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13.9.2010 | Von:
Wilfried Schubarth

Neue Gewalt- und Mobbingphänomene als Herausforderung für Schulen

Von der Schüler- zur Lehrergewalt

Die aktuelle Debatte um "Schule und Gewalt" wird vor allem durch die Gewalt von Lehrpersonen gegenüber ihnen anvertrauten Schülerinnen und Schülern dominiert. Die in letzter Zeit bekannt gewordenen Fälle von sexueller Gewalt an (reform-)pädagogischen Einrichtungen haben die Öffentlichkeit erschüttert. Jede Gewalttat[2] - egal in welcher Form - ist ein Angriff auf die Rechte der Kinder, sexuelle Gewalt aber im Besonderen, weil sie die Würde eines Menschen zutiefst verletzt. In diesem Zusammenhang ergeben sich viele Fragen: Wie konnte es geschehen, dass in Einrichtungen mit hohem moralischem und emanzipatorischem Anspruch die Rechte von Kindern und Jugendlichen so missachtet werden konnten? Welche Strukturen haben Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe gefördert? Welche Rolle spielten familienähnliches Zusammenleben, persönliche Abhängigkeitsverhältnisse oder das Fehlen externer Kontrollen? Und: Wie ist die "Mauer des Schweigens", die langjährige Praxis des Wegsehens, Vertuschens und Verharmlosens, zu erklären? Dies alles sind Fragen, auf welche die Öffentlichkeit zu Recht Antworten erwartet.[3]

Rasche Antworten wird es indes kaum geben, da im Fokus der schulbezogenen Gewaltforschung der vergangenen Jahre weniger die Gewalt von Lehrpersonen (und erst recht nicht deren sexuelle Übergriffe), sondern vor allem die Schülergewalt stand. Überhaupt - so zeigt ein Blick zurück - sind die jeweiligen Gewaltdebatten nur im historischen Kontext zu verstehen. So spielte bis Ende der 1980er Jahre das Thema "Schule und Gewalt" in der Öffentlichkeit, folglich auch in der Forschung, kaum eine Rolle. Zu jener Zeit wurde Schülergewalt vor allem als Reaktion auf Schulgewalt thematisiert, das heißt, Schülergewalt wurde als eine Art Gegengewalt zur institutionellen Gewalt gesehen, mit der Schülerinnen und Schüler den Leistungsdruck zu kompensieren und die Macht der Institution in Grenzen zu halten versuchten.[4] Ende der 1980er Jahre wurde mit Genugtuung registriert, dass in Deutschland noch keine "amerikanischen Verhältnisse" herrschten; zugleich wurde bereits damals auf Präventionsmöglichkeiten verwiesen, wie die Stärkung des schulischen Erziehungsauftrages, die stärkere individuelle Förderung, verbesserte Lehrer-Schüler-Beziehungen oder die Reform der Lehrerbildung[5] - alles Ansätze, die auch heute noch aktuell sind.

In den 1990er Jahren wurde das Thema "Gewalt an Schulen" - ausgelöst durch eine intensive Berichterstattung - dann zu einem "Medienereignis", was einen Forschungsboom zur Folge hatte. Dabei zeigte sich übereinstimmend, dass die von den Medien suggerierte drastische Zunahme von Schülergewalt nicht belegbar war. Vielmehr ergab sich ein differenziertes Bild: Verbale Aggressionen dominieren, mit Abstand folgen physische Gewalt und Vandalismus. Körperverletzung, Erpressung oder sexuelle Belästigung sind selten, häufiger dagegen Aggressionen gegenüber Lehrern sowie Lehreraggressionen gegenüber Schülern. Jungen sind für Gewalt anfälliger, wobei die geschlechterspezifischen Unterschiede umso mehr hervortreten, je härter die Gewaltformen sind. Nichtgymnasiale Schulformen, insbesondere Förderschulen und Hauptschulen, sind aufgrund ihrer Schülerklientel vergleichsweise stärker durch Gewalt belastet. Von den Jahrgangsstufen kristallisieren sich der siebte bis neunte Jahrgang als Schwerpunkte heraus. Als Gewalt fördernde beziehungsweise hemmende Faktoren wurden sowohl außerschulische als auch innerschulische Faktoren nachgewiesen, zum Beispiel die Lern- und Schulkultur, insbesondere die Qualität des Lehrer-Schüler-Verhältnisses. Daran anknüpfend wurden Möglichkeiten der schulischen Prävention und Intervention abgeleitet.[6]

In der 2000er Jahren wurden nur noch wenige Studien zu Gewalt an Schulen veröffentlicht. Der Forschungsbedarf schien gedeckt, offen blieb jedoch, ob das "Gewaltproblem" kleiner geworden war. Die wenigen aktuellen Studien bestätigen im Wesentlichen die Untersuchungsergebnisse der 1990er Jahre, nach denen die überwiegende Mehrheit der Schülerinnen und Schüler friedfertig ist, wenngleich beachtliche Unterschiede in Abhängigkeit von der Schulform, den sozialen, regionalen und ethnischen Merkmalen zu verzeichnen sind.[7] Zugleich rückten neue Gewaltphänomene ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Mobbing beziehungsweise bullying wird mittlerweile als eine besonders problematische und weit verbreitete Gewaltform an Schulen wahrgenommen. Zu den neueren Gewaltformen gehören ferner Amokläufe beziehungsweise Amokdrohungen und cyberbullying, einschließlich happy slapping, die in den 1990er Jahren noch keine Rolle spielten. Das Entstehen und Verbreiten neuer Gewaltphänomene zeigt den im Laufe der Zeit erfolgten Wandel von Gewalt an Schulen im Kontext sozialer und technologischer Entwicklungen. Parallel dazu ist für die vergangenen Jahre kennzeichnend, dass schulische Präventionsstrategien, insbesondere in Form von "Antigewaltprogrammen", sowie die Frage nach deren Wirksamkeit, weiter an Bedeutung gewonnen haben. Die Palette solcher Programme hat sich rasch erweitert und schließt zahlreiche Präventions- und Interventionsprogramme sowohl mit dem Fokus auf Gewalt als auch mit dem Fokus auf mobbing ein.[8]

Während zum sexuellen Missbrauch seitens der Schullehrkräfte keine Daten bekannt sind (zum einen, weil dieses Thema in der Pädagogik offenbar tabu ist, und zum anderen, weil es für die Forschung schwer zugänglich ist), liegen zur sonstigen Lehrergewalt einige Befunde vor. Danach gehört Gewalt, vor allem in psychischer Form, durchaus zum Handlungsrepertoire von Lehrkräften. Einer Untersuchung an österreichischen Schulen zufolge erlebten sich Schülerinnen und Schüler häufiger als Opfer von Lehrerangriffen als von Schülerangriffen.[9] Rund ein Drittel berichtete, im vergangenen Monat (vor der Befragung) eine oder mehrere Kränkungen durch Lehrer erlebt oder beobachtet zu haben. 23 Prozent (siebte und achte Jahrgangsstufe) beziehungsweise 11 Prozent (elfte Jahrgangsstufe) gaben an, drei- oder mehrmals im Monat von Lehrpersonen unfair behandelt worden zu sein.

Eine aktuelle repräsentative Befragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen unter 15-jährigen Schülern, die 2007/2008 erstmals auch Lehrergewalt einbezog, ergab einen Anteil von jeweils 27 Prozent, die angaben, von Lehrern lächerlich gemacht beziehungsweise gemein behandelt worden zu sein, zwei bis drei Prozent davon wöchentlich. 2,5 Prozent gaben sogar an, im zurückliegenden Schulhalbjahr von einer Lehrkraft geschlagen worden zu sein, dabei deutlich mehr Jungen als Mädchen.[10] Unsere im Forschungsverbund durchgeführten Studien belegten schon vor einigen Jahren ein beachtliches Ausmaß an Lehrergewalt: So berichtete jeder dritte Schüler, dass es Lehrpersonen gibt, die einen vor der ganzen Klasse blamieren; neun Prozent sagen gar, dass Lehrkräfte auch mal handgreiflich werden. Umgekehrt hat auch jeder vierte Schüler des Öfteren Beschimpfungen oder Beleidigungen gegenüber Lehrpersonen beobachtet.[11] In Studien zum mobbing berichten rund zehn Prozent vom regelmäßigen Mitmachen beim Lehrer-bullying, was darauf verweist, dass Lehrer auch in die Opferrolle gedrängt werden.[12]

Die Befunde zur Lehrergewalt signalisieren insgesamt einen beachtlichen Handlungsbedarf bei der Zivilisierung und Demokratisierung der Lehrer-Schüler-Interaktionen. Aggressives Handeln seitens der Lehrpersonen ist häufig ein Zeichen von Überforderung oder Überlastung, von mangelnden Konfliktlösungskompetenzen und fehlender kollegialer beziehungsweise sozialer Unterstützung. Schulische Beziehungskonflikte wiederum können die mitunter recht strapazierte Gesundheit der Lehrkräfte enorm belasten.

Als Strategien zur Verminderung von Lehrergewalt lassen sich folglich ableiten: die Entwicklung einer demokratischen Schulkultur und eines teamfähigen Lehrerkollegiums, die Förderung von sozialen Kompetenzen bei Schülern und Lehrern, die Verbesserung der schulischen Arbeitsbedingungen und - auf längere Sicht - die zielgerichtete Rekrutierung und Vorbereitung des Lehrernachwuchses.[13]

Fußnoten

2.
Auf den Gewaltbegriff kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden.
3.
Vgl. Klaus-Jürgen Tillmann, Wie sollen wir erziehen?, in: Potsdamer Neueste Nachrichten vom 24.3.2010, S. 21 und die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) zur Verletzung der psychischen und physischen Integrität von Heranwachsenden in pädagogischen Institutionen, online: www.dgfe.de/file.2010-03-20.0594695136 (26.8.2010).
4.
Vgl. Gustav Grauer/Jürgen Zinnecker, Schülergewalt. Über unterschlagene und dramatisierte Seiten des Schülerlebens, in: Gerd-Bodo Reinert/Jürgen Zinnecker (Hrsg.), Schüler im Schulbetrieb, Reinbek 1978, S. 289ff.
5.
Vgl. Thomas Feltes, Gewalt in der Schule, in: Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Analysen und Vorschläge der Unabhängigen Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt (Gewaltkommission), hrsg. von Hans-Dieter Schwind u.a., Band III (Sondergutachten), Berlin 1990, S. 317-341.
6.
Vgl. zum Beispiel Klaus-Jürgen Tillmann u.a., Schülergewalt als Schulproblem. Verursachende Bedingungen, Erscheinungsformen und pädagogische Handlungsperspektiven, Weinheim-München 1999; Wolfgang Melzer/Wilfried Schubarth/Frank Ehninger, Gewaltprävention und Schulentwicklung, Bad Heilbrunn 2004.
7.
Vgl. Dirk Baier u.a., Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt, Hannover 2009; ders. u.a., Kinder und Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum, Hannover 2010.
8.
Vgl. ausführlich Wilfried Schubarth, Gewalt und Mobbing an Schulen. Möglichkeiten der Prävention und Intervention, Stuttgart 2010.
9.
Vgl. Volker Krumm/Birgit Lamberger-Baumann/Günter Haider, Gewalt in der Schule - auch von Lehrern, in: Empirische Pädagogik, 11 (1997) 2, S. 257ff.
10.
Vgl. D. Baier u.a. 2009 (Anm. 7), S. 57f.
11.
Vgl. Wilfried Schubarth, Gewaltphänomene aus Sicht von Schülern und Lehrern, in: Die Deutsche Schule, 89 (1997) 1, S. 67.
12.
Vgl. Tobias Hayer/Herbert Scheithauer/Franz Petermann, Bullying: Schüler als Täter - Lehrer als Opfer?!, in: Angela Ittel/Maria von Salesch (Hrsg.), Lügen, Lästern, Leiden lassen, Stuttgart 2005, S. 249.
13.
Vgl. Uwe Schaarschmidt/Ulf Kieschke (Hrsg.), Gerüstet für den Schulalltag, Weinheim-Basel 2007; Heidrun Bründel, Tatort Schule. Gewaltprävention und Krisenmanagement an Schulen, Köln 2009.

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