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13.12.2010 | Von:
Karl August Chassé

Kinderarmut in Deutschland

Messung von Kinderarmut

Die einfach scheinende Frage, wie viele arme Kinder es in Deutschland gibt, wirft analytisch eine Reihe von Problemen auf. Zunächst können Kinder nur als Angehörige armer Haushalte erfasst werden, so dass implizit eine proportional gewichtete Verteilung des Haushaltseinkommens auf die Mitglieder vorausgesetzt wird (die empirische Forschung zeigt dagegen, dass die Eltern häufig bemüht sind, den Kindern größere Teile des Familieneinkommens zukommen zu lassen, und dafür eigene Bedürfnisse zurückstellen). Die Erfassung von Armut geschieht zudem als Querschnitt, das heißt, es wird die Situation am Stichtag, nicht in ihrem Verlauf und ihrer Dynamik gemessen. Allein schon diese beiden Einschränkungen deuten darauf hin, was alle empirischen Untersuchungen zur Kinderarmut ergeben haben, nämlich dass die konkrete Lebenslage und Lebenssituation der Kinder bei gleichem unzulänglichen Einkommen der Familie, in Geldgrößen gemessen, überaus unterschiedlich sein kann. Kinderarmut hat viele Gesichter.

Mit dem Konzept der relativen Armut wird Kinderarmut nach dem Standard der Europäischen Union (EU) als eine Form sozialer Ungleichheit definiert, die bei einer Unterschreitung von 60 Prozent des gesellschaftlichen Medianeinkommens vorliegt. Dazu wird das "äquivalenzgewichtete" Haushaltsnettoeinkommen gemessen, indem jedem Haushaltsmitglied ein bestimmtes Äquivalenzgewicht zugeordnet und das gesamte Haushaltseinkommen durch die Summe der Gewichte geteilt wird (wie erwähnt, wird hier implizit eine proportionale Verteilung der Einkommen unter den Haushaltsmitgliedern unterstellt). Der Gewichtung liegt die Annahme zu Grunde, dass bei Mehrpersonenhaushalten Ersparnisse entstehen, etwa weil die Mietkosten eines Vierpersonenhaushalts nicht das Vierfache eines Einpersonenhaushalts ausmachen; Gleiches gilt für die Ernährung und andere Bereiche der Lebensführung. Die Gewichtung geht zudem davon aus, dass Kinder einen geringeren Bedarf als Erwachsene haben. Bei der aktuellen Äquivalenzskala werden etwa Kinder bis 14 Jahre mit 0,3 (30 Prozent) gewichtet, Kinder über 14 Jahre mit 0,5.

In Deutschland ist es seit dem Jahr 2000 zu einer erheblichen Zunahme des Armutsrisikos gekommen ("Armutsrisiko" bezeichnet die rechnerische Unterschreitung des Medianeinkommens unter 60 Prozent). Insgesamt ist die Armutsquote von 11,8 Prozent der Bevölkerung im Jahr 2000 auf 18,3 Prozent im Jahr 2006 (14,9 Millionen Personen) angestiegen.[3] Besonders drastisch fällt der Anstieg bei unter 15-Jährigen und 16- bis 24-Jährigen aus (von 15,7 bzw. 16,4 Prozent im Jahr 2000 auf 26,3 bzw. 28,3 Prozent im Jahr 2006).[4] Im Vergleich der Altersgruppen fällt mit 12,1 Prozent die Armutsbetroffenheit in der Gruppe der über 65-Jährigen am niedrigsten aus, während Kinder und Jugendliche am stärksten betroffen sind. Die Kinderarmutsquote in Westdeutschland beträgt (gemessen am EU-Median) 12,4 Prozent, in Ostdeutschland 23,7 Prozent - nahezu jedes vierte ostdeutsche Kind muss als einkommensarm gelten.

Als zeitlicher Trend zeigt sich seit den 1990er Jahren, dass Kinder und junge Erwachsene nicht nur deutlich stärker vom Armutsrisiko betroffen sind als die übrige Bevölkerung, sondern dass auch der Anstieg vor allem seit 1998 im Vergleich deutlich stärker ausgefallen ist. Diese Zahlen variieren je nach Datenbasis und lassen daher Spielraum für unterschiedliche politische Interpretationen.[5] In Deutschland beziehen sich die genannten Armutsquoten entweder auf die alle fünf Jahre vom Statistischen Bundesamt genommene Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS),[6] das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) oder die Daten aus den European Union Statistics on Income and Living Conditions (EU-SILC). Die unterschiedlichen methodischen Designs, durch die vor allem bei der EVS und der EU-SILC-Befragung ausländische Bevölkerungsgruppen und Haushalte mit kleinen Kindern unterrepräsentiert sind, führen dabei teilweise zu erheblichen Abweichungen. In der Fachdiskussion gilt die Datenbasis des SOEP insgesamt (auch sie hat Schwachstellen) als realistischste.[7] Allen Unterschieden zum Trotz belegen die verschiedenen Datenquellen jedoch übereinstimmend einen Armutsanstieg, von dem insbesondere Kinder betroffen sind.

Eine andere Methode der Armutsmessung bezieht sich auf den Hilfebezug. Waren schon in der bis Ende 2004 gültigen Sozialhilfe Kinder die am stärksten betroffene und zuletzt am stärksten anwachsende Gruppe, so hat sich diese Entwicklung in der neuen Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuch II ("Hartz IV" bzw. Arbeitslosengeld II bzw. Sozialgeld für Kinder bis zum 15. Lebensjahr) fortgesetzt; hier stellen Kinder unter 15 Jahre mit einer Quote von 16,3 Prozent der gleichaltrigen Bevölkerung die am stärksten vertretene Altersgruppe dar (Juli 2008: 1,8 Millionen Kinder). Irene Becker geht in einer Dunkelzifferanalyse aufgrund verdeckter Armut im Sozialgeldbezug von einer Million Kindern aus, die zusätzlich anspruchsberechtigt wären.[8]

Der Regelsatz ist mit 359 Euro (ab 2011: 364 Euro) monatlich leicht höher als die ehemalige Sozialhilfe, jedoch sind die einmaligen Leistungen (Kleidung und Schuhe, Schulausstattung, Haushaltsgeräte bzw. -ausstattung) weitgehend entfallen. Das Sozialgeld für Kinder bis zum 6. Geburtstag beträgt 215 Euro (60 Prozent vom Regelsatz), für ältere Kinder bis zum 14. Geburtstag 251 Euro (70 Prozent).

Gegenüber der alten Sozialhilfe hat sich die Ost-West-Differenz beim Sozialgeldbezug von Kindern deutlich vertieft (29,7 zu 13,8 Prozent im Juni 2008). Auch die Dauer der Armut von Kindern hat im vergangenen Jahrzehnt deutlich zugenommen.[9] Wie schon in der Sozialhilfe gibt es starke regionale Differenzierungen zwischen Nord und Süd und Ost und West. Während der Sozialgeldbezug von Kindern in den ostdeutschen Bundesländern durchgehend hoch ist (für Kinder unter 15 Jahren: Berlin 37,1%, Sachsen-Anhalt 32,3%, Mecklenburg-Vorpommern 31,1%, Sachsen 26,5%, Brandenburg 25% und Thüringen 24,5%), liegen die Quoten der süddeutschen Länder unter zehn Prozent.

Hinsichtlich der Haushaltsstruktur kommen alle Datenquellen zu dem Ergebnis, dass vor allem Einelternhaushalte, Arbeitslosenhaushalte und Haushalte von Menschen mit Migrationshintergrund besonders betroffen sind. Insgesamt fügen sich die steigenden Armutsquoten von Kindern und Jugendlichen in einen allgemeinen Trend der weiteren Zunahme der Polarisierung der Einkommensverteilung bei großen regionalen Unterschieden ein.[10] Während sich im langfristigen Trend die unteren Einkommensgruppen vergrößern, schrumpft die Mittelschicht.[11] Im obersten Zehntel sind die Einkommen zwischen 2000 und 2008 um 15 Prozent gestiegen, im untersten Zehntel um neun Prozent gesunken, während insgesamt das Einkommen in diesen acht Jahren um zwei Prozent sank.

Fußnoten

3.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) (Hrsg.), Integrierte Analyse der Einkommens- und Vermögensverteilung. Abschlussbericht, Bonn 2007, S. 46ff., online: www.bmas.de/coremedia/generator/27418/
property=pdf/a369__forschungsprojekt.pdf (23.11.2010), S. IV.
4.
Vgl. ebd., S. 121.
5.
Vgl. BMAS, Lebenslagen in Deutschland. Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin 2008.
6.
Zuletzt 2003, die Daten von 2008 stehen noch nicht zur Verfügung.
7.
Vgl. Richard Hauser, Das Maß der Armut. Armutsgrenzen im sozialstaatlichen Kontext. Der sozialstatistische Diskurs, in: Ernst-Ulrich Huster/Jürgen Boeckh/Hildegard Mogge-Grotjahn (Hrsg.), Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung, Wiesbaden 2008, S. 94-117; BMAS (Anm. 3), S. VII und S. 19-27.
8.
Vgl. Irene Becker, Armut in Deutschland: Bevölkerungsgruppen unterhalb der Alg II Grenze, SOEP-Papers on Multidisciplinary Panel Data Research, Berlin Februar 2007, S. 36f.
9.
Vgl. BMAS (Anm. 3), S. 105; Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Datenreport 2008, Bonn, S. 171.
10.
Vgl. Markus M. Grabka/Joachim R. Frick, Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland: Kinder und junge Erwachsene sind besonders betroffen, in: DIW-Wochenbericht, (2010) 7, S. 2-11, hier: S. 4f.
11.
Vgl. Jan Goebel/Martin Gornig/Hartmut Häussermann, Polarisierung der Einkommen: Die Mittelschicht verliert, in: DIW-Wochenbericht, (2010) 24, S. 2-8.

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