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27.1.2009 | Von:
Peter Jarchau
Marc Nolting
Kai Wiegler

Nahrungsquelle Meer

Ursachen der Überfischung und ihre Auswirkungen

Das Hauptproblem in der Seefischerei besteht darin, dass fast überall auf der Welt Fischbestände als Allgemeingut (common resource) behandelt werden, die jeder gegen Entrichtung einer Lizenzgebühr nutzen kann. Der Zugang zu diesen Fischressourcen ist deshalb nur unzureichend geregelt und beschränkt, was unweigerlich zu einer Übernutzung führt. Bisherige Fischereiregelungen wie die Zuteilung von Quoten (Total Allowable Catches, TAC) haben sich als unzureichend herausgestellt. Ein Beispiel dafür ist die Fischereipolitik in der EU, welche die Empfehlungen des International Council for the Exploration of the Sea (ICES) zur Höhe der Quoten für die kommerziell genutzten Fischbestände fast jedes Jahr um circa 30 % überschreitet. Mittlerweile sind 81 % der Fischbestände in den EU-Gewässern überfischt.[6] In den 1970er Jahren waren es lediglich 10 %. Weltweit sinken die Fänge seit den 1990er Jahren. Setzt man Fangertrag und fischereilichen Aufwand ins Verhältnis, kann man davon ausgehen, dass die Biomasse im Meer im Zeitraum von 1970 bis 2000 um etwa 80 Prozent gesunken ist[7].

Die Fischereien in Europa, im Nordatlantik und im nördlichen Pazifik erreichten ihren Höhepunkt in den 1970er Jahren. Damals waren alle kommerziell wichtigen Fischbestände bis zum Maximum befischt. Danach begannen die Industrienationen ihre fischereilichen Aktivitäten in den Süden auszuweiten. Sie setzten die Überfischung zuerst in Westafrika und später in allen südlichen Meeresgebieten fort. Nachdem 1982 das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (United Nations Convention on the Law of the Sea, UNCLOS) abgeschlossen wurde, vereinbarten die Industrienationen Fischereiabkommen mit den Entwicklungsländern, die über keine eigenen Fangflotten verfügten, um Zugang zu deren ausschließlichen Wirtschaftszonen zu bekommen. Die Aktivitäten dieser fremden Fangflotten sind allerdings mitverantwortlich dafür, dass bisher kaum eine leistungsfähige Fischindustrie in den Entwicklungsländern, insbesondere in Westafrika, aufgebaut wurde.

Der Einsatz dieser Fangflotten der Industrienationen führte auch in diesen Gewässern zur Überfischung. Dies lässt sich gut an den Aufwendungen für Fischereiabkommen der EU ablesen, da diese Zahlungen unter anderem in Relation zu den erwarteten Fangmengen stehen: 2008 betrug das finanzielle Volumen für bilaterale Fischereiabkommen mit Drittländern circa 160 Millionen Euro;[8] im Vergleich dazu wurden 1997 von der EU noch fast 300 Millionen Euro aufgebracht.[9]

Auch illegale industrielle Fischfangflotten rauben einigen der ärmsten Länder die Nahrungsgrundlage und zerstören damit den Lebensunterhalt der einheimischen Kleinfischer. Da viele Entwicklungsländer gar nicht die Möglichkeit haben, ihre 200 Seemeilen exklusiver Bewirtschaftungszone zu nutzen oder zu kontrollieren, haben sie einer illegalen Nutzung dieser Gebiete kaum etwas entgegenzusetzen. Durch diese Piratenfischerei entstehen nach Schätzung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) weltweit jährlich Verluste von bis zu neun Milliarden Euro.[10]

In Westafrika zeigt sich deutlich, dass die Fänge der Fremdflotten die "Anlandungen", also die Fangerträge, der einheimischen Kleinfischereien reduzieren. In vielen Entwicklungsländern ist die Kleinfischerei für viele Menschen, die keine Beschäftigung in der Landwirtschaft oder in anderen Sektoren mehr finden können, die letzte Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Laut FAO ist seit 1950 die Zahl der in der Fischerei direkt Beschäftigten um 400 % auf mehr als 40 Millionen angewachsen (im Vergleich zu 35 % Beschäftigungswachstum in der Landwirtschaft im selben Zeitraum).

Weltweit sind die Fangflotten überkapitalisiert. Zwischen 1970 und 1980 stieg die Anzahl der geschlossenen motorisierten Fischfangboote von 600.000 auf 800.000, bis 1990 hatte sich die Flotte im Vergleich zu 1970 verdoppelt. Seitdem verlangsamte sich das Wachstum beträchtlich und stabilisierte sich bei etwa 1,2 Millionen Schiffen.[11] Hinzu kommen noch 2,8 Millionen offene Boote, die in der Kleinfischerei eingesetzt werden. Die Hälfte dieser Flotte würde ausreichen, um die maximal möglichen Weltanlandungen zu gewährleisten.

Die bisher insgesamt unzureichende Zugangsbeschränkung zu marinen Ressourcen ist nicht nur ein globales ökologisches oder ethisches Desaster, es ist vor allem auch ein ökonomisches: Die 14 bis 20 Milliarden US-Dollar jährlicher Subventionen in Industrie- und Schwellenländern führen zu einer Überkapazität und Überkapitalisierung der industriellen Fangflotten. Mit immer größeren und technisch ausgefeilteren Fahrzeugen werden immer weniger Bestände befischt. Dabei würde weniger Druck auf die marinen Ressourcen deren Reproduktionsfähigkeit und damit den Maximalfangertrag erhöhen. Die Fischerei befindet sich in der paradoxen Situation, dass etwa ein Drittel mehr Fisch angelandet werden könnte, wenn weltweit die Hälfte der Fangfahrzeuge stillgelegt würde. Der jährliche Verlust, d.h. die Differenz zwischen potenziellen und aktuellen volkswirtschaftlichen Nettoerträgen, beläuft sich nach einer aktuellen Studie der Weltbank auf jährlich 50 Milliarden US-Dollar.[12]

Ein zusätzliches Problem in Entwicklungsländern ist der Verderb bereits gefangener Fische wegen fehlender Kühlketten (post-harvest-losses) und unzureichender hygienischer Bedingungen in der Weiterverarbeitung. Dieser vermeidbare Verlust wertvollen tierischen Proteins wird auf etwa 40 % der jährlichen Fangmenge geschätzt.

Die hauptsächlich in den industriellen Fischereien anfallenden Rückwürfe (discards) werden nach jüngsten Berechnungen der Welternährungsorganisation FAO auf etwa sieben Millionen Tonnen beziffert.[13] Bislang dürfen in der EU untermaßige (zu kleine) Fische oder Arten, deren Quote bereits erschöpft ist, nicht angelandet werden. Verletzt, sterbend oder tot werden sie wieder zurück ins Meer geworfen. Beide Probleme (post-harvest-losses und discards) sind neben der massiven Überfischung die dringendsten bei der Nutzung der Nahrungsquelle Meer.

Fußnoten

6.
Vgl. Reinhard Priebe, Die strategische Ausrichtung der EU-Fischereipolitik, Paper zu den Hamburger Gesprächen für Naturschutz 2007: Fische ohne Schutz. Siehe Link unter: http://www.michaelottostiftung.de/popup4.php (3.12. 2008).
7.
Vgl. Daniel Pauly, Auswirkungen der Überfischung auf die Biodiversität, Symposiumspapier zu den Hamburger Gesprächen für Naturschutz 2007 der Michael Otto Stiftung: Fische ohne Schutz.
8.
Siehe unter: http://ec.europa.eu/fisheries/cfp/external_relations/bilateral_agreements_de.htm (3.12. 2008).
9.
Ifremer, Evaluation of the fisheries agreements concluded by the European Community. Summary Report, 1999. Siehe: http://www.docstoc.com/docs/956514/Evaluation-of-EC-Fisheries-Agreements (3.12. 2008), S. 4.
10.
Vgl. http://www.bmelv.de/cln_045/nn_755892/DE/ 05-Fischerei/Fischereiaufsicht/IllegaleFischerei.html_nnn=true (4.12. 2008).
11.
World Bank/Food and Agriculture Organization (FAO), The Sunken Billions. The economic justification for fisheries reform, Agriculture and Rural Development Department, Washington DC 2008. Siehe: http://siteresources.worldbank.org/EXTARD/ Resources/336681 - 1215724937571/SunkenBillionsAdvanceWebEd.pdf (3.12. 2008), S. 13 - 16.
12.
Vgl. ebd., S. 31f.
13.
Vgl. Kieran Kelleher, Discards in the world's marine fisheries. An update, FAO Fisheries Technical Paper No. 470, Rome 2005. Siehe: http://www.fao.org/do crep/008/y5936e/y5936e09.htm bm09.1 (3.12. 2008).