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4.10.2010 | Von:
Stephan Lahrem

Faszination Che

Ernesto "Che" Guevara ist Ende der 1960er Jahre zur Ikone der revolutionären Linken aufgestiegen. Auch vierzig Jahre später scheint die von ihm ausgehende Faszination ungebrochen.

Einleitung

Che lebt!" Diese Worte prangten auf einem Plakat mit Che Guevaras Konterfei, das sich Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre bei linken Studenten in Westdeutschland großer Beliebtheit erfreute. "Che lebt!", das konnte man damals als verzweifelt trotzigen Ausruf verstehen, der Idee der Weltrevolution auch nach dem Tod eines ihrer Protagonisten treu bleiben zu wollen. "Che lebt!" - in einem strengen Wortsinne würden das heute wohl nur noch religiöse Schwärmer behaupten, die von einer christusgleichen Wiederkunft des bärtigen Revolutionärs träumen. Aber wenn schon nicht als reale Person, so scheint Ernesto "Che" Guevara doch in den Köpfen unzähliger Menschen weiterzuleben, ihre Phantasie zu beflügeln und ihre Sehnsüchte zu befriedigen. Denn seine Tagebücher ebenso wie Biographien über ihn verkaufen sich nach wie vor ausgezeichnet, immer neue Filme über sein Leben locken Hunderttausende in die Kinos, und der guerillero heroico, das berühmte Porträtfoto von Alberto Korda, findet sich inzwischen millionenfach auf T-Shirts, Tassen, Bierflaschen oder Fanschals von Fußball-Freunden und wird weltweit vertrieben. Auch wenn man den Marketingstrategen der Werbeindustrie heutzutage vieles zutrauen kann, so ist der anhaltende Che-Boom doch erklärungsbedürftig.[1]

Denn der Mann, dessen Attraktivität ungebrochen scheint, ist nicht nur seit mehr als vierzig Jahren tot, sondern auch die politischen Ziele, für die er eintrat - der bewaffnete Kampf für die Weltrevolution, die Erschaffung eines Neuen Menschen in einer sozialistischen Gesellschaft, die Einführung einer rigiden Planwirtschaft - sind völlig außer Kurs geraten. Das legt die Vermutung nahe, dass diejenigen, die sich heute mit Che-Accessoires ausstatten, in aller Regel keine Guevaristas mehr sind, keine, die mit der Waffe in der Hand gegen die Unterdrückung in der Welt kämpfen wollen. Und dennoch verspricht, sich mit ihm zu schmücken, offensichtlich noch immer einen ideellen Gewinn. Nun ist es durchaus verständlich, von der Popularität eines Mannes profitieren zu wollen, der schon zu Lebzeiten eine Legende war. Aber woraus speist sich die anhaltende Faszination, die von Che Guevara ausgeht, und worin besteht der Gewinn?

Die Ikone der Weltrevolution ...

Auffällig ist, dass sich die gegenwärtige Aufmerksamkeit nicht so sehr auf die politischen Zielsetzungen Che Guevaras richtet als auf seine Person, sein Leben und Wirken. Das ist angesichts der erstaunlichen Biografie dieses Mannes, der es binnen eines Jahrzehnts vom völlig unbekannten Abenteurer zur Ikone der Weltrevolution brachte, wenig verwunderlich.

1928 im argentinischen Rosario geboren, studierte Ernesto Guevara in Buenos Aires Medizin. Während seines Studiums und danach unternahm er zwei ausgedehnte, monatelange Fahrten durch Südamerika. Auf seiner zweiten Reise landete er schließlich in Mexiko; dort lernte er Fidel Castro kennen und schloss sich Ende 1956 als Arzt der Invasionstruppe an, mit der Castro auf Kuba landen und den Diktator Fulgencio Batista stürzen wollte. Die Landung auf Kuba war ein Desaster, von 83 Mann blieben gerade einmal 17 übrig. Und dennoch: In einem zwei Jahre währenden Guerillakampf gelang es, Batista zu verjagen. Guevara, der in der Guerilla zum zweiten Mann hinter Castro aufgestiegen war, rückte am 2. Januar 1959 im Triumphzug in Havanna ein. Mit 31 Jahren wurde der promovierte Mediziner erst Präsident der Nationalbank, später Industrieminister. Er gehörte neben den beiden Castro-Brüdern Fidel und Raúl zum Triumvirat, das in den nächsten Jahren über die Insel herrschte.

Che Guevaras Bekanntheitsgrad wuchs schnell, da er rund um den Globus reiste, um um Anerkennung und Unterstützung für das neue Regime zu werben. Er wurde international zum Sprachrohr der kubanischen Revolution. Wortgewaltig und charismatisch predigte er unermüdlich seine revolutionären Ideale. Doch so erfolgreich er als Agitator war, so erfolglos blieb er als Politiker. Die von ihm verantwortete Wirtschaftspolitik erwies sich als ein einziges Fiasko. Bei der Umstellung der Ökonomie auf planwirtschaftliche Vorgaben orientierte er sich als überzeugter Kommunist zunächst an der Sowjetunion. Doch allmählich rückte er von dieser ab, da sich die UdSSR seiner Meinung nach nicht genügend für den Revolutionsexport in die "Dritte Welt" einsetzte. Damit geriet er zunehmend in Konflikt zu dem Macht- und Realpolitiker Fidel Castro, der - um das wirtschaftliche Überleben der kubanischen Revolution zu sichern - Moskau die Treue hielt.

Anfang 1965 kam es zum Eklat, als Che Guevara bei einer Rede in Algier die UdSSR wegen mangelnder Unterstützung der Befreiungsbewegungen in der "Dritten Welt" attackierte. Bei seiner Rückkehr am 14. März 1965 verschwand Che Guevara nach einem 40-stündigen Gespräch mit Castro spurlos aus der Öffentlichkeit. Spekulationen, Fidel Castro habe sich eines zu mächtig gewordenen Konkurrenten entledigt, hielten sich ebenso hartnäckig wie Gerüchte, er sei von seinen Regierungsämtern zurückgetreten, um sich erneut dem Guerillakampf anzuschließen und die Revolution in andere Teile der Welt zu tragen. Im Laufe der beiden folgenden Jahre rätselte man über seinen Verbleib. Tatsächlich hatte er Kuba verlassen und zuerst im Kongo und dann in Bolivien einen Guerillakrieg geführt. Beide Male ist er kläglich gescheitert. Am 8. Oktober 1967 wurde er schließlich von bolivianischen Truppen gefangengenommen und am folgenden Tag erschossen.

Die Umstände und der Zeitpunkt seines Todes haben maßgeblich zur Verklärung Che Guevaras beigetragen. Er starb im Kampf; er hatte den bequemen Ministersessel aufgegeben, auf die Macht verzichtet und sein Leben gewagt, um den eigenen revolutionären Forderungen zu genügen. Und er starb jung, jung genug, um als ewig jugendlicher Rebell in den Köpfen präsent zu bleiben und um nicht an der Realisierung seiner Theorien und Utopien gemessen werden zu können. Was blieb, war das Bild vom rastlosen Kämpfer für die Befreiung der unterdrückten Völker. Was blieb, war das Bild vom Radikalen, der rigoros alle privaten Beziehungen und Bedürfnisse, selbst die des eigenen Körpers, der Revolution unterordnete. Was blieb, war das Bild von Alberto Korda, das Sinnbild jugendlicher Militanz, das sich so wohltuend von jenen älteren kommunistischen Funktionären aus Ost-Berlin, Moskau oder Peking in ihren unscheinbaren Anzügen unterschied. Was blieb, war eine klare, zum Teil gewaltttige Sprache, durchsetzt mit träumerischen Wendungen - "Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche" oder "Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker" -, in denen das Pathos der Revolution eingefangen wurde und die eine romantische Verklärung revolutionärer Gewalt ermöglichten.

Mit all dem entsprach Che Guevara einem Zeitgeist, vielleicht genauer: einem Lebensgefühl einer Generation, die heute die 68er genannt wird. Es war die Zeit, als die Diskussionen der radikalen Linken weltweit um ein Themenfeld kreisten, das mit den Stichworten Entkolonialisierung, Internationalismus und Antiimperialismus umschrieben werden kann. Die kubanische Revolution, der algerische Unabhängigkeitskampf und der immer heftiger tobende Krieg in Vietnam hatten damals einen alten politischen Traum wiederbelebt, allerdings in neuer Gestalt: die Idee einer Weltrevolution, die aber nicht mehr von Paris oder Moskau ausgehen sollte, sondern von den Befreiungsbewegungen in Lateinamerika, Afrika und Asien. Vor diesem Hintergrund konnte Che Guevara in den 1960er und beginnenden 1970er Jahren zur Symbolfigur einer revolutionären - oder sich revolutionär gebenden - Linken werden. Denn er war einer ihrer Protagonisten und wortmächtigsten Fürsprecher. Und er hatte dieser Bewegung ihren Schlachtruf gegeben: "Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam!"

Und noch ein anderes Moment trug dazu bei, dass Che Guevara - zumal in der westlichen Welt - zum Idol aufsteigen konnte. Der, der da ausgezogen war, um die Welt zu revolutionieren, war in gewisser Hinsicht einer von ihnen: ein junger Weißer aus gutem Hause, der es in kaum mehr als zehn Jahren vom vagabundierenden Abenteurer zur Verkörperung des Revolutionärs gebracht hatte, dem es gelungen war, mit einer Handvoll Mitstreiter einen Diktator zu stürzen, der als Autodidakt die Wirtschaft eines Landes dirigiert hatte und als Bürgerschreck vor der UNO aufgetreten war. Das war eine Biografie, die bewies, dass nichts unmöglich war, wenn man das Schicksal in die eigenen Hände nahm, gleichsam ein "Triumph des Willens" über alle Widrigkeiten. Da war der Tod im Dschungel noch das Ausrufezeichen hinter einem sinnerfüllten Leben.

Che Guevara hat die Studentenproteste nicht hervorgebracht, aber von einem bestimmten Zeitpunkt an maßgeblich inspiriert und radikalisiert. Das gilt für die theoretischen Diskussionen ebenso wie für den militanten Protest. Vor allem aber hat er die Phantasie der rebellischen Jugend beflügelt, indem sein Leben die akademischen Formeln der "konkreten Utopie" (Ernst Bloch) und der "Heimat ohne Grenzstein" (Theodor W. Adorno) für sie sinnfällig machte. Und mit dem von dem italienischen linksradikalen Verleger Giangiacomo Feltrinelli tausendfach verbreiteten Korda-Foto hatte sie ihre Ikone gefunden, das Bildnis ihres entrückten Heiligen, das sie fortan auf allen Demonstrationen mit sich führen oder als Poster in die heimische Stube hängen konnte.

... und ihre wirkmächtigen Schwundformen

Seitdem sind vier Jahrzehnte vergangen, und von einer Aufbruchstimmung wie in den 1960er Jahren oder gar einem revolutionären Zeitgeist kann nicht mehr die Rede sein. Selbst die bis vor einigen Jahren noch gepflegte Sentimentalität der Veteranen der Studentenrevolte ist einer hämischen und umfassenden Kritik an den 68ern gewichen. So konnte der "Spiegel" im Sommer 2008 auf der Titelseite die letzten Aufrechten mit dem Spruch vorführen: "Es war ja nicht alles schlecht" - Worte der Legitimation, die man in Deutschland bisher nur in Bezug auf den Nationalsozialismus kannte. Da das "Guevara-Projekt" (Gerd Koenen), die Suche nach dem archimedischen Punkt in den Entwicklungsländern, um die Welt revolutionär aus den Angeln zu heben, längst ad acta gelegt ist, sollte man vermuten, dass auch sein Protagonist in den Strudel der Kritik geraten und die Ikone der Weltrevolution irgendwo auf den Deponien der Geschichte gelandet ist. Und doch scheint das Gegenteil der Fall. Sollte Che Guevara - um im Bild des "Spiegel" zu bleiben - die Autobahn der Linken sein?

Nachdem Che Guevara beinahe zwanzig Jahre lang vielerorts in Vergessenheit geraten war, tauchte sein Konterfei Mitte der 1990er Jahre immer häufiger wieder in der Öffentlichkeit auf. Ein Grund war sicherlich der Aufstand der Zapatisten in Mexiko, in deren charismatischem Sprecher und militärischem Führer, dem Subcomandante Marcos, viele einen Wiedergänger Che Guevaras sehen wollten. Eine andere Ursache war die sich Ende desselben Jahrzehnts formierende Bewegung der Globalisierungskritiker. In beiden Fällen wurde das zentrale Politikfeld Guevaras, der Internationalismus, neu bestellt. Gleichwohl war - bei allen militanten Erscheinungsformen - von der Revolution, gar der Weltrevolution keine Rede mehr. Selbst bei den Radikalen hieß die Zauberformel jetzt: soziale Gerechtigkeit. Dennoch hat sich das Interesse an Che Guevara erhalten und - nimmt man das ubiquitäre Angebot an Che-Utensilien zum Maßstab - gar noch gesteigert. Man mag darin eine Kompensation für eine allgegenwärtige kapitalistische Vergesellschaftung sehen, die bei allen sich immer deutlicher abzeichnenden Defiziten so alternativlos erscheint, dass selbst eine Finanzkrise wie 2008 keine wirklichen Gegenkonzepte mehr hervorbringt. Und in der Tat scheint der "Mythos Che" eine Projektionsfläche für unerfüllte Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen zu sein, die allerdings nicht länger ausschließlich und vielleicht nicht einmal vorrangig politischer Art sein müssen.

Die anhaltende Faszination Che Guevaras hat zunächst mit der sinnlichen Attraktivität dieses Mannes zu tun, der wohl zu den am häufigsten fotografierten Menschen seiner Zeit gehörte. Das berühmte Porträt von Alberto Korda, das einen gut aussehenden jungen Mann mit schulterlangem gelocktem Haar zeigt, den Blick kühn in die Ferne gerichtet, auf dem Kopf sein Markenzeichen, die Baskenmütze mit rotem Stern, besitzt geradezu erotisch-politische Symbolkraft. In ihm verbinden sich in einzigartiger Weise Rebellion und Jugendlichkeit, Militanz und Sehnsucht, Entschlossenheit und Entrücktheit, Männlichkeit und Zärtlichkeit. Wer sich heutzutage mit dieser Ikone schmückt, kann noch die bloße Unkonventionalität mit dem Pathos der Revolution beleihen und anderen signalisieren, dass er sich nicht gänzlich den herrschenden Verhältnissen unterordnen will, ohne sich deshalb auch nur im Geringsten außerhalb der Gesellschaft stellen zu müssen. Diesen radical chic haben sich Popstars wie Robbie Williams, Models wie Giselle Bündchen und Sportidole wie Diego Maradona zu Nutze gemacht - und zum Verdruss der Linken inzwischen selbst militante Neonazis, die sogenannten Autonomen Nationalisten, die Guevaras Hass auf die Weltmacht USA für ihre Zwecke vereinnahmen wollen.

Das ungebrochene Interesse an Che-Biographien, Reisetagebüchern Guevaras und Filmen über ihn lässt indes noch eine andere Vermutung zu, die sich nicht in seiner äußerlichen Attraktivität erschöpft. Denkt man an die Studentenrevolte zurück, dann hatte die Rezeption Che Guevaras neben einer politischen Radikalisierung auch zur Folge, dass sich das alltägliche Leben intensivierte. Wer nach Guevaras Maxime "Es gibt kein Leben außerhalb der Revolution" alle Zeit und Energie einer Sache widmete, dem stellte sich in dieser leidenschaftlichen Hingabe die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht. Eine solche Fixierung ist in Zeiten überbordender individueller Wahlmöglichkeiten, zunehmender Flexibilität und Mobilität sicher anachronistisch. Aber gerade deshalb bietet sich für alle diejenigen, die sich damit nicht zufrieden geben wollen, Che Guevaras Leben - nicht so sehr seine politischen Ideen - als Projektionsfläche an.

Das eröffnet den Blick auf einen ganzen Strauß ähnlich gelagerter Motive, die den "Mythos Che" auch in revolutionsfernen Zeiten ständig speisen. So sind mit dem Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten und dem damit verbundenen Ende des "Weltbürgerkriegs" die globalen Verhältnisse immer unübersichtlicher geworden. Wer sich nicht blindlings einer Politik entlang der "Achse des Bösen" verschreiben will, für den ist es immer schwerer geworden, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Dazu haben sowohl die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte als auch die ambivalente Rolle der gestiegenen Prognosefähigkeit beigetragen. Heute lassen sich immer präziser die negativen Folgen einer mit den besten Absichten ausgestatteten Politik vorhersehen, ohne dadurch schon Maßstäbe für richtiges Handeln an die Hand zu geben - ein Dilemma, das gerade der um Hilfe bemühten "Entwicklungspolitik" zum Verhängnis geworden ist. Demgegenüber präsentiert sich Guevaras politischer Ideenhimmel als Relikt aus einer anderen Zeit und bietet in seinem radikalen Eintreten für die Unterdrückten und Entrechteten all jenen Halt, die der Gewissensnot zu entkommen suchen. Wer sich in diesem Sinne auf ihn beruft, kann sich auf der moralisch richtigen Seite der Geschichte wähnen, auch nach dem Untergang des "wissenschaftlichen Sozialismus", der dasselbe stets für sich reklamiert hatte. Die trotzigen Schwundformen konnte man schon vor gut einem Jahrzehnt beobachten, als einige junge Kommunisten in Berlin die Präsentation des "Schwarzbuchs des Kommunismus" zu stören versuchten, indem sie im Chor skandierten: "Ihr werdet's nicht vermuten, wir sind die Guten."

Man mag das als Unbelehrbarkeit bezeichnen oder als törichte Weltfremdheit, als Donquichotterie - und läge mit Letzterem in Bezug auf das Selbstverständnis des kubanischen Revolutionärs gar nicht so falsch. Che Guevara hat sich in seinem Abschiedsbrief an seine Eltern, bevor er sich 1965 erneut in den Dschungel aufmachte, selbst als Don Quichotte bezeichnet. Allerdings war das kein - wie die Kritiker meinten - Eingeständnis seiner abwegigen Politikauffassung, mit Hilfe eines nahezu beliebigen Guerillafokus die Revolution voranzutreiben, sondern das Bekenntnis, von einem radikalen Idealismus auch und gerade in einer zunehmend entfremdeten Welt nicht lassen zu wollen. Eine Weltfremdheit also, ohne Zweifel. Aber eine, die von Guevaras Verehrern aus dem Kontext politischer Naivität herausgelöst und als Widerständigkeit gefeiert wurde, widerständig gegenüber einer Vergesellschaftungsform, in der alles zur Ware degradiert scheint, wo jegliches Tun, gleich in welchem Lebensbereich, in ökonomischen Begriffen diskutiert und nach ökonomischen Kriterien beurteilt wird. Wer sich mit dem inzwischen alternativlos gewordenen politischen Pragmatismus nicht abfinden will und in nüchterner Realpolitik nur ideenloses Weiterwursteln sieht, dem wird Guevaras Donquichotterie auch fern aller revolutionären Absichten zum Ehrentitel. Denn in diesem weltfremden Idealismus scheint noch auf, dass es - wenn schon ein wahres Leben im falschen nicht möglich ist - etwas gibt, das den ökonomischen Materialismus transzendiert, ohne in die Religion auszuweichen.

Dabei hat es eine religiöse Ausdeutung von Guevaras Wirken durchaus gegeben, die bald nach seinem Tod aufkam und spätestens seit Wolf Biermanns Lied vom "Comandante Che Guevara" geläufig geworden ist: Che Guevara als "Christus mit der Knarre". Bereits zu Lebzeiten war Guevara von vielen als ein außergewöhnlicher Mensch angesehen worden, von manchen aufgrund seiner asketischen und strikt egalitären Haltung, seinem Gerechtigkeitsfanatismus, seiner Verachtung des Geldes und des Todes gar als ein Heiliger verehrt worden. Die Art seines Todes steigerte diese Verehrung noch einmal und machte aus Guevara einen neuen Christus. In seiner wenige Monate zuvor im bolivianischen Dschungel verfassten "Botschaft an die Völker der Welt" hatte Guevara sein Ende kommen gesehen, war ihm bewusst nicht ausgewichen, sondern hatte den Tod willkommen geheißen, wenn er denn - so Guevara - der "Erlösung der Menschheit" von Unterdrückung und Ausbeutung diene. Diese anmaßende Deutung seines Selbstopfers verfehlte ihre Wirkung nicht und war Wasser auf die Mühlen derer, die in ihm einen neuen Christus sehen wollten.

Doch dieses Bild war von vornherein in einem zentralen Punkt schief. Jesus Christus hatte sich mit dem Wort, sein Reich sei nicht von dieser Welt, geweigert, die Gottesherrschaft gewaltsam durchzusetzen. Aber gerade diese offensichtliche Diskrepanz, welche die ganze Christusanalogie zum Einsturz zu bringen drohte, erhöhte die Attraktivität von Che Guevara. Nachdem mittels des Christusbildes die Reinheit der Person Che Guevaras und seiner Motive suggeriert worden war, konnte nun auch die von ihm propagierte Gewalt als reine, das heißt unbedingte, göttliche Gewalt erscheinen, die über jeden Legitimationszwang erhaben war. Die Bezeichnung "bewaffneter Christus" war dann kein Widerspruch in sich mehr, wenn Che Guevara als Guerillero Reinheit attestiert wurde. Für seine "Jünger" hieß das: Wer in seinem Namen Gewalt ausübte, stand unmittelbar auf der Seite der Gerechtigkeit, war selbst ein Gerechter.

Dass dies keine bloße Gedankenfigur ist, davon konnten sich im Herbst 2008 Millionen von Deutschen anlässlich der Ausstrahlung des TV-Films "Mogadischu" überzeugen: Die Entführer der im September 1977 gekaperten Lufthansa-Maschine trugen alle Che-Guevara-T-Shirts - keine Grille des Regisseurs, wie die hineingeschnittenen Originalbilder bewiesen -, womit sie sich plakativ in die Nachfolge Guevaras stellten und dessen Auffassung auch für ihr Handeln in Anspruch nahmen: Gewalt, so furchtbar sie auch erscheinen mag, ist legitim, wenn sie nicht einem persönlichen Vorteil dient, sondern der revolutionären Sache. Dazu passend nannte sich der Anführer der Terroristen "Captain Martyr Mahmud" und signalisierte damit die Bereitschaft zum Selbstopfer im Namen der Menschheit. Auch in diesem Fall gilt: Nachdem das Revolutionsideal, das Che Guevara verkörperte, verblasst ist und Gewaltanwendung mittlerweile selbst in Kriegshandlungen beargwöhnt wird, kann er dennoch als Projektionsfläche herhalten für das Bedürfnis, das eigene Handeln in eine Perspektive einzustellen, die von vornherein über jeden Verdacht erhaben ist, irgendeinem "wohlverstandenen Eigeninteresse" zu dienen.

Diese heute weitverbreitete Leitlinie individuellen und kollektiven Handelns gilt den Verehrern Che Guevaras als nur mäßig kaschierter Egoismus und Nationalismus, als ein allgemeines enrichissez-vous, das alle gesellschaftlichen Schichten ergriffen habe - vom Boni-Banker über die korrupten Potentaten bis hinunter zum gemeinen Volk, das sich frühmorgens stundenlang die Beine in den Bauch steht, um bei der Eröffnung eines neuen Megastores auf Schnäppchenjagd zu gehen. Bei dieser Diagnose ist es mit Solidarität nicht mehr getan, da hilft auf der Suche nach reinen Motiven als Weihwasser nur noch die Menschheitsperspektive, die Che Guevara - zumal in seinem politischen Testament - für sich reklamierte.

Wenn man nach weiteren Motiven für die Faszination Che Guevaras Ausschau hält, so ist schließlich das berühmte Urteil des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre zu erwähnen, für den Guevara nicht nur ein Intellektueller, sondern der "vollkommenste Mensch unserer Zeit" war. Das war weder anthropologisch noch pädagogisch gemeint, sondern das Wort von der Vollkommenheit bezog sich auf die Übereinstimmung von Che Guevaras Denken und Handeln. Das Pathos der von Sartre bewunderten Einheit von Theorie und Praxis ging aber nicht von dieser selbst aus, sondern die Einheit konnte nur dann vollkommen sein, wenn die Praxis so frei und vor allem so radikal war wie das Denken des Intellektuellen. Mit der Idealisierung der Radikalität konnte sich Sartre gewiss sein, den Spuren von Guevara zu folgen. Für diesen war Mäßigung ein Begriff aus der Sprache der Kolonialherren. Von Mäßigung sprachen in seinen Augen nur diejenigen, die einen Verrat planten.

Man muss Che Guevara zugestehen, dass er sich seit den Zeiten der kubanischen Guerilla mit großem Erfolg bemüht hat, dieser Maxime treu zu bleiben. Welche politischen Folgen die Übertragung radikaler Theorie in die Praxis haben konnte, das wusste er - oder ahnte es zumindest - und war bereit, persönlich dafür den Preis zu zahlen. Allerdings scheute er sich auch nicht, anderen diese Kosten zuzumuten, wenn man etwa an seine Haltung in der Kuba-Krise denkt, als er für die Durchsetzung seiner politischen Ideen auch den Einsatz von Atomwaffen in Kauf genommen hätte. Das Pathos der Radikalität, das einst die 68er Generation beherrschte, ist weitgehend verflogen, geblieben ist der Wert, der sie trug: das Ideal der Übereinstimmung von Denken und Handeln, die der, der danach strebt, in Guevaras Biographie allemal finden kann. Allerdings sind heute die ungewollten Nebenfolgen des radikalen Anspruchs "alles Private ist politisch" in den nachmittäglichen Fernsehsendungen zu bestaunen, wo im Namen des Authentischen regelmäßig und in bewusster Schamlosigkeit die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem eingerissen wird.

Entzauberung?

Wenn man nach den Gründen sucht, warum Che Guevara noch heute auf viele Menschen faszinierend wirkt, so lässt sich festhalten: Die hier thematisierten Sehnsüchte nach Intensität, Gerechtigkeit, Idealismus, Reinheit oder Identität - es ließen sich sicherlich noch weitere Motive diskutieren - können am Leben und Wirken Che Guevaras einen vorzüglichen Halt finden. Dass sie damit seine Person idealisieren, liegt in der Natur der Sache, denn genau solche Projektionen sind es, die den "Mythos Che" auch weiterhin auf je spezifische Weise pflegen. Solange diese Wünsche und Hoffnungen präsent sind, solange wird jeder Versuch der Che-Verehrer, mit dem Rekurs auf den "authentischen" radikalen Che Guevara die gegenwärtigen Schwundformen und Kommerzialisierungen bekämpfen zu wollen, ebenso wenig fruchten wie jeder Versuch der Guevara-Kritiker, mit dem Verweis auf den "empirischen" Che Guevara den "Mythos Che" entzaubern zu wollen. Das gilt, um nur zwei Beispiele anzuführen, sowohl für den Versuch von Ches Tochter Aleida, das Porträt ihres Vaters mit juristischen Mitteln vor der kommerziellen Indienstnahme zu schützen, als auch für den vor nicht langer Zeit unternommenen Versuch des CDU-nahen Studentenverbandes RCDS, mit der Kampagne "Ciao, Guevara! Schau der Wahrheit ins Gesicht" die Schattenseiten Guevaras aufzuzählen und so dem Che-Mythos zu Leibe zu rücken.

Wie sieht es nun mit den Vorteilen aus, von denen anfangs die Rede war und die sich mit dem guerrillero heroico erzielen lassen? Che Guevaras Person wird in erster Linie mit Begriffen wie Kompromisslosigkeit, Bescheidenheit, Unbestechlichkeit charakterisiert - alles Topoi aus dem Umfeld der Askese. Gerade in Guevaras radikaler Selbstlosigkeit (wobei der Tod nur den Schlusspunkt bildete) aber verbirgt sich die Tragik und das prinzipielle politische Scheitern Che Guevaras. Dadurch ist er für die meisten Zeitgenossen und noch mehr für die Späteren in eine Ferne gerückt, die es ihnen ermöglicht, Guevara zu bewundern, ohne ihm zu folgen.

Es ist das Selbstopfer im Namen der Revolution, das den Kern des "Mythos Che" ausmacht und Verehrung wie Tatenlosigkeit gleichermaßen erzeugt. "Che" ist zu einem Erkennungszeichen geworden, mit dem man radikale Unangepasstheit demonstriert. Und das ist ein ideeller Gewinn, der bedenkenlos einzustreichen ist, weil man sicher sein kann, dass niemand mehr irgendwelche politischen Konsequenzen erwartet.
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Fußnoten

1.
Vgl. zum Folgenden: Stephan Lahrem, Che Guevara: Leben - Werk - Wirkung, Frankfurt/M. 2010.

Dossier

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