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5.3.2009 | Von:
Murat Ilican Erdal

Das Zusammenspiel von Wirtschaft, Umwelt und Tourismus in Zypern

Im vergangenen Jahrzehnt war die Wirtschaftsentwicklung in Zypern vor allem durch einen Bauboom infolge von Eigentumsspekulationen geprägt. Im Beitrag werden die Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt beschrieben.

Einleitung

In der jüngsten Vergangenheit haben in- und ausländische Akteure immer wieder die unterschiedlichsten Machtansprüche auf verschiedene Teile Zyperns erhoben. Der Kampf um Souveränität charakterisiert den "Zypernkonflikt" bereits seit der britischen Kolonialzeit. Bis heute haben beide Seiten - die griechischen Zyprioten im Süden und die türkischen Zyprioten im Norden der Insel - gegensätzliche Vorstellungen von Nationalismus, und eine von allen Seiten akzeptierte Lösung ist noch lange nicht erreicht. Dieser langwierige Konflikt prägt das Leben der Zyprioten auf unterschiedliche Weise. So gibt es inzwischen auf der Insel nicht nur ein Zypern, und jedes dieser "Zypern" wird von den verschiedenen Menschen und Volksgruppen - je nachdem, wo sie auf der Insel leben - unterschiedlich geprägt und erfahren. Im daraus zeitweise entstandenen Chaos versuchten einzelne Bürgerinnen und Bürger, ihre (vermeintlich) legitimen Rechte geltend zu machen, meist erfolglos, waren sie doch Opfer von Auseinandersetzungen, die höheren Orts stattfanden. Da es keinen Konsens darüber gibt, was unter "Gerechtigkeit" und "Rechten" zu verstehen ist, wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gefordert, das geschehene "Unrecht" anzuerkennen und "Rechte" wiederherzustellen. Dieser Wunsch zieht sich durch die politischen Diskussionen und beherrscht das Leben auch in Bereichen außerhalb der Politik.




Im Beitrag werden einige Aspekte der wirtschaftlichen Entwicklung auf der Insel während der vergangenen zehn Jahre analysiert, die vom starken Einfluss UN-geführter Friedensgespräche sowie vom EU-Beitrittsprozess geprägt waren und im Zusammenhang mit dem weltweiten Boom an den Immobilien- und Rohstoffmärkten (vor allem von Öl und Gas) standen. Noch während der Niederschrift dieses Textes gipfelten sie in der - wie es heißt - größten Weltwirtschaftskrise der Moderne. Die Entwicklung wird speziell im Hinblick auf die Immobilienmärkte und den Bauboom analysiert. Dabei werden die Auswirkungen auf Umwelt und Tourismus beleuchtet, unter welchen die Inselbewohner auf beiden Seiten der Green Line[1] heute leiden. Die geographische Terminologie wird hier bewusst verwendet. Damit soll ein präziseres Bild der Wirklichkeit vermittelt und auf verallgemeinernde und gegensätzliche nationalistische Begrifflichkeiten verzichtet werden, die auf der jeweiligen Volksgruppenzugehörigkeit und/oder Religion basieren (türkische Zyprioten/griechische Zyprioten). So sollen auch die Sichtweisen anderer einheimischer Menschen oder die von Ausländern einbezogen werden, die sich nicht unbedingt einer der Konfliktparteien zugehörig fühlen, aber dennoch in Zypern leben. Mit Zypern ist die Insel Zypern gemeint, deren natürliche Grenze das Mittelmeer bildet, dementsprechend werden alle Menschen und Volksgruppen, die in Zypern leben, Zyprioten genannt.

Fußnoten

1.
Die Green Line entstand als einfache Stacheldrahtbarriere, die eine lebendige Geschäftsstraße in der Altstadt Nikosias bereits Ende der 1950er Jahre teilte. Seit 1974 trennt sie als Waffenstillstandslinie Nord- und Südzypern voneinander. Diese Grenze war bis zur Öffnung des Checkpoints am Ledra Palace Hotel am 23. April 2003 für Zyprioten dicht und trennte die zypriotischen Volksgruppen voneinander (bis auf illegale Aktivitäten). Seit dem 1. Mai 2004 ist die Green Line eine europäische Außengrenze, die ein Territorium der EU (Südzypern ohne die britischen Basen) von Nordzypern trennt, in dem die EU-Gesetze nicht gelten. Trotz Einführung der "Green Line Regulation", einer EU-Initiative zur Erleichterung des Handels und des Austauschs zwischen beiden Regionen, hat die Öffnung bisher keinen wirklichen Nutzen gebracht. Denn diese Regeln sind recht willkürlich und führen eine Art Eigenleben, unterliegen sie doch häufig den Auslegungen einzelner Grenzposten oder staatlichen Eingriffen aufgrund ideologischer, politischer oder wirtschaftlicher Abwägungen. Kurzum, der Zypernkonflikt, den die Green Line gewissermaßen symbolisiert, besteht trotz formeller Unterschiede fort.