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16.8.2010 | Von:
Christiane Grefe

Rio reloaded - Essay

Die drei großen Krisen: "Die Summe aller Fehler"

Vor der gefährlichen Finanzkrise hatten kritische Ökonomen lange gewarnt. Doch die Staats- und Finanzchefs der wichtigsten Wirtschaftsmächte zeigten sich als Meister der Verdrängung - selbst dann noch, als sie im Jahr 2008 tatsächlich ausbrach. Anders als bei der Großen Depression ab 1929 kamen sie immerhin rasch zusammen und verhinderten mit hohen Staatsausgaben und -garantien die befürchtete Kaskade ökonomischer Zusammenbrüche. Doch schon morgen könnte die Welt erneut am Abgrund stehen. Denn weiter gehende Konsequenzen werden blockiert, ob durchgreifende Transparenzvorschriften, Kontrollinstanzen, Bankabgaben oder die Schließung von Steueroasen. Das Schwächeln der Regierungen gegenüber der Macht der Finanzwelt und die fehlende Vorsorge kommentiert Altbundeskanzler Helmut Schmidt lakonisch: "Von ihren fulminanten Absichtserklärungen zur Regulierung der Finanzmärkte und deren Finanzinstrumenten ist bisher noch nichts verwirklicht worden."

Noch beschämender ist die Kluft zwischen Beteuerungen und Erreichtem bei der globalen Verteilungs- und Armutskrise. Seit Jahrzehnten versprechen die reichen Länder vollmundig, dass sie 0,7 Prozent ihres Bruttosozialproduktes für Hilfsprogramme und die Entwicklung benachteiligter Ökonomien ausgeben werden. Doch ebenfalls seit Jahrzehnten halten sich nur die wenigsten an ihre Verpflichtungen. Viele Rückschritte müssen bei den acht Millenniumszielen bilanziert werden, welche die Vereinten Nationen (VN) im Jahr 2000 beschlossen haben, um die Situation der Armen zu verbessern. Die Zahl der Hungernden soll bis 2015 von etwa 800 Millionen Menschen um die Hälfte verringert werden? Tatsächlich ist sie sogar wieder auf eine Milliarde gestiegen, als Folge schlichten politischen Desinteresses. Selbst nachdem dieser dramatische Befund im Jahr 2009 veröffentlicht wurde, glänzten die Regierungschefs der reichen Länder beim VN-Gipfel gegen den Hunger in Rom durch Abwesenheit. Ihre Vertreter verwässerten fast alle Bestimmungen der Abschlusserklärung, die wie der Abbau von Exportsubventionen oder Begrenzungen des "Landraubs" eigene Interessen beschnitten hätten. Solcher Hochmut ist potenziell explosiv in einer ungleichen Weltgesellschaft, in der ein Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung 40 Prozent der Vermögenswerte besitzt, während die ärmere Hälfte der Menschheit über nicht einmal ein Prozent verfügt. Das extreme Gefälle teile die Welt "in eine Zone des Friedens und eine Zone des Aufruhrs", schreibt der britische Entwicklungsökonom Robert Wade. Dabei richtet sich der Zorn jener, die sich vom Wohlstand abgehängt fühlen, nicht nur gegen die Reichen wie beim Bombenattentat auf das Hotel Taj Mahal Palace in Bombay (Mumbai), eine mondäne Unterkunft für den global traveller. Die wachsende soziale Kluft spaltet viele Gesellschaften auch von innen. In abgelegenen, verelendeten Regionen Indiens etwa flackern zunehmend bürgerkriegsartige Konflikte auf.

Ernüchterung auch bei der Klimakrise: Sie ist ein planetarischer Notfall und die umfassendste Herausforderung, weil sie fast alle Aspekte des Wirtschaftens berührt. Ihre wichtigsten Ursachen - Entwaldung und die übermäßige Verbrennung von Kohle, Öl und Gas - sind die gleichen wie bei den meisten anderen Umwelt- und Ressourcenproblemen wie Knappheit an Wasser oder Boden; diese werden überdies durch die Auswirkungen der Erderwärmung noch weiter verstärkt. Dabei sind ausgerechnet die Bewohner jener Länder, die zur Erwärmung der Erde am wenigsten beigetragen haben, die verletzlichsten potenziellen Opfer, die von Wetterextremen, Flüchtlingsströmen und Ressourcenkriegen bedroht werden. Aufgrund all dieser Zusammenhänge bezeichnet die indische Umweltschützerin Sunita Narain den Klimawandel zu Recht als "Summe aller Fehler" und fordert, dem Grundkonflikt der vernetzten Weltgesellschaft an die Wurzeln zu gehen: Gerechtigkeit oder Selbstzerstörung. Auch wenn Schwellenländer wie Indien, China oder Brasilien heute Mitverantwortung tragen: Die alten Industrienationen müssen aufgrund ihrer historischen Verantwortung in Vorleistung treten. Sie müssen sich ungleich entschlossener, mit viel größerem Tempo als bisher aus dem fossilen Zeitalter befreien und neue Entwicklungs- und Wohlstandsmodelle demonstrieren. Stattdessen auch bei diesem Thema: permanenter Aufschub. Spätestens im Jahr 2007, als der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) unbequeme Wahrheiten publizierte, konnten die Regierungen der Welt die Dringlichkeit des Problems nicht mehr relativieren. Noch nie war zwar die Weltöffentlichkeit so intensiv um das gleiche Thema versammelt wie in diesem Jahr; noch nie war der Druck auf die Umweltminister und ihre Unterhändler aus 192 Ländern so massiv wie bei der Weltklimakonferenz im Winter 2007 auf Bali. Aber trotz dieser Dramatik entgingen die Verhandlungen in letzter Sekunde nur zufällig dem Kollaps. Erneut konnten sich die Delegierten auf kaum mehr einigen als eine weitere Konferenz. Diese wiederum vermeintlich letzte Gelegenheit scheiterte zwei Jahre später in Kopenhagen am Streit um eine gerechte Verteilung der "Emissionsrechte". Seither herrscht in der globalen Klimapolitik weitgehender Stillstand.