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22.9.2010 | Von:
Anja-Désirée Senz

Zwischen kultureller Anpassung und Autonomie: Nationale Minderheiten in China

Frühe chinesische Nationalitätenpolitik

Der erste Verfassungsentwurf von 1949 verfolgte mit Bezug auf ethnische Minderheiten den Gedanken der "Einheit und Gleichheit". Dessen Artikel 50 formulierte, dass alle Nationalitäten innerhalb der chinesischen Grenzen gleich und Diskriminierung, Unterdrückung sowie Separatismus verboten seien. Der Theorie nach sollten offiziell anerkannte Minderheiten den Han-Chinesen rechtlich gleichgestellt und in der Ausübung ihrer Religion, Sprache und Kultur nicht eingeschränkt werden. Zugleich wurde im Sinne der nationalen Einheit die unbedingte Integration in den chinesischen Staat gefordert.

Wichtiger Teil der chinesischen Nationalitätenpolitik war die offizielle Anerkennung ethnischer Gruppen als nationale Minderheiten. Bis zum Jahr 1979 erkannte der chinesische Staat insgesamt 55 Minderheiten an. Alle späteren Forderungen ethnischer Gruppen auf Anerkennung als eigenständige nationale Minderheit wurden von der politischen Führung Chinas abgelehnt. Doch erweist sich die offizielle Anerkennung nicht nur deshalb als problematisch. Es wurden z.B. auch verschiedene ethnische Gruppen, die mehrheitlich in den Provinzen Sichuan und Yunnan leben, unter der gemeinsamen Bezeichnung Yi zusammengefasst, obwohl sie große kulturelle Unterschiede aufwiesen. Die Mosuo wiederum wurden aus vielfältigen, hauptsächlich politischen Gründen nicht als eigenständige Gruppe anerkannt, sondern zählen bis heute zur Minderheit der Naxi. Diese in der Provinz Yunnan lebende Gruppe umfasst insgesamt 300.000 Menschen. Im Gegensatz zu den Naxi ist die Sozialstruktur der Mosuo jedoch matrilinear geprägt, die verwandtschaftlichen Verhältnisse, das Erbrecht und die Abstammungslinie sind also an der Familie der Mutter und nicht an der des Vaters orientiert.

Anerkannte Minderheiten mit größeren zusammenhängenden Siedlungsgebieten erhielten eine regionale Gebietsautonomie. Daher gibt es neben den chinesischen Provinzen heute fünf sogenannte Autonome Gebiete. Darüber hinaus bestehen weitere autonome Verwaltungseinheiten auf den nachgeordneten staatlichen Ebenen, den Kreisen und Gemeinden. So wurde beispielsweise im südwestlichen China 1958 das Autonome Gebiet Guangxi der Zhuang geschaffen. Von den 55 nationalen Minderheiten sind die Zhuang mit etwa 16,2 Millionen Menschen heute die größte Gruppe. Ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich neben drei Provinzen im Südwesten Chinas auch auf Vietnam und Laos, wo sie unter den Namen Tay, Giay oder Nung bekannt sind. Ein gemeinsames ethnisches Bewusstsein der Zhuang war zunächst jedoch gering ausgeprägt. In den frühen 1950er Jahren bezeichnete sich die Mehrheit der Menschen, die heute zu den Zhuang zählen, selbst nicht als Zhuang, sondern identifizierte sich mit verschiedenen kleinen, lokalen sozialen Gruppen, die verstreut in Chinas Südwesten lebten und teils im Streit miteinander lagen, andere definierten sich als Han-Chinesen. Keine Regierung vor 1949 hatte sie als Zhuang beziehungsweise als eine gemeinsame ethnische Gruppe betrachtet. Vor diesem Hintergrund scheint es, dass frühe Sonderregelungen für Minderheitenangehörige wie Selbstverwaltungsrechte oder Quoten in politischen Gremien Strategien des chinesischen Staates waren, die isoliert lebenden sozialen Gemeinschaften Südwestchinas unter einer gemeinsamen Bezeichnung in den chinesischen Staat zu integrieren.[3]

Beispiele zeigen, dass viele ethnische Gruppen nicht prinzipiell die staatliche Berechtigung zur ethnischen Zuordnung in Zweifel zogen, sondern ihre Kritik gegen eine falsche Kategorisierung richteten und sich damit letztlich in die staatliche Ordnung einfügten. Insofern resultiert ethnisches Bewusstsein in China heute aus einem Dreiklang von ethnischem Selbstverständnis, der Abgrenzung zu anderen Gruppen sowie der staatlichen Zuschreibung. Bereits in den 1950er Jahren fielen die positiven Ansätze der chinesischen Nationalitätenpolitik - das heißt diejenigen politischen Programme, welche die ethnischen Minderheiten betrafen - den teils mit großer Radikalität in ganz China umgesetzten politischen Experimenten der kommunistischen Führung zum Opfer. So galt z.B. "lokaler Nationalismus", also die Förderung der lokalen ethnischen Gruppenzusammengehörigkeit, als schweres Delikt. Mit dem Klassenkampf als Leitlinie wurden ethnische Konflikte als Konflikte zwischen Klassen gedeutet. Nach dem Verständnis der damals in China dominanten stalinistischen Lehre, welche Gesellschaften nach unterschiedlichen Entwicklungsniveaus abstuft, galten ethnische Minderheiten außerdem als historisch rückständig, wurden nicht selten als unterentwickelt verachtet und sollten mit Hilfe der kommunistischen Ideologie modernisiert werden. Besonders schlimm traf es die Minderheiten in der Kulturrevolution von 1966 bis 1976, als ihre Sitten und Gebräuche, die Schriften und religiösen Ausdrucksformen verboten wurden.[4] Moscheen und Tempel wurden geschlossen und religiöse Würdenträger ebenso wie Gläubige verfolgt. Religiöse Feste, bei denen zur Ahnenverehrung Tiere geopfert wurden, wurden als "Verschwendung" gebrandmarkt, Schamanen wurden als "Betrüger" bezeichnet, Liederfeste verboten, weil sie "die Produktion behinderten" oder weil "anstößige Texte" gesungen wurden. Vielfach kam es zur Zerstörung und Schändung von Kulturgütern und religiösen Stätten, Aufstände wurden brutal niedergeschlagen.[5] Diese Ereignisse stellen eine schwere Hypothek für die Beziehungen zwischen den Han-Chinesen und den ethnischen Minderheiten dar.

Fußnoten

3.
Vgl. Katherine Palmer Kaup, Creating the Zhuang: Ethnic politics on the PR China, Ann Arbor 1997.
4.
Vgl. June Dreyer, Assimilation and accomodation in China, in: Michael Brown/Sumit Ganguly (eds.), Government policies and ethnic relations in Asia and the Pacific, Cambridge-London 1997, S. 351-391.
5.
Vgl. Thomas Heberer, Die Nationalitätenfrage in China am Beginn des 21. Jahrhunderts, in: Gunter Schubert (Hrsg.), China: Konturen einer Übergangsgesellschaft auf dem Weg in das 21. Jahrhundert, Hamburg 2001, S. 81-134.