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19.7.2010 | Von:
Rolf Reißig

Von der privilegierten und blockierten zur zukunftsorientierten Transformation

Die Transformation Ostdeutschlands als Angleichungspfad und nachholende Modernisierung hat ihre Dynamik und richtungweisende Funktion eingebüßt. Erforderlich ist der Übergang zu einem neuen, zukunftsfähigen Entwicklungspfad.

Einleitung

Der plötzliche Systemzusammenbruch im Osten überraschte fast alle - die Politik, die Medien, die Wissenschaft und selbst die Geheimdienste, wie das Archiv des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl offenbart. Die tiefe wirtschaftliche, soziale und geistig-kulturelle Krise der staatssozialistischen Herrschaftssysteme war in den 1980er Jahren immer offensichtlicher geworden. Doch lange Zeit dominierte in West und Ost die Annahme eines Systemwandels, nicht eines Systemwechsels. Die zunehmende Massenflucht von DDR-Bürgerinnen und -bürgern (Exit-Optionen) und das wachsende Aufbegehren der Opposition sowie die sich rasch ausbreitenden Massendemonstrationen seit Herbst 1989 (Voice-Optionen) rückten dann jedoch das Problem des Systemwechsels und damit das der deutschen Einheit politisch auf die Tagesordnung.

Doch keiner der Akteure in West- und Ostdeutschland verfügte in dieser Umbruchsituation über ein schlüssiges Konzept der Systemtransformation und der deutschen Einheit. In der politischen Arena wurden durch unterschiedliche Akteursgruppen unterschiedliche Transformations- und Einheitsoptionen kommuniziert: Systemwechsel in und Weiterexistenz einer reformierten DDR; Vereinigung und gemeinsame Gestaltung eines zukunftsfähigen Deutschlands (doppelte Modernisierung); Vereinigung durch Beitritt (Modellübernahme und nachholende Modernisierung in Ostdeutschland).

Die von der Bundesregierung favorisierte Beitrittsoption fand bald die Zustimmung der Mehrheit der Ostdeutschen. Diese vor allem drängten seit der Jahreswende 1989/90 auf eine schnelle Vereinigung, denn allein der Beitritt erschien ihr als glaubwürdige und sichere Option. Nur der sie repräsentierende Akteur (Bundesregierung) verfügte über die zu seiner Umsetzung erforderlichen Ressourcen. Der politische System- und Ordnungswechsel und auch seine Form (Beitritt) waren mithin von innen gewollt und durch Wahlen (18. März 1990) demokratisch legitimiert.

Besonderes deutsches Transformations- und Einheitsmuster

Der Systemwechsel in und die Transformation der DDR waren durch ein Bündel von Gemeinsamkeiten mit den anderen 28 postsozialistischen Ländern Mittelosteuropas gekennzeichnet. Doch ist das deutsche Transformations- und Einheitsmusters zugleich durch eine Reihe spezifischer Prämissen und Merkmale zu charakterisieren:

  • Die DDR-Transformation vollzog sich unter den Bedingungen einer Staatsauflösung und eines Beitritts zu einem "Fertig-Staat" (ready-made-state), d.h. eines Beitritts zu einer alles in allem stabilen Demokratie und funktionierenden Marktwirtschaft. Die Transformation Ostdeutschlands und die Integration der neuen Bundesländer in die Bundesrepublik sind eng miteinander verknüpft und bilden zwei Seiten derselben Medaille.
  • Für die Lösung der Transformationsprobleme Ost sind mit der Bundesrepublik West das Modell und die Ressourcen gegeben. Transformation Ost bedeutet in diesem Fall Institutionen-, Eliten- und Ressourcentransfer von West- nach Ostdeutschland, Einschwenken auf den Entwicklungspfad West, nachholende Modernisierung.
  • Kontinuität und Stabilität der "alten" Bundesrepublik hatten Vorrang vor möglichen Übergangsregeln, Experimentierklauseln, Neuerungen in Ost sowie Wandlungen und Reformen in West und der sich formierenden gesamtdeutschen Bundesrepublik. Reformen würden in dieser Situation nur die Risiken, Ambivalenzen und Kosten der Transformation und Einheit erhöhen.
Die Transformation Ostdeutschlands und die Herstellung der deutschen Einheit waren daher durch spezifische Referenzmaßstäbe geprägt:

  • Einer kurzen, auch schmerzhaften Übergangsphase sollten ein selbsttragender Wirtschaftsaufschwung in Ostdeutschland sowie gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland folgen.
  • Dieser Prozess würde von wachsendem Zufriedenheits- und Zukunftspotenzial sowie von rasch zunehmendem Systemvertrauen in der ostdeutschen Bevölkerung begleitet werden.
  • Der Anpassung würde schließlich die Angleichung der Einstellungen und Werteorientierungen, also der politischen Kultur der Ost- an die der Westdeutschen folgen und damit die "innere Einheit" vollenden.
Die "neue" gesamtdeutsche Bundesrepublik würde so durch den Beitritt der ostdeutschen Länder die vergrößerte und erfolgreiche "alte" sein. Die ostdeutsche Transformation galt national und international als privilegierter Fall, denn alles, was gebraucht wurde, war schon da und erprobt - in Westdeutschland. Die Westdeutschen wollten, dass alles so bleibt wie es war; die Mehrheit der Ostdeutschen wollte, dass alles so wird, wie es in Westdeutschland ist.

Politisch-institutionelle Transformation

Der 1990 einsetzende rasche und effiziente Institutionentransfer von West nach Ost führte zur baldigen organisatorischen Konsolidierung Ostdeutschlands und zum Aufbau einer funktionsfähigen Verwaltung. Die für einen Ordnungs- und Systemwechsel typischen Turbulenzen, Konflikte und Rückschläge konnten minimiert werden. Es gelang in kürzester Zeit, die neuen Bundesländer in die institutionelle Ordnung der Bundesrepublik zu integrieren. Der gelungene politische Ordnungswechsel, der Freiheitsgewinn und die Etablierung der Demokratie in Ostdeutschland, die Herstellung institutioneller Ost-West-Gleichheit sowie die Herausbildung einer gemeinsamen rechtsstaatlichen Ordnung, gemeinsamer föderaler Strukturen und kommunaler Selbstverwaltung gehören zu den Erfolgsbilanzen der ostdeutschen Transformation und der deutsch-deutschen Integration. Aus ehemals zwei Staaten mit entgegengesetzten gesellschaftspolitischen Systemen mit Ausschließlichkeitsanspruch ist im Ergebnis von Transformation und Vereinigung ein integriertes und demokratisch legitimiertes Staatswesen geworden, eingebunden zugleich in den Prozess der europäischen Integration und in die internationale Staatengemeinschaft.

Die Vorteile des privilegierten Transformationsfalls offenbarten jedoch auf der politisch-institutionellen Ebene auch Nachteile. Die im ostdeutschen Transformationsprozess elitengesteuerten, instrumentell und von "außen" eingeführten Institutionen, Regeln und Normen waren lange Zeit und sind zum Teil noch immer nur schwach in den Lebenswelten der Bürger Ostdeutschlands verankert. Transfer und Aufbruch sind, wie sich in Ostdeutschland bald zeigte, selten kompatibel. Das Modell der Adaption eines Institutionensystems, das selbst schon reformbedürftig war, hat politisch-institutionell zu wenige Innovationen hervorgebracht. Die Spielräume in Ostdeutschland für notwendige Abweichungen, für andere und neue Wege - typisch für eine Gesellschaft im Umbruch - waren zu eng und oft gar blockiert. Dies zeigte sich etwa bei der spezifischen Eigentumsregelung ("Rückgabe vor Entschädigung"), bei der Wirtschaftsförderung (z.B. Verzicht auf eine Sonderwirtschaftszone, auf Niedrigsteuergebiet, auf Lohnzurückhaltung im Austausch für Teilhabe am Produktivvermögen, auf flexibles Baurecht) und bei der Entwicklung des Bildungs- und Gesundheitswesens.

Wirtschaftlich-soziale Transformation

Auch hinsichtlich der postsozialistischen Wirtschaftstransformation wurden auf der Grundlage des gewählten spezifischen Transformationsmodells die beiden grundlegenden strukturellen Aufgaben alles in allem erfolgreich bewältigt: der Umbau der Wirtschaft von der Plan- zur Marktwirtschaft und die grundlegende Modernisierung der Infrastruktur (Straßen, Bausubstanz, Telefonnetze, Städte) und des wirtschaftlichen Kapitalstocks. Die 12350 DDR-Betriebe wurden in relativ kurzer Zeit privatisiert (Übergang in die Hände westdeutscher und ausländischer Unternehmer, ostdeutscher Alteigentümer, ostdeutschen Managements und ostdeutscher Kommunen) bzw. liquidiert (3718). Die rasche Modernisierung der Infrastruktur und der Aufbau eines neuen Kapitalstocks wurden wesentlich durch die Transferleistungen möglich. Der Kapitalstock pro Erwerbstätigem liegt heute in den östlichen im Vergleich zu den westlichen Bundesländern bei rund 80 Prozent.

Die positiven wirtschaftlichen Veränderungen gegenüber der Ausgangslage 1989/90 sind unübersehbar. Doch zogen das Paket von Liberalisierungsmaßnahmen, die Aufwertung der DDR-Währung um etwa 300 Prozent bei einer Umstellung der Löhne und Gehälter im Verhältnis 1:1 und die abrupte Öffnung der Wirtschaft für den Weltmarkt bei Wegbrechen der traditionellen Ost-Märkte (Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe/RGW) zunächst jedoch einen "Öffnungsschock" (Michael Hüther) nach sich. Dies führte auf dem Hintergrund der Basiskrise der DDR-Wirtschaft zur Depression, zur plötzlichen Entwertung der vorhandenen Produktionskapazitäten, zu Deindustrialisierungsprozessen und einem rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit und der Unterbeschäftigung. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner - gemessen am westdeutschen Niveau - fiel deshalb zunächst von 54,9 (1989) auf 33,3 Prozent (1991), um dann bis heute auf rund 70 Prozent anzusteigen.[1] Dieser Grad der Konvergenz - gemessen an der Ausgangssituation - ist ein beachtlicher Fortschritt. Entstanden sind zugleich ein breites Netz kleinerer und mittlerer Unternehmen, eine kleine, aber sich weiter stabilisierende gewerbliche Wirtschaft, spezifische innovative Räume sowie "Leuchttürme" (z.B. Solarenergie, Chemiedreieck Leuna-Bitterfeld, Jenoptik) und eine verhältnismäßig leistungsstarke Landwirtschaft.

Der nach 1991 zunächst zügig vorangekommene Aufhol- und Angleichungsprozess ist jedoch ins Stocken geraten. Vor allem ist es bislang nicht gelungen, in Ostdeutschland einen selbsttragenden, dynamischen wirtschaftlichen Entwicklungspfad zu etablieren. Der Verbrauch (privater Konsum, Staatsverbrauch, Investitionen) liegt jährlich um etwa 30 Milliarden Euro höher als die Produktion. Die strukturelle Abhängigkeit vom westdeutschen Finanz- und Güterverkehr bleibt bestehen, kann jedoch auf Dauer nicht die Lösung sein ("Transferfalle"). Da der Solidarpakt II 2019 definitiv ausläuft, muss es den ostdeutschen Ländern bis dahin gelingen, weitgehend auf eigenen wirtschaftlichen Füßen zu stehen. Diese Herausforderung ist gewaltig und bedarf des Umsteuerns.

Der Vorteil des privilegierten Transformationsfalls wurde vor allem in materiell-sozialer Hinsicht offensichtlich. Die Lebensbedingungen haben sich in Ostdeutschland seit 1989/90 für eine Mehrheit der Menschen verbessert. Das betrifft die Lohnentwicklung der Beschäftigten, die Haushaltsnettoeinnahmen der Familien, die Renten, das Waren- und Dienstleistungsangebot, die Ausstattung der privaten Haushalte mit langlebigen Konsumgütern, das Wohnungsangebot und die Umweltbedingungen.[2] Trotz der finanziellen Anstrengungen und distributiven Maßnahmen zur Absicherung und Besserstellung der Ostdeutschen sind die erhofften und versprochenen qualitativ gleichwertigen Lebensverhältnisse zwischen Ost und West jedoch bislang nicht erreicht worden. Und dies, obgleich der größere Teil der immensen Transferleistungen für den konsumtiv-sozialen Bereich aufgewendet wurde. Doch subventioniert werden musste vor allem die soziale Absicherung, ohne dass der Wirtschaftsaufschwung sich in der erwarteten Schnelligkeit vollzog. Die Einkommensunterschiede sind bei einer Differenz von etwa 20 Prozent konstant geblieben. Die Arbeitslosigkeit ist 2010 - trotz eines erheblichen Rückgangs in den vergangenen Jahren - noch immer fast doppelt so hoch (12,1 Prozent) wie in den westdeutschen Bundesländern (6,6 Prozent). Die Abwanderung besonders von Jüngeren, Qualifizierten und jungen Frauen nach Westdeutschland (seit 1989/90 etwa 3,1 Millionen Fort- bei 1,5 Millionen Zuzügen) ist ein ernstes Problem für nicht wenige ostdeutsche Regionen.

Die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse erweist sich mithin als schwieriger und langwieriger als angenommen. Sie bleibt als Zielorientierung bestehen, doch sollte sie neu definiert werden: als "soziale Einheit", die soziale Unterschiede und Differenzierungen nicht aufhebt, jedoch gleiche Zugangs- und Teilhabechancen für alle zu Arbeit, Bildung, Gesundheit, Eigentum, sozialem Aufstieg und demokratischer Partizipation garantiert, unabhängig von sozialer Herkunft und regionaler Verortung.

Kulturell-mentale Transformation

Einheit und Transformation durch Beitritt zum westdeutschen Modell des Wohlfahrtsstaates, der liberalen Demokratie und des Sozialtransfers sollte den Ostdeutschen auch den Weg zur kulturell-mentalen Integration ("innere Einheit") erleichtern. Doch zeigte sich bald, dass dieser Weg mit enormen kulturell-mentalen Umstellungs- und Anpassungsleistungen verbunden war und ist.

Die Ostdeutschen hatten nicht nur einen einmaligen System-, sondern zugleich einen tief greifenden Kulturbruch zu verarbeiten. Von heute auf morgen fand eine grundlegende Umbewertung aller vormals geltenden gesellschaftlichen Leitorientierungen, Normen, Werte und Symbole statt. Über vielfältige berufliche, private und lebensweltliche Brüche und Krisen haben die Ostdeutschen mehrheitlich diesen Kulturbruch in den vergangenen zwanzig Jahren alles in allem individuell verarbeitet. Allerdings auf eigentümliche und oft auch auf unvorhergesehene Art und Weise: Sie bejahen in ihrer großen Mehrheit den Systemwechsel, die neue politische Ordnung, die Demokratie als Staatsform und die deutsche Einheit. Die entsprechenden Annahmen von 1989/90 fanden hier ihre Bestätigung. Doch andererseits bezeichnen lediglich rund 30 Prozent der Ostdeutschen die neue Gesellschaft als "gerecht",[3] und nur rund 23 Prozent fühlen sich als "richtige Bundesbürger".[4] Mehr als 60 Prozent sehen sich gar - und dies seit Jahren relativ konstant - als "Bürgerinnen und Bürger 2. Klasse".[5] Offensichtlich haben sich gerade unter Ostdeutschen Desintegrations- und Benachteiligungsgefühle (wie berechtigt sie auch immer sein mögen) verfestigt, wohl auch, weil sie sich nach ihrer Selbstbefreiung nicht auf dem "Siegerpodium" wiederfanden, wie der Münchener Historiker Christian Meier unlängst feststellte.[6]

Gesellschaftliche Einheit erfordert daher zum einen "soziale Einheit", zum anderen aber und vor allem eine Kultur wechselseitiger "Anerkennung" (Lebensleistungen, Erfahrungen, Eigen-Sinn) und eines "Dialogs unter Gleichen". Dass hier vielfältige Versäumnisse, Missverständnisse im deutschen Einigungsprozess vorliegen, wird kaum noch bestritten. Doch sollten die Ostdeutschen nicht auf "Besserung" von oben warten oder sich zurückziehen, sondern sich aktiv und selbstbewusst gerade mit ihren einzigartigen Umbrucherfahrungen und ihren sozialen Werteorientierungen in die öffentlichen Debatten einbringen. Dazu gehört aber auch, die unterschiedlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen der Westdeutschen noch besser verstehen zu lernen, wie diese wiederum die der Ostdeutschen. Eine Akzeptanz kulturell-mentaler Verschiedenheit ist eine Bereicherung, keine Gefährdung eines solidarisch-pluralistischen Gemeinwesens.

Fazit

Die Transformation Ostdeutschlands - zunächst vor allem als Modell-Implementation, Angleichungspfad und nachholende Modernisierung konzipiert und praktiziert - hat sich voll entfaltet; in ihrer Stärke und Ambivalenz, mit ihren Vor- und Nachteilen, mit ihren gewollten und ungewollten Folgewirkungen. Der 1989/90 in Ostdeutschland eingeleitete, zunächst ungeplante System- und Ordnungswechsel ist im Ergebnis zielgerichteter Entwicklung vollzogen. Demokratie und Marktwirtschaft haben sich durchgesetzt. Die Einheit Deutschlands wurde hergestellt, sie ist demokratisch legitimiert und international respektiert. Mit der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Transformation haben sich die ostdeutschen Länder in den vergangenen zwanzig Jahren grundlegend gewandelt, konsolidiert und modernisiert. Dies ist das Ergebnis sowohl der beachtlichen westdeutschen Transferleistungen wie vor allem auch der engagierten Arbeit der Ostdeutschen. Dennoch - wichtige strategische Ziele und Aufgaben der Transformation und Integration harren der Lösung: eine "selbsttragende, dynamische Wirtschaftsentwicklung", die "soziale Einheit" sowie "kulturelle Anerkennung und Integration".

Transformation und deutsche Vereinigung haben sich als viel komplexer, komplizierter, langwieriger und auch offener erwiesen, als es gerade das spezifische deutsche ("privilegierte") Transformations- und Vereinigungsmodell erwarten ließ. Das steht im Zusammenhang mit den strukturellen Altlasten der DDR, die sich als gravierender und langwieriger erwiesen als zunächst angenommen. Das hat natürlich auch mit Fehlern in der Transformations- und Vereinigungspolitik (vor allem in den Anfangsjahren) zu tun, die dem Zeit- und Problemdruck geschuldet waren, nicht zuletzt aber auch dem mangelnden Such- und Lernprozess der dominierenden Akteure. Vor allem aber hat der Angleichungsprozess seine Dynamik und seine zukunftsweisende Funktion verloren. Hier ist nach den Gründen zu fragen, denn hier liegt heute das eigentliche Problem.

Paradigmenwechsel

Das bisherige Entwicklungsmodell, der bisher und lange Zeit erfolgreiche Pfad wirtschaftlicher, sozialer, kultureller Entwicklung, ist seit Längerem an seine gesellschaftlichen und natürlichen Grenzen gestoßen. Seit Ende der 1970er, spätestens seit den 1980er und 1990er Jahren befinden sich die verschiedenen fordistisch-industriellen Wirtschafts- und Sozialmodelle (geprägt durch ungebrochenes Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, Produktivitäts- und Reallohnsteigerung, Massenkonsum und politische Stabilität) im Umbruch.[7] Es geht um Wege zu einem neuen Entwicklungsmodell und -pfad, um Wege in eine soziale, solidarische und ökologische Moderne.[8]

Kein Land hat diesen erforderlichen Wandel schon nachhaltig vollzogen. Die Transformation Ostdeutschlands und die deutsche Einheit fielen eben nicht mehr in die Phase fordistischer Prosperität, sondern in eine Umbruchphase von globaler und europäischer Dimension. 1989/90 konnte aus unterschiedlichen Gründen ein solcher wirtschaftlicher und sozialer Modell- und Pfadwechsel nicht in Angriff genommen werden und wurde "vertagt" - mit Folgewirkungen für Ost und West und das vereinte Deutschland. So wurde ein Produktions-, Sozial- und Kulturmodell fortgeführt (Westdeutschland) und übernommen (Ostdeutschland), das zum Zeitpunkt der deutschen Vereinigung seine Erfolgsgeschichte schon hinter sich hatte und dessen Funktionsweisen bereits erodierten. Das führte, wie gezeigt, in Ostdeutschland dennoch zu wichtigen Entwicklungen und Ergebnissen und hat die Stärke und Robustheit der "alten" Bundesrepublik manifestiert, aber die der "neuen" zugleich blockiert, strukturell und mental.

Der Modus der Transformation und ein Angleichungsprozess als übergeordnete Zielvorstellung haben ihre Potenziale ausgereizt. Es geht beim "Aufbau Ost" nun nicht mehr so sehr um eine Zeitverschiebung (von ursprünglich zehn, über 20 oder 30 bis zu nun diskutierten 50 oder gar 60 Jahren), um kleinere Korrekturen und modifizierte Instrumente des strukturellen Wandels, sondern um einen tief greifenden, anderen Wandel. Der sozial-ökologische Umbauprozess ist die grundlegende Herausforderung für Ost und West und kann nur gemeinsam ge- oder misslingen.

Ostdeutschland auf neuem Entwicklungspfad?

Nachdem offensichtlich geworden ist, dass Ostdeutschland nicht mehr werden kann, wie Westdeutschland früher war, bedarf es eines Perspektivenwechsels und zu seiner Voraussetzung einer Diskurswende. Denn die Fortsetzung des Aufholjagd- und Angleichungsszenarios, das nie das Ziel zukunftsfähiger Entwicklung erreichen wird, lähmt die Kräfte und führt zu Resignation und Depression wie auf der anderen Seite das Niedergangsszenario, das den Osten abschreibt und ihn als deutsches Mezzogiorno sieht. "Ostdeutschland" und "Zukunft" sind auf neue Art zusammenzudenken und zusammenzuführen. Die neue Leitfrage lautet: Wie kann sich Ostdeutschland, wie können sich seine Regionen dem "doppelten Umbruch" (Folgen der postsozialistischen Transformation und Herausforderungen des postmodernen Umbruchszenarios) stellen und Wege zu einem zukunftsfähigen, sozial und ökologisch geprägten Entwicklungspfad und -modell finden?

Maßstab und Meßlatte gelingender Transformation und Vereinigung sind nicht mehr so sehr das "Auf- und Einholen", nicht mehr primär die gängigen quantitativen Ost-West-Vergleiche, sondern ein "selbsttragender, dynamischer Entwicklungs- und Zukunftspfad", sind "Modernität" und "Modernisierung", "Innovation", "Entwicklungs- und Zukunftspotenziale", "Handlungs- und Teilhabechancen" sowie "soziale und kulturelle Lebensqualität". Dabei müssen die ostdeutschen Regionen vor allem die eigenen Ressourcen und Zukunftspotenziale[9] mobilisieren, ihre Stärken stärken und ihr spezifisches Profil im Europa der Regionen finden. Hier besitzt Ostdeutschland durchaus Standortvorteile: So sind die ostdeutschen Länder führend bei der Stromerzeugung aus regenerativen Energien. Sie könnten bei der weltweit erforderlichen Energiewende eine wichtige Rolle spielen und - gestützt auf ein Netz kleinerer und mittlerer Unternehmen - neue Lösungen gerade auch "von unten" einbringen. Damit ließen sich neue Märkte erschließen, statt den gesättigten (vergeblich) hinterher zu laufen. So könnte eine endogene Innovation, eine Selbst-Transformation in Gang gesetzt werden.

Systematische Entwicklung der ostdeutschen Zukunftspotenziale heißt auch Stärkung der produktiven Formen der Kooperation und Vernetzung zwischen den kleinen und mittleren Unternehmen und zwischen diesen und den regionalen Forschungseinrichtungen; heißt Förderung einer Regionalentwicklung, in der die jeweils ganz unterschiedlichen Ansätze und Entwicklungspotenziale in den Regionen (z.B. sozialökologische Neuindustrialisierung, ökologische Landwirtschaft, Kultur, Tourismus) zum Ausgangspunkt von Innovation und Entwicklung werden.

In diesem Sinne ist die Zukunft des "Ostens" heute vielleicht offener als zu Beginn des Systembruchs 1989/90 und der Transformation. Jedoch ist die Rolle Ostdeutschlands, der neuen Bundesländer und Regionen in diesem Entwicklungsszenario nicht mehr von Vornherein die des "Nachzüglers" (nachholende Modernisierung), aber natürlich auch nicht die der "Avantgarde" und des "Modells" (gelungene postsozialistische Transformation). In dieser neuen Umbruchsituation stößt man in den ostdeutschen Räumen sowohl auf Nachholendes und Konservierendes wie auch auf Vorangehendes, Innovatives und Zukunftsfähiges. Ostdeutschland und seine Regionen suchen und finden angesichts des doppelten Umbruchs erste Antworten auf die neuen Herausforderungen: bei der Gestaltung von qualitativem Wachstum bei gleichzeitiger Stagnation und Schrumpfung; beim Stadtumbau; bei der Energiewende; beim Umbau der Arbeitsgesellschaft und der neuen Verfasstheit der Erwerbsarbeit; bei der Nutzung des Sozialkapitals für nachhaltige Entwicklung; bei der Entwicklung und Gestaltung regionaler Räume durch Reorganisations- und Selbstorganisationsprozesse der Gesellschaft von unten. Chancen und Risiken liegen dicht beieinander. Doch nur durch das Einschwenken auf diesen neuen Entwicklungspfad könnte sich ein dauerhafter Erfolg für Ostdeutschland einstellen.

Dabei gibt es angesichts der Komplexität und neuen Differenziertheit in und zwischen den Regionen und lokalen Räumen nicht mehr die eine "ostdeutsche" Antwort auf die Vielfalt der spezifischen Lagen, Probleme und Herausforderungen. Auch deshalb haben die ostdeutschen Länder und viele ihrer Regionen inzwischen eigene, spezifische Leitbilder und Strategiekonzepte mit Blick auf das Jahr 2020 erarbeitet. Transformation und Einheit sind heute - auf der Grundlage der erreichten Ergebnisse und gewonnenen Erfahrungen - zugleich neu zu denken und zu gestalten:

  • Von der einseitigen Angleichungsperspektive Ost an West zur gemeinsamen Gestaltung eines zukunftsfähigen, neuen Deutschlands unter Nutzung der Stärken, Erfahrungen und Zukunftspotenziale des "alten Westens" wie der für die Zukunft relevanten spezifischen ostdeutschen Erfahrungen und Potenziale der vergangenen Jahrzehnte.
  • Das Zusammenwachsen erfolgt durch Zusammen(Ost-West-gemeinsam)-Wachsen.
  • Die Einheit wird auch mit ihren sozial-strukturellen und regionalen Unterschieden sowie soziokulturellen Verschiedenheiten akzeptiert, die das vereinte Deutschland immer weniger trennen, sondern auf neue Weise zugleich verbinden.
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Fußnoten

1.
Vgl. Gerhard Heske, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung DDR 1950-1989. Daten, Methoden, Vergleiche, Köln 2009; Quelle: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden.
2.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Datenreport 2006, 2008, Bonn 2006 bzw. 2008.
3.
Quelle: Forsa-Umfrage 1989-2009, in: Berliner Zeitung vom 2.1.2009, S. 2.
4.
Sozialwissenschaftliches Forschungszentrum (Hrsg.), Sozialreport 2008, Berlin 2008.
5.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Deutsche Zustände. Folge 7, Frankfurt/M. 2009, S. 13-49.
6.
Vgl. Christian Meier, Abbruch einer Ordnung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.5.2010, S. 7.
7.
Vgl. Martin Baethge/Peter Bartelheimer, Deutschland im Umbruch, in: Berichterstattung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland, Wiesbaden 2005, S. 11-37.
8.
Vgl. Rolf Reißig, Gesellschafts-Transformation im 21. Jahrhundert. Ein neues Konzept sozialen Wandels, Wiesbaden 2009.
9.
Vgl. Michael Thomas, Ostdeutsche Zukunftspotenziale - oder: Wie man das Rad doch noch einmal neu erfinden muss, Ms., Berlin 2010.

Dossier

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