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Zur Begründung von Cultural Governance


5.2.2009
Mit Cultural Governance wird beschrieben, wie Kultur- als Gesellschaftspolitik neu zu begründen ist: als Kontinuum eines kooperativen Engagements und gemeinsamen Interesses von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

Einleitung



Für die neuen Formen gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer Koordination und Steuerung in komplexen institutionellen Strukturen, in Regierungssystemen moderner Staaten, in der öffentlichen Verwaltung, in Bereichen des Dritten Sektors (Verbände, Universitäten) und in privaten Unternehmen hat sich der Begriff Governance etabliert. Governance-Forschung ist zur boomenden Branche geworden.[1] Inzwischen gibt es Forschungsprofessuren, Schriftenreihen,[2] Studiengänge[3] und sogar Hochschulen mit diesem Titel.[4] Mitunter haftet der Governance-Diskussion aufgrund ihrer raschen Entwicklung das Etikett des Modischen an. Auch in der Wissenschaft gibt es die für eine Mode typischen "Erkennungszeichen", mit denen Zugehörigkeit oder Besonderheit demonstriert wird. Der Governance-Begriff scheint ein solches Erkennungszeichen zu sein.[5] Er ist aber auch ein "Brückenbegriff", denn er befördert den interdisziplinären Dialog, verkoppelt disziplinäre Fachdiskurse und ihre Ergebnisse.










Zu den bekanntesten Begriffskombinationen gehören Global Governance, Regional Governance, Local Governance, Corporate Governance und Internet Governance. Im Kern geht es bei den dadurch erfassten Phänomenen um Steuerungs- und Regelungsstrukturen, um das Zusammenwirken von Akteuren (Einzelpersonen, Gruppen, Verbände, Unternehmen, juristische Personen) in einem oder mehreren Praxisfeldern, auf einer oder mehreren territorialen Ebenen. Charakteristisch für Governance ist, dass organisationale, sektorale und/oder staatliche Grenzen überwunden werden.

Eine wesentliche Erkenntnis der Governance-Perspektive besteht darin, dass die Relativität des Staates in der Politik im doppelten Wortsinn reflektiert und bewusst gemacht wird. Der Staat kann nicht allein Macht beanspruchen und durchsetzen, vielmehr gibt es Kombinationen staatlicher Steuerung und gesellschaftlicher Selbststeuerung:[6] "Das Zusammenwirken von Staat und Zivilgesellschaft bei der Regelung kollektiver Sachverhalte im gemeinschaftlichen Interesse ist das Besondere von Governance. (...) Governance im modernen Staat besteht aus dem Neben- und Miteinander von Regelungsformen, die von rein staatlichen bis hin zu rein zivilgesellschaftlichen reichen."[7] Politische Steuerung erfolgt heute in einer Vielzahl von netzwerkartigen Strukturen. Auf allen Feldern haben sich Politiknetzwerke aus staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren gebildet, die nicht nur an der politischen Willensbildung mitwirken, sondern auch die Erfüllung gesellschaftlicher Aufgaben übernehmen.

In diesem Beitrag geht es darum, die Kulturpolitik mit Ergebnissen und Erkenntnissen der Governance-Forschung und -diskussion zu konfrontieren und einen Blick auf das Ganze zu wagen: Steuerung und Führung in der Kulturpolitik. Welche Rolle[8] und welches Selbstverständnis[9] hat der Staat (Bund, Länder und Kommunen) in der Kulturpolitik? Wie wird die kulturelle Infrastruktur im Zusammenwirken von Staat, Markt und Zivilgesellschaft erhalten und fortentwickelt? An welchen Zielsetzungen orientiert sich Cultural Governance?


Fußnoten

1.
So Gunnar Folke Schuppert im Vorwort zu ders., Governance-Forschung. Vergewisserung über Stand und Entwicklungslinien, Baden-Baden 20062.
2.
Vgl. die Schriften zur Governance-Forschung im Nomos-Verlag oder im VS-Verlag für Sozialwissenschaften.
3.
Vgl. den Masterstudiengang "Politische Steuerung und Koordination (Governance)" an der FernUniversität Hagen.
4.
Z.B. die Hertie School of Governance.
5.
So Wolfgang Hoffmann-Riem, Governance im Gewährleistungsstaat - Vom Nutzen der Governance Perspektive für die Rechtswissenschaft, in: G. F. Schuppert (Anm. 1), S. 195f.
6.
Ausführlich dazu Gunnar Folke Schuppert, Governance im Spiegel der Wissenschaftsdisziplinen, in: ders. (Anm. 1), S. 378.
7.
Renate Mayntz, Governance im modernen Staat, in: Arthur Benz (Hrsg.), Governance - Regieren in komplexen Regelsystemen, Wiesbaden 2004, S. 68.
8.
Z.B. Planer, Initiator, Koordinator, Moderator, Infrastruktur-Bereitsteller, Kontrolleur, Evaluator, Multiplikator.
9.
Z.B. "Minimalstaat", "schlanker Staat", "aktivierender Staat" oder "Gewährleistungsstaat".