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19.7.2010 | Von:
Raj Kollmorgen

Diskurse der deutschen Einheit

Massenmedialer Diskurs

Die Sonderstellung des massenmedialen Diskurses wird bereits an der Entwicklung seiner Themen erkennbar. Im deutlichen Unterschied zu den beiden anderen Feldern hat im vergangenen Jahrzehnt, vor allem in den Jahren 2004 bis 2008, die Beschäftigung mit wirtschaftlich-sozialen Themen und insbesondere mit Entwicklungen im Bereich der Unternehmen sowie der Innovations- und Bildungschancen im Osten erheblich nachgelassen - auf etwa 50 Prozent des Ausgangswertes. Dafür haben politische Themen etwas gewonnen. Wichtiger aber erscheint der gegenwärtige Trend einer "Verschiebung" des Themas Ostdeutschland in den Bereich Feuilleton und "Unterhaltung": Der Anteil der Beiträge dieses Ressorts hat sich annähernd verdoppelt.

Dieser Befund konvergiert mit Inhaltsanalysen des massenmedialen Diskurses in den Jahren zwischen 1990 und 2005/07. Neben der bereits vermerkten Event-Orientierung zeichnete er sich einerseits durch die Exotisierung der Ostdeutschen und Ostdeutschlands, also die Thematisierung ihrer vermeintlichen Besonderheiten, Abweichungen und Anomalien gegenüber Westdeutschland, aus. Anderseits wurden ostdeutsche "Idiosynkrasien" und Transformationsprobleme häufig skandalisiert und der öffentlichen Erregung, der Lächerlichkeit, aber auch distanzierender Belehrung preisgegeben. Die wichtigsten skandalträchtigen Themen waren "Vergangenheitsbewältigung" (DDR-Herrschaftsregime, SED/Stasi-Seilschaften, Dopingpraxis), Transferproblematik ("Daueralimentierung des Ostens", "Milliardengrab Ost", Rentenhöhen im Osten) sowie Politik und Personal der PDS/Die Linke. Dabei wurde in der Häufigkeit, der jeweiligen Ausrichtung und in der Bewertung einerseits eine politisch-kulturelle Differenzierungslinie, andererseits eine deutliche Ost-West-Scheide sichtbar. In den überregionalen Print- wie elektronischen Medien (Sendeformaten) mit Standort und/oder starken Zielgruppen in den neuen Ländern ("SuperIllu", "Berliner Zeitung" oder das politische TV-Magazin "Fakt" des MDR) besaß das Thema Ostdeutschland einen wesentlich höheren Stellenwert als in Medien bzw. Formaten mit eindeutig west- und gesamtdeutscher, eher konservativer oder auf die Wirtschaft zielender Ausrichtung (z.B. FAZ, taz, "Capital", "Focus" oder das TV-Magazin "Report" des BR). Kodeseitig überwog im Westen in den meisten überregionalen Medien wie FAZ oder "Focus" ein exotisierender, skeptischer Blick und eine Negativbewertung Ostdeutschlands und der Ostdeutschen, wobei sich die linksliberalen Blätter ("Die Zeit", taz) um Neugier, Offenheit und einen Blick von unten auf die Vereinigungsprozesse bemühten und sich insofern von Einseitigkeiten bis zu einem gewissen Grade absetzten. Umgekehrt dominierten im Osten ("SuperIllu", "Neues Deutschland") Heimatnähe, Verklärung, Ostalgie und die Skandalisierung deutsch-deutscher "Ungerechtigkeiten".

Zusammenfassend erschienen Ostdeutschland und Ostdeutsche in den hegemonialen Massenmedien zwischen 1993 und 2007 vor allem als geschichtliche, insbesondere durch das negativ bewertete "Herrschaftsregime der DDR" (aus-)gezeichnete Bevölkerungsgruppe; als etwas Besonderes, als exotische und abgeschlagene Peripherie; als Belastung der bundesrepublikanischen Gesellschaft, vor allem ihres Wohlstandes; als passive, abwartende, (er)leidende Bevölkerungsgruppe; insgesamt als Region, für die negative Zukunftsaussichten bestehen. Dieser bis in die jüngste Zeit reichende hegemoniale Diskurs setzt sich mit seiner Kodierung deutlich von den seit Ende der 1990er Jahre erfolgten Verschiebungen und inhaltlichen Veränderungen in den beiden anderen Diskursfeldern ab. Erst seit wenigen Jahren gibt es signifikante Ansätze, die Eigenartigkeit des Ostens und der Ostdeutschen nicht nur abwertend oder nostalgisch zu gebrauchen, sondern durch die Verknüpfung mit "Hoffnung", "Aktivität" oder "Innovation" positiv zu besetzen und damit auch für Debatten um die Zukunft Gesamtdeutschlands zu öffnen. Ob und inwieweit sich dieses neue Diskursmoment nachhaltig durchsetzen wird, kann gegenwärtig noch nicht gesagt werden.

Plausibilisiert wird die lang anhaltende Hegemonie des Ausblendungs-, Absonderungs- und Negativdiskurses, wenn zum einen an die nach wie vor bestehenden massenmedialen Teilöffentlichkeiten in Ost- und Westdeutschland gedacht wird. Einerseits lesen Ostdeutsche im Durchschnitt deutlich weniger überregionale Tageszeitungen, Wirtschaftsmagazine und politisch orientierte Wochenzeitschriften, wohingegen spezielle "Ostzeitungen" (herausragend: "SuperIllu") und Regionalblätter sowie die privaten Fernsehsender hohe Verbreitung besitzen. Andererseits erweist sich der Mediensektor nicht nur bezogen auf die Eigentümerstruktur als westdeutsche Domäne. So befinden sich bis auf wenige ostdeutsche Ausnahmen mit unterdurchschnittlichen Auflagenhöhen (wie "Neues Deutschland") alle Zeitungen und Zeitschriften mehrheitlich im Besitz westdeutscher oder internationaler Eigentümer. Auch die Chefredaktionen - selbst der ostdeutschen privaten wie öffentlich-rechtlichen Medien - werden von westdeutschen Journalisten dominiert.


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