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21.3.2009 | Von:
Manfred Quiring

Schwelende Konflikte in der Kaukasus-Region

Konflikt zwischen Inguschen und Osseten

Damit entstand ein Unruheherd, der bis heute wie eine Zeitbombe wirkt. Zwar zogen die Inguschen nach ihrer Rückkehr aus der kollektiven Verbannung auch wieder in den von Nordosseten beherrschten Teil ihrer Heimat. Sie bauten die zerstörten Häuser wieder auf oder kauften den Osseten die Häuser wieder ab, die früher in inguschetischem Besitz waren. Aber wegen dieser als zutiefst ungerecht empfundenen Situation, wegen der ossetischen Verwaltung und des ossetisch geprägten Bildungssystems baute sich im Laufe der Jahre großes Konfliktpotential auf. Die Eskalation folgte kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Am 31. Oktober 1992 brach der Konflikt um den Rayon Prigorodny offen aus. 12.000 russische Soldaten stellten sich auf die Seite der Osseten, 600 Menschen starben auf beiden Seiten. Die Inguschen wurden aufgrund der Übermacht geschlagen, 30.000 Menschen mussten erneut ihre Häuser verlassen und ins inguschetische Kernland fliehen.[10]

Ihre Ansprüche haben die Inguschen deshalb noch lange nicht aufgegeben. Das Problem gewann zusätzlich an Brisanz, nachdem Russland im August 2008 Abchasien und Südossetien als unabhängig anerkannte. Das oppositionelle "Volksparlament Inguschetiens" begann umgehend mit einer Unterschriftensammlung. Nach dem Krieg in Georgien und dem gewaltsamen Tod Magomed Jewlojews, eines oppositionellen Unternehmers, wollten seine Mitglieder auf diese Weise den Austritt ihres Landes aus der Russischen Föderation erzwingen. Sie verwiesen darauf, dass Russland ja schließlich auch die Unabhängigkeit der Abchasen und Südosseten anerkannt habe und leiteten daraus ihr eigenes Recht auf einen souveränen Staat ab. Die russische Verfassung sieht allerdings kein Austrittsrecht für seine Regionen vor. Als die Tschetschenen es in den 1990er Jahren dennoch versuchten, überzog Moskau sie mit zwei vernichtenden Kriegen.[11]

Unstimmigkeiten gibt es inzwischen auch mit dem Brudervolk der Tschetschenen. Dort wird immer offener der Gedanke einer Wiedervereinigung beider Republiken vorgetragen, was die Inguschen aber ablehnen. Man wolle ja das Recht der Inguschen auf ihre eigene Souveränität nicht schmälern, doch ein Zusammengehen würde der Stabilisierung im Nordkaukasus dienen, heißt es aus inoffiziellen Quellen in Grosny. Wobei hier natürlich die Stabilität gemeint ist, die ein von Moskau eingesetzter tschetschenischer Präsident Ramsan Kadyrow mit seiner brutalen, bis an die Zähne bewaffneten Garde zu bieten in der Lage ist.

Im April 2006 ging der damalige Sprecher des tschetschenischen Parlaments noch weiter. Dukuwacha Abdurachmanow schlug einen Zusammenschluss der drei nordkaukasischen Republiken Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan vor. Er griff damit teilweise die Idee des im gleichen Jahr in Inguschetien getöteten tschetschenischen Feldkommandeurs Schamil Bassajew auf. Bassajew hatte einen von Russland unabhängigen Staat im Nordkaukasus schaffen wollen, allerdings unter islamischen Vorzeichen. Magomedsalam Magomedow, damals noch Präsident in Dagestan, dem diese Idee überhaupt nicht gefiel, verwies darauf, dass ein solcher Zusammenschluss nur über ein Referendum realisierbar wäre und sich die Mehrheit der Dagestaner in einer solchen Volksabstimmung ganz sicher gegen einen Zusammenschluss aussprechen würde.[12] Ramsan Kadyrow, der aufmerksam auf die Stimmung in Moskau achtet, die ebenfalls gegen einen Zusammenschluss ist, lehnte diese Idee im Oktober vergangenen Jahres ebenfalls ab. Es fiel jedoch auf, dass auf der offiziellen Website der Regierung in Grosny im Dezember ein Aufruf aus dem Büro des tschetschenischen Menschenrechtsbeauftragten Nurdi Nuchaschijew veröffentlich wurde, der sich genau dafür einsetzte. Nuchaschijew gilt als enger Vertrauter Kadyrows. In dem Aufruf wird auf die zahlreichen Gemeinsamkeiten beider "brüderlicher Völker" verwiesen.[13]

Fußnoten

10.
Vgl. RIA Novosti vom 28. 10. 2006.
11.
Vgl. Manfred Quiring, Pulverfass Kaukasus, Berlin 2009, S. 149.
12.
Vgl. Liz Fuller, Kommentar für Radio Free Europe vom 19. 12. 2008, in: www.rferl.org/content/chech nya_ingushetia _ at _ odds _ over_border_delimitation/1361549.html (1. 2. 2009).
13.
Vgl. www.chechnya.gov.ru (1. 2. 2009).