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13.9.2010 | Von:
Waldemar Stange

Partizipation von Kindern

Praxis- und Modellprojekte

Wie ist es um die Kinderbeteiligung in Deutschland bestellt? Werfen wir zunächst einen Blick auf die Praxis. Nicht nur im Freizeitbereich (zum Beispiel Beteiligung an der Planung und Ausgestaltung von Schwimmbädern, Sport- und Freizeitanlagen, Skaterbahnen, an Events, Ferienpassaktionen) oder beim "klassischen" Beteiligungsfall der Spielraumplanung (Spielplätze, bespielbare Stadt, Spielleitplanung), sondern auch bei schwierigeren politischen Aushandlungsprozessen sind erfolgreiche Beteiligungsprozesse dokumentiert (etwa der Beteiligung an Leitbild-Prozessen "Kinderfreundliche Gemeinde" wie in Köln bis hin zur umfassenden Beteiligung von Jugendlichen an der Landesplanung wie zum Beispiel im schleswig-holsteinischen Projekt "Zeitsprung" oder der Partizipation im internationalen Bereich, zum Beispiel durch Beteiligung an "Sozialforen" und Bürgerhaushalten). Selbst in den anspruchsvollen kommunalen Planungsgebieten der Stadtplanung, Stadtentwicklung, Stadtteilsanierung gibt es umfangreiche positive Erfahrungen mit der Beteiligung von Kindern. Das gilt auch für die Verkehrsplanung mit Kindern wie zum Beispiel Verkehrswegegestaltung, Radwegeplanung und Schulwegsicherungen.

Leider nicht in der Fläche und nicht als "Normalfall" sind einzelne, sehr eindrucksvolle Partizipationsprozesse in Schulen überliefert: nicht nur bezüglich Schülerparlamenten, Klassenräten und Schülerräten, sondern auch als Mitbestimmung bei Inhalten und Formen des Lernens, bei der Gestaltung des Stundenplans und des Tagesablaufs, bei der Mitgestaltung von Projektwochen, Schulfesten, Klassenreisen und Strukturen des Schullebens (Regeln und Vorschriften, Einrichtung des Klassenzimmers, Sitzordnung). Auch die Mitwirkung bei der Gründung von Schülerfirmen, die Beteiligung bei Schulhofumgestaltungen sowie Partizipation an der Schulbauplanung sind erfolgreich praktiziert worden. Auch in so schwierigen und persönlich belastenden Gebieten der Kinder- und Jugendhilfe wie den Hilfen zur Erziehung liegen mittlerweile langjährige positive Erfahrungen mit der Beteiligung von Kindern vor, in der Heimerziehung, bei der Erziehungsbeistandschaft oder in der intensiven Einzelbetreuung. Sogar der Neubau einer Kinderklinik in Karlsruhe konnte durch Kinder partizipativ begleitet werden.

Schon in Kindertagesstätten ist umfassende Beteiligung möglich (etwa durch die Beteiligung der Kinder an der Festlegung von Themen und Arbeitsformen, Aktivitäten, Spielen, Projekten, Ausflügen) oder die Beteiligung an der Entwicklung von Einrichtungsstrukturen (Regeln, Zeitrhythmen, Verträgen, Hausordnungen, Diensten) bis hin zur Entwicklung von "Verfassungen" für den Kindergarten.

Auch im Bereich der Medien- und Kulturarbeit, die auf den ersten Blick technisch zu anspruchsvoll für Kinder erscheinen mag, liegen beste Erfahrungen selbst in der Beteiligung kleinerer Kinder vor, zum Beispiel in Videoprojekten, beim Kinderradio "Okerwelle" in Braunschweig, bei verschiedenen Kindernachrichtensendern oder der selbst organisierten Gestaltung von Internetseiten durch ältere Kinder.

Bezüglich der Zielgruppen ist ebenfalls ein beachtliches Spektrum zu beobachten. Sowohl für Mädchen (mädchengerechte Spielplätze) als auch für Jungen, für spezielle jugendhilferelevante Gruppen (Adoptivkinder, Pflegekinder, Heimkinder, Kinder und Jugendliche aus marginalisierten und sozial benachteiligten Familien, Migranten, Spätaussiedler, Flüchtlingskinder) gibt es beeindruckende Partizipationsprojekte. So haben beispielsweise im Projekt "Bock auf Politik - Migranten beziehen Position" die Jugendmigrationsdienste der Arbeiterwohlfahrt Paderborn in drei Gemeinden jugendliche Migrantinnen und Migranten in Kontakt mit der kommunalen Politik und Verwaltung gebracht, zudem bauten türkische Migranten zusammen mit Aussiedlern ein Amphitheater mitten im Ruhrgebiet. Sehr überzeugend sind auch die Partizipationsprojekte mit behinderten Kindern und Jugendlichen.

Diese Liste der Beispiele, oft in der gehobenen Form von Modellprojekten, ließe sich endlos fortsetzen. Sie zeigen uns: Wir haben nicht nur spannende und farbige Praxisprojekte, die zeigen, "dass es geht", sondern wir wissen auf diesem Wege auch faktisch alles Erforderliche über geeignete Beteiligungsformen, -strategien, -themen und -methoden. Wir wissen also genau, "wie es geht" (Partizipationsdidaktik). Es gibt keinen zu geringen Wissens- und Erkenntnisstand in Bezug auf Partizipationsmodelle, kein didaktisches Angebots- und Methodendefizit. Es scheint eher ein Einstellungs- und Handlungsdefizit auf Seiten der Erwachsenen zu geben.


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