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5.2.2009 | Von:
Henrik Enderlein

Global Governance der internationalen Finanzmärkte

Schlussfolgerungen

Die Folgen der Finanzkrise verweisen auf ein Paradoxon und ein zentrales Desiderat im Bereich der Global Governance von Finanzmärkten. Das Paradoxon lautet, dass die finanzielle Globalisierung nicht primär die wirtschaftspolitische Autonomie der Nationalstaaten geschwächt hat, sondern die Regierbarkeit des globalen Finanzsystems. Nationalstaaten werden in ihrem Bestreben, national präferierte wirtschaftspolitische Lösungen unilateral durchzusetzen, nicht wirksam behindert, globale Kapitalflüsse haben die Effektivität bestimmter Strategien unter Umständen sogar gestärkt. Dagegen sind die Möglichkeiten in der internationalen Finanzarchitektur, mit koordinierten Mitteln gegen unilaterale Destabilisierungen des Gesamtsystems vorzugehen, eher zurückgegangen: Trotz engerer finanzieller Verknüpfungen zwischen den Nationalstaaten und deshalb schnellerer Übertragung von Krisen von einem Land ins andere ist globale Krisenprävention im Bereich der Finanzmärkte nicht vorhanden.

Dementsprechend ist das Desiderat in den internationalen Währungsbeziehungen eine unabhängige Instanz, die, wenn schon nicht mit harten institutionell verankerten Vorgaben (das wäre eine Illusion), dann zumindest mit Glaubwürdigkeit und politischem Gewicht, als fairer Vermittler auftreten kann (honest broker). Eine Erweiterung der G8-Struktur in eine Gruppe der 12, mit China, Indien, Brasilien und Südafrika, wäre eine staatszentrierte, aber unter Umständen effektive Lösung. Allerdings müsste sich diese Gruppe auf ein unabhängiges Sekretariat mit einem unabhängigen Generalsekretär stützen können. Ähnlich wie im Kontext der Welthandelsorganisation oder auch in dem der Europäischen Kommission der frühen Jahre könnte sich ein solches Sekretariat über die zu erwartenden Spill-over-Effekte zu einer echten Supranationalen Organisation entwickeln.

Global Governance ist im Bereich der internationalen Finanzbeziehungen weitaus weniger ausgebildet als in vielen anderen Bereichen. Oft wird argumentiert, erfolgreiche Global Governance gehe mit der Globalisierung einher. Demgegenüber könnte man die Global Governance der Finanzmärkte als Verlierer der Globalisierung bezeichnen. Die aktuelle Finanzkrise könnte bei allen zerstörerischen Effekten dazu beitragen, einen Konsens darüber zu erzielen, dass die internationalen Finanzbeziehungen weiterhin im Zentrum der globalen Politik stehen und keine abstrakt gebildete Resultante zahlloser Marktvektoren sein können. Es stellt sich allerdings die Frage, ob die finanzielle Globalisierung, die der Welt im Durchschnitt mehr Wohlstand und Wachstum ermöglicht hat, zumindest zeitweilig Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden ist. Die Industrienationen sehen sich mit der Frage konfrontiert, ob ihre gemeinsame Regierungs-, Regulierungs- und Kooperationskapazität noch ausreicht, um temporären Exzessen des von ihnen geschaffenen Phänomens freier Kapitalflüsse einigermaßen Herr werden zu können.