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2.3.2009 | Von:
Siegfried Lokatis

Die Hauptverwaltung des Leselandes

Die Lesefreudigkeit der DDR-Bevölkerung war nicht nur auf die staatliche Leseförderung, sondern auch auf den Wunsch nach von der Zensur vorenthaltener Literatur zurückzuführen.

Einleitung

Die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel (HV) im Ministerium für Kultur der DDR[1] war eine literaturpolitische Superbehörde, die als ökonomische Planzentrale die 78 lizenzierten Buchverlage, deren zentrale Auslieferung, die Leipziger Kommissions- und Großbuchhandelsgesellschaft (LKG), die über siebenhundert Filialen des Volksbuchhandels, den Buchaußenhandel(Buchexport und Messe), das zentralisierte Antiquariatwesen und die Bibliotheken steuerte, beziehungsweise, so die Selbstbeschreibung, "anleitete". Das "Leseland", wie es vom stellvertretenden Minister für Kultur und Leiter der HV, Klaus Höpcke, proklamiert wurde, war demnach im Prinzip (die Lebenswirklichkeit und das Selbstverständnis von Büchermachern, Autoren und Lesern geht in einer abstrakten institutionellen Verortung nicht auf) das mehr oder weniger wohl organisierte Hinterland, der Herrschaftsbereich dieser Behörde. Deren Zensurfunktion stellte einen für das System zwar besonders charakteristischen Ausschnitt dar, aber eben nur einen Ausschnitt.






Zensurentscheidungen hatten neben dem kulturpolitischen zugleich einen ökonomischen Aspekt. Die allgemeine Knappheit wirkte sich als permanenter Mangel an Papier und Devisen aus, und es war die Not, über deren Verwendung zu entscheiden, die offiziell die Zensur und das Druckgenehmigungsverfahren legitimierte. Aus diesem Grund ist es kaum sinnvoll, in der Darstellung die ökonomischen Zwänge vom Politischen zu trennen.

Die HV verwaltete, seit Anfang der 1970er Jahre im verwirrenden Wechselspiel mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und dem Deutschen Schriftstellerverband (DSV), zudem diverse Literaturpreise. Sie konnte Ausreiseanträge und Devisenprivilegien bewilligen, sie beeinflusste das Rezensionswesen und die Kommentare der Literaturführer. Sie entschied nicht nur über den Druck - gleichsam die literaturpolitische Schlüsselgewalt -, sondern auch über Auflagenhöhen und Bestsellerchancen, kurz: über das literarische Ranking. Sie verfügte also auf den ersten Blick in hohem Maß über das, was im bürgerlichen Literatursystem nach Pierre Bourdieu als "kulturelles Kapital" zu bezeichnen wäre. Trotzdem war ein literarischer Kanon von der HV zu keiner Zeit zu verordnen, sondern blieb grundsätzlich fremdbestimmt. Denn nicht alle Menschen lasen, was sie sollten, sondern schätzten tendenziell mehr das Verbotene, von der offiziellen Literaturpolitik Ausgegrenzte.

Die Konferenz "Der heimliche Leser in der DDR"[2] hat im Herbst 2007 eine im Alltag bestimmter (konfessioneller, wissenschaftlicher, politischer) Milieus fundierte Gegenwelt zum staatlichen Literatursystem aufgezeigt und dokumentiert. Im Folgenden geht es darum, das offizielle Literatursystem, das "Leseland" der HV, mit der Gier nach Verbotenem in Beziehung zu setzen.

Fußnoten

1.
Vgl. Ernest Wichner/Herbert Wiesner (Hrsg.), "Literaturentwicklungsprozesse". Die Zensur der Literatur in der DDR, Frankfurt/M. 1993; Carsten Gansel, Das Parlament des Geistes, Berlin 1996; Simone Barck/Martina Langermann/Siegfried Lokatis, Jedes Buch ein Abenteuer! Zensursystem und literarische Öffentlichkeiten in der DDR, Berlin 1997; Anna Christina Giovanopoulos, Die amerikanische Literatur in der DDR, Essen 2000; Michael Westdickenberg, Die Diktatur des anständigen Buches, Wiesbaden 2004.
2.
Vgl. Siegfried Lokatis/Ingrid Sonntag (Hrsg.), Heimliche Leser in der DDR. Kontrolle und Verbreitung unerlaubter Literatur, Berlin 2008.