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13.12.2010 | Von:
Olaf Groh-Samberg

Armut verfestigt sich - ein missachteter Trend

Kombinierter Armutsindikator

Ein multidimensionaler und längsschnittlicher Armutsindikator ist selbstverständlich empirisch aufwendiger und erfordert eine Vielzahl von inhaltlich begründeten Entscheidungen, etwa über die zu berücksichtigenden Lebenslagen und die Bestimmung von Mindeststandards oder über die Abgrenzung kurzfristiger von langfristiger Armut.[12] Hier werden, auf Basis des SOEP, neben dem verfügbaren Einkommen drei konkrete Lebenslagen herangezogen, die in enger Wechselwirkung mit den laufenden Einkommen stehen: Die Wohnsituation (Größe, bauliche Qualität und sanitäre Ausstattung der Wohnung) ist Ausdruck der eher langfristigen Einkommenssituation und des Lebensstandards. Die Verfügbarkeit bzw. das Fehlen von finanziellen Rücklagen ist Ausdruck vergangener Einkommenserzielung und prägt die Handlungsoptionen und das Sicherheitsgefühl gegenüber der Zukunft. Arbeitslosigkeit schließlich ist eine der wichtigsten Einkommensquellen und zugleich eine der wichtigsten nicht-monetären Dimensionen der sozialen Teilhabe. Die Einkommens- und Lebenslagen einer Person werden zudem über fünf aufeinanderfolgende Jahre hinweg betrachtet. Damit soll zum einen die Güte (Validität) der Armutsmessung erhöht werden - etwa im Sinne einer Identifikation der "wirklich" Armen (truly poor).[13] Zum anderen soll den unterschiedlichen Ausprägungen von Armut und Prekarität Rechnung getragen werden. Je nach der Dauer und Intensität von Einkommensmangel und Lebenslagendeprivationen können Zonen des Wohlstands, der Prekarität und der Armut unterschieden werden, aber auch "Entstrukturierungen" der Armut:

In der Zone des gesicherten Wohlstands am obersten Ende der Wohlfahrtsverteilung finden wir ausschließlich gesicherte Einkommen und Lebenslagen. In der darunterliegenden Zone des instabilen Wohlstands finden wir dagegen häufiger auch Jahre mit prekären Einkommen oder einzelnen Deprivationen - der Wohlstand zeigt Risse. In der dann folgenden Zone der Prekarität leben Personen zumeist mit prekären Einkommen und einzelnen Deprivationen. Die materielle Situation hat sich hier noch nicht zur dauerhaften multiplen Armut verfestigt, aber ihre Drohung ist stets präsent, und es finden sich kaum mehr Phasen des Wohlstands. In der Zone der verfestigten Armut am untersten Rand der Gesellschaft leben Personen, die sich überwiegend in Einkommensarmut befinden und mehrfache Lebenslagendeprivationen aufweisen. Hier hat sich die Armut in Einkommen wie Lebenslagen gleichermaßen festgesetzt.[14]

Während in der Zone der Prekarität bereits inkonsistente und temporäre Erscheinungen von Armut auftreten, im Ganzen gesehen aber das "Grau" zwischen Armut und Wohlstand als eigenständige "Farbe" dominiert, finden wir auch ausgeprägte Typen der "entstrukturierten" Armut, in der der Widerspruch zwischen Armut und Wohlstand eine eigene Form angenommen hat. Der Typus der temporären Armut ist dadurch gekennzeichnet, dass sich Jahre mit gesicherten Einkommen und ohne Lebenslagendeprivationen mit Jahren von Einkommensmangel und Deprivationen abwechseln. Beim Typus der inkonsistenten Armut sind dagegen Widersprüche zwischen Einkommen und Lebenslagen auf Dauer gestellt. Die durchschnittliche Einkommens- und Lebenslagensituation über alle fünf Jahre hinweg ist für die beiden Typen der entstrukturierten Armut weitgehend identisch und vergleichbar mit der Zone der Prekarität, aber die Erscheinungsformen und Erfahrungsweisen der Armut bzw. Prekarität sind sehr unterschiedlich.

Fußnoten

12.
Vgl. O. Groh-Samberg (Anm. 2).
13.
Vgl. Björn Halleröd, The Truly Poor, in: Journal of European Social Policy, (1995) 2, S. 111-129.
14.
Der Anteil der verfestigten Armut dürfte dabei noch tendenziell unterschätzt werden, da bestimmte Personengruppen der "extremen Armut" wie Wohnungslose, illegalisierte Migranten und viele Personen in Heimen per se nicht von Umfragen wie dem SOEP erfasst werden können oder zumindest deutlich unterrepräsentiert sind.

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