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13.12.2010 | Von:
Stefan Hradil

Der deutsche Armutsdiskurs - Essay

Gibt es überhaupt Armut?

Einigkeit besteht darin, dass Armut in modernen Gesellschaften nur noch selten "absolute" Armut ist. Menschen laufen hier und heute nur noch selten Gefahr, infolge schlechter Lebensumstände zu verhungern, zu erfrieren oder unmittelbar krank zu werden. Kaum jemand bestreitet auch, dass Armut in diesem absoluten Sinne (moralisch) nicht zu rechtfertigen und (instrumentell) nachteilig selbst für die nicht Armen ist.

Als typische Armut in modernen Gesellschaften gilt die "relative" Armut. "Relativ" heißt sie deshalb, weil sie sich am Lebensstandard und an den Maßstäben der jeweiligen Gesellschaft bemisst. Über deren abstrakte Definition wird wenig gestritten. Weithin akzeptiert ist eine Interpretation der Europäischen Union (EU) aus den 1980er Jahren: Hiernach wird als arm angesehen, wer so wenig zur Verfügung hat, dass er von der Lebensweise ausgeschlossen ist, die im jeweiligen Land als Minimum annehmbar gilt. Unter diesem Minimum wird immer weniger ein bestimmter Lebensstandard, sondern die Teilhabe an wesentlichen gesellschaftlichen Bereichen verstanden.[1]

Die Kontroversen beginnen dann aber schon bei der Frage, inwieweit diese relative Armut existiert und wie gravierend sie gegebenenfalls ist. Üblicherweise gelten in der Bevölkerung und im öffentlichen Diskurs mindestens diejenigen als arm, die so wenig Einkommen haben, dass sie berechtigt sind, öffentliche Leistungen zur Armutsbekämpfung (also etwa "Hartz IV") in Anspruch zu nehmen. Dieser Einschätzung stimmen auch die meisten Sozialwissenschaftler zu, weil für sie, wie schon Georg Simmel festhielt, Hilfsbedürftigkeit den Kern der Armut darstellt. Vielen Finanz- und Sozialpolitikern leuchtet es jedoch nicht ein, Empfänger von Sozialleistungen als arm anzusehen. Denn deren Armut wird ja bekämpft, und zwar mit vielen Steuergeldern. Insbesondere wird bekämpfte Armut dann nicht als Armut angesehen, wenn Leistungserhöhungen, die Gerichte oder Sozialminister den Finanzministern abtrotzen, dazu führen, dass mehr Niedrigverdiener anspruchsberechtigt sind und so ausgerechnet Armutsbekämpfung dazu führt, dass Armut statistisch zunimmt.

Die öffentlich diskutierten Armutszahlen beruhen jedoch meist nicht auf der "Sozialhilfegrenze". Vielmehr gelten alle Menschen als arm, deren "bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Haushaltseinkommen" weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beträgt.[2] Über diese Messlatte, in den Medien meist unhinterfragt übernommen, wird jedoch unter Fachleuten heftig gestritten.[3] Viele sehen darin schlichtweg die Armutsgrenze, unter anderem deshalb, weil sie international akzeptiert ist, somit Armut in Deutschland und anderen Ländern gut verglichen werden kann. Andere machen darauf aufmerksam, dass jede Prozentgrenze im Grunde willkürlich ist und sie zudem soziale Ungleichheit und nicht Armut misst. Die Grenze sagt nämlich nichts über Mindestbedarfe und Exklusion aus, sondern nur über einen bestimmten Abstand zur Mitte. In einer reichen Gesellschaft, so wird kritisiert, werden Menschen mit 60 Prozent des mittleren Einkommens recht gut dastehen. In einer Gesellschaft, in der alle hungern, sei dagegen nach dieser Definition niemand arm.[4]

Gegen die üblicherweise publizierten Armutszahlen wird auch tiefer gehende Kritik laut: Wer eine bestimmte Einkommensgrenze als Armutsgrenze für alle heranzieht, einerlei, ob er die "Sozialhilfegrenze" oder eine "Prozentgrenze" verwendet, der unterstellt im Grunde, dass alle Menschen gleich (gut) mit Geld umgehen. Sonst wäre nicht zu rechtfertigen, dass unterhalb eines für alle gleichen Einkommens die Armut beginnt. In der Realität gibt es jedoch Menschen, die rational und sparsam wirtschaften, und Menschen, die sich unwirtschaftlich verhalten. Die konkreten Lebensumstände der Einkommensschwachen, die zum Beispiel viel Geld in Alkohol oder elektronisches Spielzeug umsetzen, sind selbstredend schlechter als die Lage der Sparsamen. Jede fixe Armutsgrenze, so der Einwand, gibt daher wenig Auskunft über die konkrete Lebenslage. Überlegungen wie diese veranlassten denn auch die EU und die (seinerzeit noch schwarz-rote) Bundesregierung, einkommensschwache Menschen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdienen, in ihrem Armutsbericht 2008 nicht als "arm", sondern als "armutsgefährdet" zu bezeichnen.[5]

In ähnlicher Weise wird gegen feste Armutsgrenzen eingewendet, dass die "Ausgabezwänge" in der Stadt und auf dem Land, als isolierter Single und innerhalb eines Netzwerkes etc. sehr ungleich sind. Auch hier stimmt die Armutsgrenze mit der konkreten Lebenslage nicht überein.

Sind die zuletzt genannten Kontroversen eher akademischer Natur, so wird in der Bevölkerung oft viel elementarer darüber gestritten, wie "schlimm" relative Armut überhaupt sei. Die einen verweisen darauf, wie viel besser doch die relativ Armen im reichen Europa als die absolut Armen in Afrika lebten. Sie machen darauf aufmerksam, dass heute viele übergewichtige Arme in beheizten Wohnungen vor dem Fernsehapparat sitzen, während Arme noch in der Nachkriegszeit hierzulande (ver)hungerten, (er)froren und (sich zu Tode) schufteten.

Andere vertreten genau die gegenteilige Meinung: Relative Armut in reichen Gesellschaften sei schlimmer als absolute Armut in armen Gesellschaften, vor allem deshalb, weil Armut dort "normal" sei und niemanden ausschließe. Die reiche Gesellschaft jedoch zeige den Armen, wie vielfältig ihre Möglichkeiten sein könnten und wie anders ihre Existenz aussehen könnte. In reichen Gesellschaften werde die Verteilung von Geld und anderen knappen begehrten Gütern mit dem Satz legitimiert: "Jeder ist seines Glückes Schmied." Armut gehe daher mit Verachtung und geringer Selbstachtung einher. Armut schäme sich und ziehe sich zurück, während Reichtum selbstbewusst auftrete und die Normen setze, an denen sich die Armut zu messen habe. Es sei somit der Reichtum, der die Armut schaffe. Deshalb sei Armut gerade in reichen Ländern besonders fühlbar.[6]

Eine andere Facette des laufenden Armutsdiskurses betrifft die Entwicklungstendenz: Die einen - hauptsächlich Ökonomen und Liberale - sagen, hier werde stark dramatisiert.[7] Selbst wenn man die üblichen Grenzziehungen akzeptiere, habe seit den 1990er Jahren Armut kaum zugenommen und werde in den kommenden Jahren zusammen mit der Arbeitslosigkeit, ihrer wichtigsten Ursache, im Zuge des demografischen Wandels sicher abnehmen. Die anderen - im Wesentlichen Linke, die meisten Sozialdemokraten und religiös Eingestellte - wehren sich gegen diese Nonchalance. Wenn alle Prognosen besagen, dass soziale Ungleichheit zunehme, so wird argumentiert, dann werde auch Armut nicht geringer werden. Armut sei im Gegenteil dabei, sich zu verfestigen und zu "vererben".[8]

Damit kommen wir zur Frage, inwieweit sich eine arme Unterschicht herausbildet. Hier wurden manche Töne im Armutsdiskurs schrill, lauter jedenfalls, als es parteipolitische Positionierung und Instrumentalisierung allein erklären können. Denn es ging um die finanziellen und kulturellen Konsequenzen, nicht zuletzt für die nicht armen Bevölkerungskreise.

Fußnoten

1.
Vgl. Olaf Groh-Samberg, Armut, soziale Ausgrenzung und Klassenstruktur, Wiesbaden 2009, S. 36.
2.
Als Messlatte wird dabei der Median des "bedarfsgewichteten Pro-Kopf-Haushaltseinkommens"
("Äquivalenzeinkommen") herangezogen. Das Medianeinkommen ist so definiert, dass die Hälfte der Bevölkerung ein höheres, die andere Hälfte ein geringeres Einkommen zur Verfügung hat. Warum gilt der Median und nicht länger das arithmetische Mittel als Bezugsgröße? Weil letzteres durch die extrem hohen Einkünfte weniger Menschen mittlerweile so sehr nach oben getrieben wird, dass das arithmetische Mittel mit der "Mitte der Gesellschaft" nicht mehr viel zu tun hat.
3.
Vgl. Olaf Groh-Samberg/Jan Goebel, Armutsmessung im Zeitverlauf, in: Wirtschaftsdienst, (2007) 87, S. 397-403.
4.
Vgl. Walter Krämer, Werden die Deutschen immer ärmer?, in: GWP, 54 (2005) 4, S. 395ff.
5.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.), Lebenslagen in Deutschland. Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin 2008.
6.
Vgl. Franz Hamburger, Abschied von der interkulturellen Pädagogik, München 2009.
7.
Vgl. "Die Tricksereien machen mich fassungslos", in: Süddeutsche Zeitung vom 26.5.2008.
8.
Vgl. "In Deutschland wird Armut vererbt", in: Der Tagesspiegel vom 6.10.2007.

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