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30.8.2010 | Von:
Ulrike Capdepon

Der öffentliche Umgang mit der Franco-Diktatur

Erinnerungsbewegung zur Auffindung der "Verschwundenen"

Als öffentlichkeitswirksamster Aspekt der aufkeimenden Auseinandersetzung mit der franquistischen Repression hat sich die "Neuentdeckung" der bis heute in Massengräbern verscharrten republikanischen "Verschwundenen" herausgestellt. Die Mobilisierung zur Identifizierung und angemessenen Bestattung dieser Repressionsopfer, deren Schicksal bis heute nicht aufgeklärt ist, wird vor allem von lokalen Bürgerinitiativen vorangetrieben.

So gründete sich im Jahr 2000 die Vereinigung für die Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses (Asociacion para la Recuperacion de la Memoria Historica, ARMH), die sich für eine Aufklärung des Verbleibs republikanischer desaparecidos aus dem Bürgerkrieg und der Folgezeit einsetzt. Die ARMH als die erste Organisation, welche Öffnungen von Massengräbern veranlasste, entstand zunächst als ein kleiner Verein, der sich zum Ziel gesetzt hatte, die sterblichen Überreste von Opfern der franquistischen Repression in der Provinz Leon aus anonymen Massengräbern exhumieren zu lassen. Als die Aktivitäten des Vereins in der spanischen Öffentlichkeit auf ein unerwartet hohes Maß an Interesse stießen, war der Grundstein für eine zivilgesellschaftliche Erinnerungsbewegung gelegt. Die Zahl der erinnerungspolitischen Organisationen ist seither explosionsartig angestiegen: Allein zwischen 2003 und 2005 haben sie sich von rund 30 auf 170 Vereinigungen erhöht.[8]

Die Verwendung des Begriffs desaparecido für die republikanischen Bürgerkriegsopfer stellt einen bewussten Bezug zur Praxis des "Verschwindenlassens" in lateinamerikanischen Militärdiktaturen her und soll die Übertragbarkeit auf die spanische Diktaturvergangenheit verdeutlichen. Mit der sich aus den Erfahrungen der Repressionspraxis der Militärdiktaturen des südlichen Lateinamerika speisenden juristischen Figur des desaparecido rekurrieren die Erinnerungsinitiativen auf internationale Menschenrechtsnormen, um ihren Aufarbeitungsforderungen auf lokaler Ebene Nachdruck zu verleihen.

So reichte die ARMH bei der Arbeitsgruppe über Erzwungenes Verschwindenlassen der Vereinten Nationen - ursprünglich zur Auffindung der desaparecidos in Lateinamerika eingerichtet - im August 2002 einen Antrag ein, in welchem sie verlangte, dass der spanische Staat die Exhumierung der in Massengräbern verscharrten Opfer der Franco-Diktatur anordnet. Die ARMH konnte dabei einen Teilerfolg erringen, da die damals amtierende rechtskonservative Regierung unter José María Aznar (1996-2004) fortan unter dem Zwang stand, zumindest die Fälle des "Verschwindenlassens" nach Gründung der UNO im Jahr 1945 aufzuklären. Somit konnte die Initiative durch die Internationalisierung des Konflikts den innenpolitischen Druck auf staatliche Stellen erhöhen. Im November 2002 hatte das spanische Parlament einer offiziellen Verurteilung der Franco-Diktatur überraschend einstimmig zugestimmt. Indessen beziehen sich zivilgesellschaftliche Bürgerinitiativen und Menschenrechtsorganisationen bei der Suche nach den "Verschwundenen" in Spanien systematisch auf das internationale Recht und die Aufarbeitungserfahrungen in Lateinamerika, um ihre Forderungen nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Entschädigung durchzusetzen.

Fußnoten

8.
Vgl. Sergio Gálvez Biesca, El proceso de recuperacion de la 'memoria historia' en España: Una aproximacion a los movimientos sociales por la memoria, in: Internacional Journal of Iberian Studies, 19 (2006), 1, S. 25-47, hier S. 34.