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Klimawandel: Keine gemeinsame Teilhabe an der Welt

Essay


30.7.2010
Die unbequeme Wahrheit ist nicht, dass es den Klimawandel tatsächlich gibt, sondern dass es darum geht, das wirtschaftliche Wachstum zwischen Völkern und Nationen zu teilen.

Einleitung



Der Klimawandel ist zweifellos das größte Drama des 21. Jahrhunderts. Seine Komplexität und Dringlichkeit überwältigen uns. Seit fast zwanzig Jahren wird weltweit über etwas diskutiert, das zwar bekannt ist, aber nicht akzeptiert wird. Händeringend wird nach Entschuldigungen gesucht, warum nicht gehandelt wird, obwohl die Wissenschaft längst bestätigt hat, dass der Klimawandel real ist: Er hat mit dem Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) und anderen Emissionen zu tun, die wiederum mit weltweitem Wirtschaftswachstum und Wohlstand zusammenhängen. Mit anderen Worten: Der Klimawandel ist vom Menschen gemacht und kann die Welt, so wie wir sie kennen, zu Grunde richten.

Wir wissen heute, wie akut der Klimawandel uns gefährdet. Wir wissen, dass wir zur Bekämpfung dieser Gefahr die Treibhausgasemissionen drastisch reduzieren müssen. Wir wissen auch, dass vor allem die Armen, die in vielerlei Hinsicht besonders schutzlos sind, die schmerzhaften Auswirkungen der Klimaveränderungen am eigenen Leibe zu spüren bekommen: unter anderem durch zunehmende Niederschlagsschwankungen und immer heftigere Tropenstürme. Die Aufgaben liegen klar vor uns. Aber die Lösungsansätze gehen unter in Ausflüchten und Vorwänden.

Dass der Klimawandel "das größte Marktversagen" (Nicholas Stern) sei, ist inzwischen zu einem geflügelten Wort geworden. Trotz jahrelanger Verhandlungen und im Kyoto-Protokoll festgelegter Zielvorgaben ist bislang kein Land in der Lage, sein wirtschaftliches Wachstum von der Zunahme des CO2-Ausstoßes abzukoppeln, keines hat bis jetzt gezeigt, wie man eine CO2-arme Wirtschaft entwickelt. Die unbequeme Wahrheit ist nicht, dass es den Klimawandel tatsächlich gibt, sondern dass es darum geht, das wirtschaftliche Wachstum zwischen Völkern und Nationen zu teilen. Die reichen Länder müssen sich einschränken, damit die armen wirtschaftlich wachsen können. Auf dieser Grundlage wurden sowohl 1992 die Klimarahmenkonvention in Rio als auch 1997 das Kyoto-Protokoll unterzeichnet. Letzteres verpflichtet die Industrieländer dazu, ihre Emissionen zwischen 2008 und 2012 durchschnittlich um 5,2 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 zu reduzieren. Aber die globale Gemeinschaft hat es mit dieser Vereinbarung nie ernst gemeint. Die Fakten sind eindeutig: Der CO2-Ausstoß ist in vielen Industrieländern sogar noch erheblich angestiegen. Das ist untragbar. Schätzungen zufolge gehen sieben von zehn Tonnen CO2, die seit Beginn der Industriellen Revolution emittiert worden sind, auf das Konto der Industrieländer. Das sind Schulden an der Natur, die wie finanzielle Schulden abbezahlt werden müssen. Auch beim gegenwärtigen Ausstoß ist die Differenz eindeutig: Zwischen 1980 und 2005 beliefen sich die Emissionen der USA auf nahezu die doppelte Menge dessen, was in China ausgestoßen wurde, und mehr als sieben Mal so viel wie in Indien. Umgerechnet auf Emissionen pro Kopf ist dieses historische Ungleichgewicht geradezu unmoralisch. Und bisher ist noch kein Wandel zu erkennen - no change that we can believe in.