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22.9.2010 | Von:
Anja-Désirée Senz

Zwischen kultureller Anpassung und Autonomie: Nationale Minderheiten in China

Armut und Konflikte

Das Verhältnis zwischen der Han-Mehrheit und den nationalen Minderheiten ist zweifelsfrei konfliktbehaftet. Es lassen sich drei zentrale Konfliktfelder unterscheiden:

Politisch:
Zum einen sind Konflikte politischer Natur, weil den Minderheiten Selbstbestimmungsrechte beziehungsweise eine gleichberechtigte politische Teilhabe fehlen. Sehr wesentlich resultiert dieser Mangel aus der Grundstruktur des chinesischen politischen Systems und wird im Rahmen des gegenwärtigen Gefüges kaum zu überwinden sein.

Ökonomisch:
Zum zweiten basieren Konflikte auf ökonomischen und damit eng verbunden auch auf ökologischen Problemen. Landumwidmung, industrielle Erschließung, Rohstoffexploration und Umweltzerstörung bilden den Kerninhalt dieser Art von Konflikten. Die Siedlungsgebiete ethnischer Minderheiten werden in starkem Maße ökonomisch ausgebeutet, oftmals allerdings, ohne dass die ethnischen Minderheiten an den Erträgen partizipieren würden. Insgesamt zählt ein großer Teil der heutigen Minderheitengebiete zu den ärmsten Regionen Chinas: 80 Prozent der Menschen in Minderheitengebieten lebten zu Beginn des neuen Jahrtausends unterhalb der Armutsgrenze. Seit Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 flossen Subventionen in diese Gebiete, doch wurden sie häufig im Interesse der Han-Gebiete eingesetzt. Und obwohl ein Wirtschaftswachstum in den Siedlungsgebieten ethnischer Minderheiten zu verzeichnen ist, haben sich die Entwicklungsunterschiede zu den Han-Gebieten, die sich deutlich rascher entwickeln, in den vergangenen Jahren vergrößert.

Benachteiligt sind Minderheitenangehörige auch auf dem Arbeitsmarkt, was zu deutlich höheren Arbeitslosenraten im Verhältnis zur han-chinesischen Mehrheit führt. Zwar fließen Finanzmittel für den Infrastrukturaufbau und zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung im Rahmen des sogenannten Go-West-Programms explizit nach Westchina, wo ein Großteil der ethnischen Minderheiten lebt. Dies hat jedoch unter anderem die Zuwanderungen von Han-Chinesen begünstigt und damit massiven Einfluss auf die lokalen Strukturen genommen.

In ganz China hat die rasante Wirtschaftsentwicklung schwere ökologische Folgen. Von dieser Umweltzerstörung sind auch die Siedlungsgebiete ethnischer Minderheiten stark betroffen. Die Umweltverschmutzung durch Industriebetriebe führt zu hohen Krankheitszahlen. In einigen Bezirken der Miao in Südwestchina beispielsweise ist die Lebenserwartung im Vergleich zum Landesmaßstab deutlich niedriger. Nach offiziellen Angaben ist der Grund in der Wasserverschmutzung durch Industrieabfälle zu sehen. Der Nordwesten Chinas wiederum, in dem früher hauptsächlich Viehzucht betrieben wurde, ist ökologisch schwer geschädigt, weil Weidegebiete in großem Umfang in Ackerland umgewandelt wurden. Die für den Ackerbau notwendige Bewässerung führte zur Austrocknung von Flüssen und Binnenseen, der Überweidung der Graslandschaften folgten Versalzung und Vegetationsrückgang sowie eine Ausbreitung der Wüsten. Die Verschlechterung der Bodenqualität sowie der Verlust von Anbauflchen und der Rückgang der Erträge entzieht vielen Angehörigen ethnischer Minderheiten die Existenzgrundlage, so dass gerade die jüngeren auf der Suche nach alternativen Einkommensquellen in die Städte abwandern. In den Städten kam es jedoch in den vergangenen Jahren immer wieder zu Gewalttätigkeiten zwischen der Han-Bevölkerung und ethnischen Zuwanderern, die oftmals für den Anstieg von städtischer Kriminalität oder den Drogenhandel verantwortlich gemacht werden.

Soziokulturell:
Insgesamt ist der chinesische Modernisierungsweg und der gesellschaftliche Wandel in China für die ethnischen Gruppen mit einem unterschwelligen Gefühl der Bedrohung verbunden, weil mit ihm die Zuwanderung von Han-Chinesen, die Abwanderung von Angehörigen der eigenen Ethnie, die industrielle Erschließung der Minderheitengebiete, Umweltprobleme sowie die Aufweichung der jeweiligen Kultur einhergehen. So sind es zum Dritten soziokulturell begründete Spannungen, die aus dem mangelnden Respekt für die ethnischen Gruppen und die Bewahrung ihrer Kultur resultieren.

Die ethnischen Minderheiten reagieren unterschiedlich auf diese Konfliktformationen. Generell scheint der Gebrauch der eigenen Sprachen und Schriften unter den meisten Minderheitenangehörigen ebenso abzunehmen wie das Tragen von Trachten. Ausschlaggebend hierfür dürfte zum einen der gesellschaftliche Modernisierungsprozess sein, mit dem eine Angleichung in Alltagsleben und Konsumgewohnheiten einhergeht. Da im Bildungssystem außerdem Schriften und Sprachen der Minderheiten als zweitrangig betrachtet werden, werden Minderheitensprachen oftmals nur in der Grundschule oder der ersten Stufe der Mittelschulen gelehrt, danach ist Chinesisch die einzige Sprache. Wer eine Universität besuchen oder beruflich aufsteigen möchte, benötigt in erster Linie gute Chinesisch-Kenntnisse. Viele Eltern bevorzugen daher aufgrund angenommener besserer Zukunftschancen eine "chinesische" Ausbildung.[7] Insgesamt tendieren viele der kleineren ethnischen Gruppen demnach zu Resignation und Anpassung an die Mehrheitskultur. Bei einigen Gruppen wächst aber auch das Bewusstsein ethnischer Identität durch eine Rückbesinnung auf die eigenen Traditionen. Bei einem weiteren Teil schlägt dieses Bewusstsein in Widerstand um, wobei vielfältige Formen des aktiven und passiven, des gewaltfreien und gewalttätigen Widerstandes unterschieden werden können.

Fußnoten

7.
Vgl. Gerard Postiglione, Education of Ethnic Groups in China, in: James Banks (ed.), The Routledge International Companion on Multicultural Education, New York-London 2009, S. 501-511.