomen Republik Inguschetien fordern vom Nachbarn Nordossetien den Prigorodny Rayon zurück. Im Dezember 2008 wandten sich die Vertreter von elf inguschetischen gesellschaftlichen Organisationen mit dem Aufruf an ihren Präsidenten Junus-Bek Jewkurow, er möge das umstrittene Gebiet, das die Inguschen während ihrer Deportation nach Mittelasien verloren hatten, wieder unter die inguschetische Verwaltung zurückführen. "Das Land unserer Vorfahren ist heilig!" erklärten sie in der für die kaukasischen Völker so charakteristischen blumigen Sprache. Sie sahen den "Augenblick der Wahrheit" gekommen, "der zeigt, wer wir sind: Ein Volk mit dem Bewusstsein seiner eigenen nationalen Würde, seiner Ehre, seinem Stolz, das fähig ist, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, oder eine graue und prinzipienlose Masse, der alle diese Qualitäten würdevoller Menschen abgehen". Vom föderalen Zentrum, von Moskau also, erwarten diese Inguschen bereits keine Hilfe mehr. Sie sehen sich vor die "harte Notwendigkeit" gestellt, eine eigene Wahl zu treffen, denn: "Die historische Heimat der Inguschen kann unter keinen Umständen zum Gegenstand eines Handels, der Spekulation, des Zurückweichens sein."[8]

Der Hinweis auf die "historische Heimat" birgt einige Brisanz. Denn die Inguschen lebten in den vergangenen Jahrhunderten auch in Gebieten, die heute zum Teil zu Tschetschenien, vor allem aber zu Nordossetien gehören. Die heutige nordossetische Hauptstadt Wladikawkas wurde 1924 im Zusammenhang mit der Gründung des Inguschetischen Autonomen Kreises sogar zunächst zu dessen administrativem Zentrum. 1934 verfügte Stalin den Zusammenschluss der Inguschen und Tschetschenen im Tschetscheno-Inguschetischen Autonomen Kreis, der 1936 in die Tschetscheno-Inguschetische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik umgewandelt wurde.

Eine der finstersten Stunden schlug den Inguschen und Tschetschenen, die beide unter dem Oberbegriff Wainachen zusammengefasst werden, als Stalin sie 1944 zu Hunderttausenden nach Mittelasien und Kasachstan deportieren ließ und ihre Republik aufgelöst wurde. Zur Begründung führten die Machthaber in Moskau an, Inguschen und Tschetschenen hätten mit den deutschen Truppen kollaboriert. Zwar war dieser Vorwurf in Einzelfällen berechtigt, denn manch ein Kaukasier hegte damals die illusorische Hoffnung, die Bergvölker könnten sich mit Hilfe der Hitlerarmee von der Herrschaft Moskaus befreien. Aber natürlich rechtfertigte dies in keiner Weise die kollektive Abstrafung ganzer Völker, zumal die Deportation und die an den Verbannungsorten herrschenden unmenschlichen Lebensbedingungen so viele Opfer forderten, dass Tschetschenen und Inguschen dem Aussterben nahe waren. Erst 1957, vier Jahre nach Stalins Tod, wurden sie rehabilitiert. Die Tschetscheno-Inguschetische Republik wurde wiederhergestellt und die Vertriebenen durften in ihre Heimat zurückkehren. Doch gab es eine entscheidende Änderung: Der Prigorodny Rayon, der etwa die Hälfte des inguschetischen Siedlungsgebiets ausmachte, verblieb dank der Unterstützung aus Moskau bei Nordossetien.[9]

Fußnoten

8.
Zit. in: Caucasian Knot, in: www.kavkaz-uzel.ru/articles/145529 (1. 2. 2009).
9.
Vgl. Narody Rossii. Enziklopedija, Moskwa 1994, S. 162.