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27.1.2009 | Von:
Alexander Nützenadel

Entstehung und Wandel des Welternährungssystems im 20. Jahrhundert

Hunger und Unterernährung als wissenschaftliches Problem

Die Vorstellung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zur Lösung globaler Probleme beitragen könnten, gewann in dieser Zeit starken Auftrieb. Der Amerikaner Raymond Fosdick, der seit 1936 als Präsident der Rockefeller Foundation die wohl weltweit einflussreichste Stiftung leitete, sah empirisches Wissen als wichtigste Ressource für eine Reform des globalen Wirtschaftssystems: "Through modern statistics we are able, in our generation, to get a complete picture of supply and demand in relation to the world's food", betonte Fosdick 1931. "The field has been surveyed and the factors are known. What we need now is synthetic thinking, constructive brains, and a plan, laid down in world terms."[16]

Zwar war man von einem solchen Plan "in world terms" zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt. Doch die Rockefeller Foundation unterstützte in den 1930er Jahren erstmals agrar- und entwicklungspolitische Projekte in China und initiierte wissenschaftliche Studien zu Gelbfieber und Malaria in Afrika. Überdies förderte die Stiftung systematisch die pflanzengenetischen Forschungen, die seit 1944 unter der Leitung des späteren Nobelpreisträgers Norman Borlaug in Mexiko durchgeführt wurden. Ziel dieser Forschungen war es, die Ernährungsprobleme in Mittel- und Südamerika durch Züchtung besonders ertragreicher und widerstandsfähiger Getreidesorten zu beseitigen.[17] Diese Initiativen waren auch deshalb so wichtig, weil sich hier bereits jene Verbindung von Ernährungspolitik, Technologietransfer und Entwicklungshilfe abzeichnete, welche nach 1945 die internationale Politik der Industriestaaten gegenüber der "Dritten Welt" kennzeichnen sollte.

Eng verknüpft damit war der Aufstieg der modernen Ernährungsforschung, die in den 1930er Jahren im Grenzbereich von Medizin, Agrarwissenschaft, Biologie und Ökonomie entstand.[18] Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, welche Mengen an Kohlehydraten, Eiweiß, Vitaminen und Spurenelementen für die Aufrechterhaltung elementarer körperlicher Funktionen notwendig waren. So schuf das amerikanische Food and Nutrition Board 1941 mit den Recommended Dietary Allowances ein wissenschaftlich begründetes Referenzsystem für Ernährungsstandards, das bis heute gültig ist.

Komplementär dazu formierte sich die Hungerforschung als ein neues Feld medizinischer und ernährungswissenschaftlicher Untersuchungen, welche - das sei hier ausdrücklich erwähnt - keine Errungenschaft der westlichen Demokratien blieb. Gerade nationalsozialistische Wissenschaftler haben sich diesem Thema mit großer Energie angenommen, etwa durch die verbrecherischen Hungerexperimente mit Häftlingen in den Konzentrationslagern oder durch die arbeitsphysiologischen Studien mit ausländischen Zwangsarbeitern.[19]

Die ernährungswissenschaftlichen Forschungen blieben keineswegs auf den wissenschaftlichen Bereich begrenzt, sondern beeinflussten in zunehmendem Maße auch die sozialpolitischen Diskussionen über Einkommen, Lebensstandards und Ernährung, die vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise in ganz Europa starken Auftrieb erhielten. So veröffentlichte der britische Physiologe und spätere erste Generaldirektor der FAO John Boyd Orr 1936 seine bahnbrechende Studie Food, Health and Income, welche die Grundlage für eine sozialpolitisch ausgerichtete Ernährungswissenschaft legte.[20] Er kam zu dem Ergebnis, dass nur gut die Hälfte der britischen Familien über ein Einkommen verfügte, das ausreichte, um sich angemessen mit Lebensmitteln zu versorgen, und mehr als ein Drittel der Bevölkerung mangelernährt war - ein Befund, der in den 1930er Jahren auch für andere Industrieländer bestätigt wurde. Entscheidend war, dass die Debatte über Lebensstandard und Ernährung niemals nur auf die Entwicklung im eigenen Land beschränkt blieb, sondern in einen internationalen Reformdiskurs eingebettet wurde. Die große Hungerkrise, die 1943 in Westindien mehr als vier Millionen Tote forderte, löste eine Debatte über das Versagen der kolonialen Wirtschaftsordnung innerhalb des Commonwealth aus, die erheblich zur Delegitimierung des britischen Empire beitrug.

Die Diskussion über eine internationale Ernährungsordnung wurde durch den Zweiten Weltkrieg neu angefacht. Es waren vor allem die USA und Großbritannien, welche die politische Initiative ergriffen. Meilensteine waren die Proklamation der "Four Liberties" durch den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt und die Atlantic Charta von 1941. Der freie Zugang zu Märkten und Ressourcen wurde darin mit dem Recht auf einen gesicherten Lebensstandard verknüpft, das - ganz in der amerikanischen Verfassungstradition - als individuelles Freiheitsrecht definiert wurde. "Freedom from want" avancierte nun zu einer zentralen Forderung, welche die internationale Ernährungsdebatte fortan prägen sollte und Niederschlag in der Menschenrechtscharta von 1948 fand. Zugleich begannen die westlichen Alliierten bereits während des Zweiten Weltkriegs mit den Planungen für eine umfassende Welternährungspolitik, die als tragender Pfeiler einer wirtschaftlichen Nachkriegsordnung gedacht war.[21]

Fußnoten

16.
Raymond B. Fosdick, The Old Savage in the New Civilization, Garden City 1931, S. 179 f.
17.
Vgl. Marcos Cueto (ed.), Missionaries of Science. The Rockefeller Foundation and Latin America, Bloomington 1994.
18.
Vgl. Nick Cullather, The Foreign Policy of the Calorie, in: American Historical Review, 112 (2007), S. 337 - 364.
19.
Vgl. Dietrich Eichholtz, Die "Krautaktion". Ruhrindustrie, Ernährungswissenschaft und Zwangsarbeit 1944, in: Ulrich Herbert (Hrsg.), Europa und der "Reichseinsatz". Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland 1938 - 1945, Essen 1991, S. 270 - 294.
20.
John Boyd Orr, Food, Health and Income. Report on a Survey of Adequacy of Diet in Relation to Income, London 1936.
21.
Vgl. als wichtiges Dokument: League of Nations, Economic Stability in the Post-War World: The Conditions of Prosperity after the Transition from War to Peace, Genf 1945.