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Deutsche Ansichten zur Korruption


6.1.2009
Die Deutschlandstudie des EU-Forschungsprojekts "Crime and Culture" zeigt, dass Korruption in unterschiedlichen Handlungsfeldern auch sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Die immer noch zaghafte Antikorruptionspolitik wird dadurch erklärbar.

Einleitung



Bis in die 1990er Jahre hinein lebte es sich in der Bundesrepublik ganz gut mit der Vorstellung vom "sauberen Deutschland". Korruption galt als ein Problem moralisch verdorbener Kulturen transalpiner oder orientaler, auf jeden Fall aber weit entfernter, unterentwickelter und in ihren Traditionen befangener Gesellschaften. Diese Sichtweise wurde unterstützt durch die Politikwissenschaft der 1960er Jahre, die Korruption zum Übergangsphänomen sich modernisierender Gesellschaften erklärte.[1] Das Modell ließ sich auch plausibel auf diepostsozialistische Transformation anwenden.[2] Dieses modernisierungstheoretische (Fortschritts-) Modell kam in Zeiten der Postmoderne in Verruf. Empirisch erweisen sich Demokratie und Marktwirtschaft als durchaus mit Korruption verträglich.[3] Mit der Gründung der Nichtregierungsorganisation (NGO) Transparency International,[4] die sich dem Kampf gegen Korruption verschrieben hat, wurde dieses Umdenken gesellschaftlich und politisch wirksam. Die modernen westlichen Länder sahen sich plötzlich als Hauptschuldige für das durch Korruption verursachte Elend in Afrika, Asien und Lateinamerika an den Pranger gestellt.








Zivilgesellschaftliches Engagement setzte eine Moralisierung der Politik und der Wirtschaft in Gang - mit der Folge, dass Anti-Korruption zum Grundsatz wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Strukturpolitik in einer sich globalisierenden Welt erhoben wurde. So fungierte Anti-Korruption zunehmend auch als wesentlicher Mittler neoliberaler Politik.[5] Wie ein roter Faden zieht sich das Eingeständnis durch die wissenschaftliche Literatur, dass moderne Institutionen (das heißt Regelwerke des Rechts, Markts, Parlaments) allein Korruption nicht verhindern können, solange eine ihr Funktionieren gewährleistende "Gesinnung" fehlt, die überhaupt erst Vertrauen als Grundlage sozialen Handelns schafft. Interessanterweise ist "Religion" (neben der "Offenheit der Wirtschaft") der robusteste statistische Indikator für das Ausmaß an Korruption,[6] auch wenn über die Deutung dieses Phänomens noch gestritten wird.

Das internationale Projekt "Crime and Culture" unternimmt daher erste Schritte, im Rahmen eines europäischen Kulturvergleichs empirische Daten für die Rekonstruktion der "Gesinnung" (im zeitgenössischen Soziologenjargon: Habitus) zu erheben.[7]


Fußnoten

1.
Vgl. Samuel P. Huntington, Political Order in Changing Societies, New Haven 1968.
2.
Vgl. Ilja Srubar, Korruption in Osteuropa, in: Oskar Kurer (Hrsg.), Korruption und Governance aus interdisziplinärer Sicht, Neustadt 2003, S. 149 - 175; Stephen Kotkin und Andras Sajó (eds.), Political Corruption in Transition: A Sceptic's Handbook, Budapest 2002.
3.
Vgl. Susan Rose-Ackerman, Corruption. A Study in Political Economy, New York 1978.
4.
Siehe auch die Homepage der Organisation unter: www.transparency.org (10. 12. 2008).
5.
Vgl. Ivan Krastev, Shifting Obsessions. Three Essays on the Politics of Anticorruption, Budapest 2004.
6.
Vgl. Philip Manow, Korruption als Gegenstand der Politikwissenschaft, in: Hans Herbert von Arnim (Hrsg.), Korruption. Netzwerke in Politik, Ämtern und Wirtschaft, München 2003, S. 239 - 279; Ulrich von Alemann, Protestanten an die Macht, in: Der Überblick, (2006) 2, S. 13; Johann Graf Lambsdorff, Wieso schadet Korruption?, in: Ulrich von Alemann (Hrsg.), Dimensionen politischer Korruption, Wiesbaden 2005, S. 233 - 248.
7.
Der komplette Titel der Projekts, an dem beide Autoren des vorliegenden Beitrags beteiligt sind, lautet: "Crime as a Cultural Problem. The Relevance of Perceptions of Corruption to Crime Prevention. A Comparative Cultural Study in the EU-Accession States Bulgaria and Romania, the EU-Candidate States Turkey and Croatia and the EU-States Germany, Greece and United Kingdom." Siehe auch die Hompeage des Projekts unter: www.uni-konstanz.de/crimeandcul ture/index.htm (10. 12. 2008).