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Die Linke in Lateinamerika

4.10.2010

Wegbereiter und Pioniere



Das Bild, das Lateinamerika nach drei Jahrzehnten weitgehend ungestörter demokratischer Entwicklung vermittelt, könnte also vielschichtiger und bunter kaum sein. Ein markantes Merkmal ist dabei nicht zu übersehen: Die Linke hat an Raum gewonnen, und ihre Herrschaft scheint heute auf solideren Grundlagen zu stehen als bei politisch ähnlich gefärbten Episoden in früheren Zeiten.

Im Mittelpunkt der Geschichte linksgerichteter Revolutionen auf dem Subkontinent steht unzweifelhaft der Umsturz, den Fidel Castro, Ernesto Che Guevara und ihre Mitkämpfer auf Kuba zustande gebracht haben. Doch sie waren nicht die Ersten, die sich mit sozialistischen Idealen gegen das Joch der von den USA verkörperten Fremdherrschaft und der mit jenen verbündeten bürgerlich-oligarchischen Kreise aufgelehnt hatten. Theoretisch hatten sich lange zuvor schon Politiker wie die Argentinier Alejandro Korn und José Ingenieros sowie die Peruaner Víctor Raúl Haya de la Torre (Gründer der APRA) und der indigene Marxist José Mariátegui mit den Idealen des Sozialismus und den Erfordernissen des Kampfes gegen den Imperialismus auseinandergesetzt.

Als Begründer des bewaffneten Aufstandes nach den "Regeln" der erst später als solcher bekannt gewordenen Guerilla kann Emiliano Zapata gelten. Er hat der Welt das faszinierende Beispiel eines prinzipientreuen, aber undogmatischen und selbstlosen Vorkämpfers für einen echten Sozialismus in Freiheit gegeben. In jeder Phase seines Wirkens im Verlauf der Mexikanischen Revolution folgte er dem Willen der Bauern, die absolutes Vertrauen in ihn als Revolutionsführer gesetzt hatten. Sein Credo beschränkte sich auf einige wenige Punkte, die rigoros befolgt wurden: Dezentralisierung praktisch aller Belange und folglich weitgehende Gemeindeautonomie, Recht auf Mitsprache und Selbstbestimmung aller Erwachsenen, sofortige Ankurbelung der landwirtschaftlichen Produktion nach der Befreiung einer bestimmten Zone, zumindest vorübergehende Staatsintervention in großen Betrieben wie Zuckerrohrraffinerien. Im Guerillakrieg bemühte er sich (im Gegensatz zu den bürgerlich geführten Bundestruppen), die Zivilbevölkerung nach Möglichkeit vor dem Horror des Bürgerkriegs zu schonen. Die Schläge seiner kleinen Armee richteten sich gegen reiche, mit der repressiven Zentralmacht verbündete Besitzer von Landgütern und Unternehmen, allenfalls gegen das Fremdkapital, und in erster Linie gegen die verhasste Bundesarmee. Vor allem hinsichtlich der Agrarpolitik wird Zapata für Lateinamerikas Linke immer als Beispiel und Bezugspunkt zu gelten haben.

Eine ähnliche Rolle als Pionier der Revolution spielte Augusto César Sandino in Nicaragua. Er suchte Erkenntnis und Halt bei allen möglichen geisteswissenschaftlichen Theorien. Dabei ist ihm der Realitätssinn in manchen Aspekten abhanden gekommen. Überdies bekundete er messianische Tendenzen, die durch ehrliche Bewunderung seitens seiner Gefolgsleute, armer und ungebildeter Landarbeiter und Kleinbauern, genährt wurden. Zweifellos richtig und an sich verdienstvoll war seine - aus eben jenen radikalen, zum Teil auch esoterischen Theorien gewonnene - Einsicht, dass nicht nur Wirtschaft, Politik und Staat, sondern auch der Mensch selber "revolutioniert" werden müsse, wollte man dem Ideal einer sozialistischen Gesellschaft näherkommen. Doch dieses Ziel, das zuviel auf einmal und zuviel von allem verlangte, blieb in unerreichbarer Ferne. Wie Zapata fiel Sandino Meuchelmördern zum Opfer.



 

Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte. Weiter...