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8.11.2010 | Von:
Michael Bommes

Kommunen: Moderatoren im Prozess der sozialen Integration?

Den Städten und Gemeinden wird verstärkt eine Schlüsselrolle für die Integration von Migranten zugewiesen. Sie können nur dann Moderatoren der Integration vor Ort sein, wenn Bund und Länder die dafür erforderlichen Ressourcen bereit stellen.

Einleitung

Es ist zum Topos geworden, dass die soziale Integration von Migranten "vor Ort" und damit in Städten oder Gemeinden stattfindet. Integration findet gewiss "vor Ort" statt wie eben alles, was geschieht, stets irgendwo "vor Ort" stattfindet. Aber dies bedeutet nicht, dass die Bedingungen der Integration auch vor Ort kontrolliert werden können - sinnfällig daran, dass Arbeitnehmer von Beschäftigungsbedingungen in Unternehmen abhängig sind, die durch globale und eben nicht lokale Konstellationen bestimmt sind. Daher müssen auch Kommunen, wie nur zu bekannt, global denken, um lokal handeln zu können. Als Gemeinde oder Kommune wird im Folgenden ein im politischen System als Gebietskörperschaft der "Gemeinde" differenzierter Organisationsverbund bezeichnet. Integrationspolitisch bedeutsam ist, welche Rolle Städten und Gemeinden als Entscheidungsebenen mit den Mitteln kommunaler Politik in der Handhabung von lokal, national, europäisch oder global bestimmten Bedingungen der Migration und Integration zukommt. Die Aufgabenstellung eines "lokalen Integrationsmanagements" wird oft missverständlich als primäre Aufgabe der Kommunen formuliert. Dies führt zu einer Überschätzung kommunaler Möglichkeiten, wenn übersehen wird, dass die Bedingungen sozialer Integration eben in vielerlei Hinsicht in überlokale und sich lokaler Politik entziehende Horizonte eingebettet sind, und zu einer Unterschätzung, wenn das beträchtliche und von zahlreichen Kommunen auch genutzte kommunale Moderationspotenzial von Integrationsprozessen übersehen wird.

Erfolgreiche Integration von Migranten lässt sich soziologisch als gelungene Realisierung der Teilnahme an für die Lebensführung bedeutsamen gesellschaftlichen Bereichen (wie Arbeit, Ausbildung, Gesundheit, Recht, Politik) begreifen. Erfolgreiche und erfolglose Integrationsprozesse gehen als Resultat primär hervor aus dem Zusammenspiel der Anstrengungen der Migranten, sich an den sozialen Bedingungen der Teilnahme in den genannten Bereichen und den dort gültigen Anforderungen auszurichten. Migranten sind daher erhebliche Anpassungsleistungen abverlangt. Zugleich sind ihre Erfolgsaussichten durch kaum funktionalen Erfordernissen in Unternehmen, Schulen oder Verwaltungen geschuldete Hürden eingeschränkt wie etwa die Kontrolle der Arbeitsplatzinhaber über den Zugang zu Arbeitsplätzen, die organisatorischen Alltagsroutinen in Verwaltungen oder die Durchsetzungsfähigkeit der Mittel- und Oberschichten in der Konkurrenz um Bildung. Integration heißt auch Konkurrenz um knappe Güter und Irritation organisatorischer Alltagsroutinen durch ein sich wandelndes Publikum. Sie kann nur durch beides hindurch gelingen - und sie kann, weil sie in Unternehmen, Schulen und lokalen Verwaltungen sowie in Familien gelingen muss, weder politisch verordnet noch politisch bewirkt werden. Der Fokus einer Integrationspolitik liegt daher (nicht nur für Migranten) meist in diesen Kernbereichen der sozialen Integration, also der Beförderung von Teilnahmechancen in den Bereichen Bildung und Arbeit sowie der Mobilisierung der Familien. Bezugsgrößen jeder Integrationspolitik sind:

  • die Verfassung der Migranten, wie ihre Fertigkeiten, Verhaltensmuster, Sprache(n) und Normenkenntnisse. Sie bezeichnen die individuellen kognitiven Voraussetzungen für die Teilnahme an sozialen Zusammenhängen;
  • die sozialen Bedingungen in den Bereichen Arbeit, Bildung und Familie, die unter dem Gesichtspunkt relevant sind, was sie Individuen abverlangen und ob sie Zugang und Teilnahme eher befördern oder behindern;
  • die Möglichkeiten von Politik selbst; denn diese kann Integration nicht selbst gewährleisten, sondern nur mit ihren Mitteln - Gesetzen, staatlich finanzierten Programmen und symbolischer Politik - entsprechende Rahmenbezüge gestalten.