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21.3.2009 | Von:
Gemma Pörzgen

Aus den Augen - aus dem Sinn: Der Kaukasus in den Medien

So schlagartig, wie die Konfliktregion im Spätsommer 2008 in die Schlagzeilen rückte, so schnell verschwand sie auch wieder daraus. Eine kontinuierliche journalistische Berichterstattung vor Ort fehlt.

Einleitung

Der Georgien-Krieg im Sommer 2008 brach sprichwörtlich über Nacht aus und eroberte umgehend die Weltnachrichten. Dieser Gewaltausbruch zwischen Russland und Georgien kam nicht nur für die meisten Zeitungsleser, Radiohörer und Fernsehzuschauer vollkommen überraschend, sondern überrumpelte auch viele Journalisten. Dass kaum jemand zu ahnen schien, was sich da zusammenbraute, zeigt allein schon die Tatsache, dass sich viele deutsche Korrespondenten in Moskau gerade im Sommerurlaub befanden, als der Krieg begann. Wie ein großer Scheinwerfer richtete sich die mediale Aufmerksamkeit plötzlich auf den Kaukasus, eine Region, die eigentlich eher im Schatten des Interesses deutscher Medien liegt. Dabei war dieser Krieg zwischen Georgien und Russland bei Weitem nicht der erste in der Region seit 1991.






Obwohl der Georgien-Krieg der kürzeste und am wenigsten verlustreiche in der Region gewesen ist, hat es so viel Berichterstattung wie noch nie gegeben. Selbst über die Tschetschenien-Kriege sei weniger ausführlich berichtet worden, bestätigen auch langjährige Beobachter. Die Bedeutung der Ereignisse und deren enormes Medienecho erklären sie vor allem mit der Internationalisierung des Konflikts, bei dem erstmals wieder die USA und Russland in eine offene Konfrontation gerieten. "Wie kein regionales Ereignis zuvor jagte dieser "Fünftage-Krieg" Schockwellen durch die internationale Politik, geriet doch erstmals Russland mit einem souveränen Nachbarland in militärischen Konflikt."[1] Kein Wunder also, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy noch Anfang Februar 2009 gemeinsam zu dem Schluss kamen: "Der Krieg im Kaukasus war die erste militärische Auseinandersetzung im 21. Jahrhundert auf europäischen Boden."[2] Angesichts einer solchen außenpolitischen Wertung der Ereignisse ist es umso erstaunlicher, dass das Thema den deutschen Medien wieder so entgleiten konnte. "Aber viele wussten vor dem Krieg noch nicht einmal wie Südossetien geschrieben wird und haben es inzwischen auch wieder vergessen", charakterisiert ein Kollege[3] die Schnelllebigkeit des Nachrichtengeschäfts. Dabei hätten die August-Ereignisse Anlass geboten, sich journalistisch der ganzen Region stärker zuzuwenden und in der Berichterstattung neue Akzente zu setzen. Vereinzelt wurde das bei Zeitungen versucht, wie zum Beispiel bei der "Süddeutschen Zeitung", die sich nach Ende des Georgien-Krieges zu einer Serie "Leben im Schatten Russlands" entschloss. Auch der Moskau-Korrespondent der ARD, Stefan Stuchlik, sagt, das Moskauer Büro habe noch sechs Wochen nach Kriegsende jeden Tag einen Bericht gebracht, wenn auch nicht mehr zur Prime-Time. Auch beim "Spiegel" erschien noch im Dezember eine Südossetien-Reportage.[4] Aber das allgemeine Interesse ebbte sichtbar ab.

"Es ist eine erstaunliche Ungleichgewichtigkeit", urteilt der Russland-Referent der Menschenrechtsorganisation von amnesty international, Peter Franck im Rückblick auf den Georgien-Krieg. "Im August kanntest Du bald jedes Dorf und dann tritt das Thema völlig in den Hintergrund." Nach Francks Ansicht unterschätzen die Redaktionen das Interesse der Mediennutzer, die nach wie vor hören beziehungsweise lesen wollten, wie es in der Region weitergeht: "Man wüsste schon gerne, was in Südossetien inzwischen los ist." Aus journalistischer Sicht lässt sich die große Diskrepanz damit erklären, dass der Georgien-Krieg im August mitten ins "Sommerloch" fiel und es wenig Konkurrenzthemen außer den Olympischen Spielen in Peking gab. Nach Kriegsende drängten dagegen sehr schnell andere Themen in den Vordergrund, vor allem die sich verschärfende internationale Finanz- und Wirtschaftskrise. Aber auch die Wahl Barack Obamas zum neuen US-Präsidenten, der Gas-Streit zwischen Russland und der Ukraine und der Gaza-Krieg im Nahen Osten bildeten seither die neuen Schwerpunkte. Hinzu kommt, dass sich die Auslandsberichterstattung nicht nur mit Blick auf den Kaukasus derzeit stark verändert. Die Fragen, was tatsächlich woanders los ist und was den Alltag der Menschen vor Ort bestimmt, treten gegenüber einer aufgeregten, zunehmend an Krisen orientierten Auslandsberichterstattung immer stärker in den Hintergrund. Erst wenn es "richtig knallt", wird etwas zum Top-Thema und politisch-analytische Berichte finden immer weniger Raum. "Die zunehmende Konzentration auf Brennpunkte wird von vielen Auslandsjournalisten beklagt", schreibt auch der Leipziger Medienwissenschaftler Lutz Mükke in einem Dossier des Netzwerks Recherche, das die Veränderungen der deutschen Auslandsberichterstattung kritisch beleuchtet. So werde beispielsweise "das kontinuierliche Abbilden von Entwicklungen immer schwieriger und Rezipienten bekommen Ausland oft als Ort immerwährenden Ärgers präsentiert", zitiert Mükke die Einschätzung von Auslandskorrespondenten.[5]

Auch mit Blick auf andere Krisenherde wie Afghanistan, Irak oder den Balkan kann von einer nachhaltigen Berichterstattung immer weniger die Rede sein. Dabei sind in Afghanistan und im Kosovo sogar deutsche Soldaten beteiligt. Doch solche Defizite der Auslandsberichterstattung erklären mit Blick auf den Kaukasus nur teilweise, warum die mediale Aufmerksamkeit so gering ausfällt. Die mangelnde Nachhaltigkeit, die auch Wissenschaftler beklagen, liegt ebenfalls darin begründet, dass die Region Journalisten vor besondere Herausforderungen stellt.

Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion tauchten Anfang der 1990er Jahre, zumindest aus westdeutscher Perspektive, zahlreiche neue, unabhängige Staaten auf, darunter auch die südkaukasischen Republiken Georgien, Aserbaidschan und Armenien, von denen bis dahin gerade mal Fachleute wussten. Die journalistische Arbeit vor Ort erfordert ein hohes Maß an Recherchearbeit, viel Leseaufwand bezüglich der historischen Zusammenhänge und zumindest russische Sprachkenntnisse. Es ist schwer, sich hier schnell ein Bild zu machen, geschweige denn, die komplizierten Zusammenhänge griffig und leicht lesbar zu vermitteln. "Es ist ein kleinteiliges Gebiet, das große Konflikte hat und sehr schwer zu erklären ist", sagt die freie Journalistin Silvia Stöber, die sich auf Georgien spezialisiert hat.

Von den sieben nordkaukasischen Teilrepubliken der Russischen Föderation ist bislang vor allem Tschetschenien durch zwei brutale Kriege ins öffentliche Bewusstsein in Deutschland gelangt. Adygien, Karatschajewo-Tscherkessien, Kabardino-Balkarien, Nordossetien, Inguschetien und Dagestan klingen vielen bis heute ganz und gar fremd. "Der Nordkaukasus stellt in Hinsicht auf seine räumliche Gliederung, seine Völker und Sprachenvielfalt und die politische, kulturelle und religiöse Geschichte seiner Volksgruppen den kompliziertesten Abschnitt der Russischen Föderation, ja des gesamten GUS-Raumes und die ethnisch wohl am stärksten differenzierte Zone Eurasiens dar",[6] womit ein Teil der Herausforderungen an die Berichterstatter klar umrissen wäre. Der Korrespondent Michael Thumann von "Die Zeit" nennt den Nordkaukasus eine "schwierige Grauzone", die sich mit dem in Redaktionen weit verbreiteten Schwarz-Weiß-Denken und anderen gängigen Denkmustern schwer verstehen lasse.

Fußnoten

1.
Uwe Halbach, Der "Südossetien-Krieg": Die regionale Dimension, in: Heiko Pleines/Hans-Henning Schröder (Hrsg.), Der bewaffnete Konflikt um Südossetien und internationale Reaktionen, Bremen 2008.
2.
Angela Merkel und Nicolas Sarkozy, "Wir Europäer müssen mit einer Stimme sprechen", in: Süddeutsche Zeitung vom 4. 2. 2009.
3.
Ungekennzeichnete Zitate entstammen zahlreichen persönlichen Interviews der Autorin mit Wissenschaftlern und Journalisten.
4.
Vgl. Die Last des Friedens, in: Der Spiegel vom 20. 12. 2008, S. 94 - 95.
5.
Lutz Mükke, "Der Trend geht zum Generalisten und Feuerwehrmann". Ein Dossier zum Zustand der deutschen Auslandsberichterstattung, nr-Dossier 2/2008, online in: www.netzwerkrecherche.de/docs/nr-dos sier-02.pdf (10. 2. 2009).
6.
Uwe Halbach, Nordkaukasus - Porträt einer spannungsreichen Region, in: Marie-Carin von Gumppenberg/Uwe Steinbach (Hrsg.), Der Kaukasus. Geschichte, Kultur, Politik, München 2008, S. 64; GUS = Gemeinschaft Unabhängiger Staaten.