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27.1.2009 | Von:
Alexander Nützenadel

Entstehung und Wandel des Welternährungssystems im 20. Jahrhundert

Die "erste" Globalisierung 1850 - 1914

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war durch eine starke weltwirtschaftliche Integration geprägt, so dass viele Historiker von einer "ersten" Globalisierung sprechen.[4] Bis dahin hatte sich der großräumige Güteraustausch vor allem auf wenige Produkte wie Pfeffer, Tee oder Zucker beschränkt, bei denen Handelskosten keine Rolle spielten. Dies änderte sich erst durch die Transportrevolution des 19. Jahrhunderts und die steigende Nahrungsmittelnachfrage in den industriellen Wachstumsregionen Europas und Nordamerikas. Zwischen 1850 und 1913 wuchs der Welthandel mit Agrarprodukten jährlich um 3,44 Prozent (vgl. Tab. 2 der PDF-Version). Auch Asien und die südliche Hemisphäre wurden nun zunehmend in die internationalen Handelsnetze einbezogen. Gehandelt wurden nicht mehr nur Luxusprodukte, sondern standardisierbare Massenkonsumgüter wie Weizen, Reis oder Fleisch, die in großen Mengen und zu wettbewerbsfähigen Preisen über Kontinente hinweg gekauft und verkauft wurden.[5] Sinkende Frachtkosten und wachsende Transportkapazitäten spielten dabei eine wichtige Rolle, ebenso technologische Entwicklungen wie die Erfindung der industriellen Kühltechnik, die nun auch den Transport von verderblichen Waren wie Fleisch oder Gemüse über große Entfernungen hinweg ermöglichten.[6] In vielen Segmenten entstanden international operierende Unternehmen mit hoher vertikaler Integrationstiefe, die Produktion, Handel und Vertrieb organisierten.[7]

Gerade die kontinentaleuropäischen Volkswirtschaften sahen sich durch den globalen Wettbewerb vor große Herausforderungen gestellt, die mit hohen Anpassungskosten, heftigen Verteilungskonflikten und parteipolitischen Spaltungen verbunden waren. Die über Jahrzehnte hinweg immer wieder aufflackernden Kontroversen über Freihandel oder Protektionismus müssen hier ebenso genannt werden wie die Konsumentenproteste und Teuerungsunruhen, die insbesondere vor und während des Ersten Weltkriegs eine große soziale Sprengkraft entfalteten.[8]

Fußnoten

4.
Vgl. Kevin H. O'Rourke/Jeffrey G. Williamson, Globalization and History, Cambridge, Mass.-London 1999.
5.
Vgl. Rainer Fremdling, European Foreign Trade Policies, Freight Rates and the World Markets of Grain and Coal during the 19th Century, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 2 (2003), S. 83.
6.
Vgl. C. Knick Harley (ed.), The Integration of the World Economy, 1850 - 1914, Aldershot 1996.
7.
Beispiele sind die amerikanischen Fleischtrusts, vgl. Richard Perren, Taste, Trade and Technology. The Development of the International Meat Industry since 1840, Aldershot 2006.
8.
Vgl. Ronald Rogowski, Commerce and Coalitions: How Trade Affects Domestic Political Alignments, Princeton 1989.