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22.9.2010 | Von:
Anja-Désirée Senz

Zwischen kultureller Anpassung und Autonomie: Nationale Minderheiten in China

Xinjiang und Tibet

Besonders konfliktgeladen ist die Situation der ethnischen Minderheiten im westchinesischen Xinjiang. Dort kommt es seit Beginn der 1990er Jahre immer wieder zu schweren Auseinandersetzungen mit den han-chinesischen Machthabern und dies konfrontiert die chinesische Zentralregierung mit größeren innenpolitischen Problemen als der Fall Tibet. Doch anders als die Tibeter haben die ethnischen Gruppen Xinjiangs weder innerhalb noch außerhalb Chinas einen dem Dalai Lama vergleichbar bekannten Vertreter. Ihre Anliegen werden daher international weniger vernommen.

Das westchinesische Xinjiang, dort wo China an die Mongolei, Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und die Region Kashmir grenzt, umfasst ein Sechstel der Gesamtfläche Chinas. Als Grenzregion zur früheren Sowjetunion war es stets von besonderem sicherheitspolitischem und strategischem Interesse. Heute ist die Region wegen ihres Reichtums an Bodenschätzen wie Erdöl, Gas und Kohle von hoher Bedeutung. In diesem westlichsten Teil Chinas leben zehn nationale Minderheiten. Von den insgesamt 17 Millionen Einwohnern Xinjiangs sind die Uiguren mit acht Millionen die größte ethnische Gruppe. Daher heißt das Gebiet offiziell Autonomes Gebiet Xinjiang der Uiguren. Die Uiguren sind ein islamisch geprägtes Turkvolk mit langer Tradition und Geschichte und Lebensgewohnheiten, die im klaren Kontrast zu denjenigen der Han-Chinesen stehen. Als Anfang der 1990er Jahre die sowjetischen Republiken Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan unabhängig wurden, keimte auch bei den chinesischen Uiguren die Hoffnung auf eine gemeinsame uigurische Republik. Forderungen nach einem eigenen Staat aber wurden von den chinesischen Behörden gewaltsam unterdrückt und als Terrorismus bezeichnet. Repression, Versammlungsverbote, die Überfremdung durch die chinesische Zuwanderung und die vielfältigen Formen der ethnisch bedingten Benachteiligung haben die Konflikte geschürt, die Polarisierung zwischen Chinesen und Uiguren gefördert und führen anhaltend zu Gewalttätigkeiten.[8]

Ähnlich problematisch ist die Situation in Tibet. Wie bei den Uiguren ist auch bei den Tibetern das ethnische Wir-Gefühl und das Bewusstsein, nicht "chinesisch" zu sein, stark ausgeprägt.[9] Der gesamte tibetische Kulturraum ist etwa doppelt so groß wie die heutige chinesische Verwaltungseinheit, die nach der Gründung der Volksrepublik China geschaffen wurde. In diesem Autonomen Gebiet Tibet sowie in den angrenzenden chinesischen Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan leben Tibeter. Allerdings sind sie ethnisch und sprachlich keine einheitliche Gruppe. Zu der von China anerkannten nationalen Minderheit der Tibeter werden etwa 4,5 Millionen Menschen gerechnet. Im Autonomen Gebiet Tibet leben neben den Tibetern weitere offiziell von China anerkannte nationale Minderheiten wie die Salar und die Tu.

Aus chinesischer Perspektive ist Tibet seit vielen hundert Jahren ein Teil Chinas. Nach dem Verständnis der politischen Führung in Peking wurden die Menschen in Tibet durch den chinesischen Einmarsch 1950 von den mittelalterlichen Verhältnissen der Leibeigenschaft befreit. Aus Sicht der Tibeter hingegen war dies eine Invasion. Mit Verweis auf längere Perioden der faktischen Unabhängigkeit Tibets von China betrachten sie die Herrschaft der Chinesen über Tibet als illegitim. Aufgrund der wechselvollen Geschichte ist der völkerrechtliche Status Tibets bis heute umstritten.

Für China ist Tibet von großer ökonomischer und strategischer Bedeutung. War das tibetische Hochland früher vor allem eine Pufferzone gegenüber den geostrategischen Interessen Russlands und Großbritanniens, ist es heute wirtschaftlich wichtig. Die Erschließung und Ausbeutung der Rohstoffe, die Zerstörung von Klöstern und eine Politik der ethnischen Verdrängung durch Besiedlung aus Zentralchina haben das Gesicht Tibets in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Lhasa, die Hauptstadt der Region und ehemalige Residenz des Dalai Lama, gleicht in vieler Hinsicht inzwischen einer chinesischen Stadt.

Seit 2006 verbindet eine Eisenbahn Tibet mit dem restlichen China. Sie ist das sichtbare Symbol für Chinas Willen, Tibet zu erschließen. Neben wirtschaftlichem Fortschritt will man auch den Tourismus nach Tibet bringen und so hatte sich nach chinesischen Angaben die Zahl der Touristen bereits im ersten Halbjahr nach Eröffnung der Zugstrecke nahezu verdoppelt. Die überwiegende Mehrheit der rund eine Million Besucher kam aus China, nur 73.000 ausländische Gäste waren darunter. Der Widerstand der Tibeter gegen diese "Entwicklungspolitik" äußert sich in Unruhen sowie Fluchtbewegungen besonders nach Indien und Nepal. Zugleich ist aber auch eine Angleichung der tibetischen Jugend an ein weltliches Leben und seine Konsumkultur zu beobachten. Diese entfremdet sie möglicherweise stärker von ihren religiös-kulturellen Wurzeln, als jeder administrative Druck aus Peking es vermag.

Fußnoten

8.
Vgl. Colin Mackerras, China, Xinjiang and Central Asia, London et al. 2009.
9.
Vgl. Thomas Heberer, Verwaltungsmethode zur Reinkarnation eines Lebenden Buddhas, in: Zeitschrift für chinesisches Recht, 15 (2008) 1, S. 1-9.