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22.11.2010 | Von:
Rosine Schulz

Freiwilliges Engagement Arbeitsloser - Chancen und Herausforderungen

Erfahrungsmerkmale des freiwilligen Engagements

Mit Bezug auf die repräsentative Trenderhebung des Freiwilligensurveys ist freiwilliges Engagement hier definiert als eine freiwillige, gemeinwohlorientierte, öffentliche, nicht auf materiellen Gewinn gerichtete und gemeinschaftlich ausgeübte Tätigkeit, die sich in Organisationen des Nonprofit-Sektors entfaltet.[8]

Den Ergebnissen des Freiwilligensurveys zufolge wird deutlich, dass Arbeitslose und geringer qualifizierte Personen innerhalb des freiwilligen Engagements unterrepräsentiert sind.[9] Berücksichtigt man jedoch bei den noch nicht freiwillig engagierten Personen deren Bereitschaft zum Engagement, so zeigt sich, dass dieses "externe" Engagementpotenzial überwiegend durch die Gruppe der Arbeitslosen getragen wird. In den alten wie in den neuen Bundesländern wären 2004 jeweils 48 Prozent der noch nicht engagierten Arbeitslosen bereit gewesen, sich freiwillig zu engagieren. Die Gründe dafür blieben offen, weshalb ich in einer eigenen empirischen Studie den folgenden drei Fragen nachgegangen bin: Welche Auswirkungen hat freiwilliges Engagement speziell auf die Gruppe der Arbeitslosen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen den gegenwärtigen Engagementstrukturen innerhalb der Organisationen des Nonprofit-Sektors und der Unterrepräsentanz Arbeitsloser innerhalb des freiwilligen Engagements? Wie kann das freiwillige Engagement Arbeitsloser gefördert werden?[10]

Folgende Erfahrungsmerkmale freiwilligen Engagements habe ich dabei herausgearbeitet:

  • Freiwilliges Engagement bietet den Engagierten eine sinnvolle Aufgabe und eine Strukturierungsmöglichkeit ihres Alltags, die für die Gruppe der Arbeitslosen unter den Freiwilligen eine Orientierungs- und Ankerfunktion übernimmt.
  • Für Menschen, die aus sozialen Netzwerken herausgefallen sind, wird das Knüpfen neuer sozialer Kontakte erleichtert.
  • Freiwilliges Engagement ermöglicht die Erhaltung und Erweiterung der sozialen und fachlichen Kompetenzen über gezielte Qualifizierungen sowie über informelle Lernprozesse, die einen beträchtlichen Beitrag dazu leisten, den wachsenden Herausforderungen eines lebenslangen Kompetenzerwerbs begegnen zu können.
  • Innerhalb der Organisationen des Nonprofit-Sektors, die eine gezielte Anerkennungskultur für ihre Freiwilligen etabliert haben, erfahren auch Arbeitslose für ihren Einsatz Wertschätzung und Anerkennung. Dies fördert ein neues, selbstbewusstes Auftreten und stärkt ihre Persönlichkeit.
  • Situationsbezogen werden auch Aufwandsentschädigungen und geringfügige finanzielle Pauschalen angeboten, die bedürftigen Personen eine Freiwilligentätigkeit ermöglichen, die sie sich ohne diesen materiellen Rahmen nicht leisten können.
Diese Ergebnisse führen zu folgender These: Freiwilliges Engagement bietet den Engagierten insbesondere immaterielle Vorteile, die Parallelen zu den Erfahrungsmerkmalen der Erwerbsarbeit aufweisen.

Alle Freiwilligen profitieren von diesen Engagementvorteilen - für die Arbeitslosen unter ihnen stellen sich die Möglichkeiten zur Qualifizierung, Neuorientierung und Persönlichkeitsstärkung sogar als wichtige Schlüsselkomponenten heraus. Für eine Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt und die Erfüllung des dortigen Anforderungsprofils können sie eine Brückenfunktion übernehmen, die sich konkret in der Kompetenzerhaltung und -erweiterung ausdrückt. Aus diesem Grund habe ich, speziell für ein freiwilliges Engagement Arbeitsloser, den Begriff "Kompetenz-Engagement" eingeführt.

Fußnoten

8.
Vgl. T. Gensicke/S. Picot/S. Geiss (Anm. 3), S. 34ff.; BMFSFJ (Hrsg.), Monitor Engagement. Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004-2009, Kurzbericht des 3. Freiwilligensurveys, Berlin 2010.
9.
Tatsächlich waren im Jahr 2004 40 Prozent aller Erwerbstätigen freiwillig engagiert, 27 Prozent aller Arbeitslosen und 20 Prozent aller ungelernten Arbeiter. Die Angaben zum freiwilligen Engagement Arbeitsloser im Erhebungsjahr 2009 können dem Gesamtbericht des 3. Freiwilligensurveys entnommen werden, der vor der Publikation dieses Beitrages noch nicht öffentlich zugänglich war.
10.
Zur Beantwortung dieser Fragen wurden 15 leitfadengestützte Experteninterviews in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Berlin geführt. Befragt wurden Sachverständige innerhalb unterschiedlicher Organisationen des Nonprofit-Sektors, bei denen sowohl ein Kontakt zu arbeitslosen Freiwilligen als auch zu den übrigen Freiwilligen innerhalb der Organisationen vorausgesetzt werden konnte, um auf diese Weise vergleichbare Ergebnisse zu erhalten. Bei der Fallauswahl wurde die regionale, institutionale sowie konditionale Heterogenität berücksichtigt. Die empirische Erhebung wurde auf der individuellen Ebene durch ein Gruppeninterview mit vier langzeitarbeitslosen Frauen, die sich freiwillig engagierten, ergänzt. Vgl. Rosine Schulz, Kompetenz-Engagement. Ein Weg zur Integration Arbeitsloser in die Gesellschaft, Wiesbaden 2010.

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