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19.7.2010 | Von:
Rüdiger Thomas

Deutsche Kultur im Einigungsprozess

Gebaute Kultur

Dass sich Kultur auch in Bauwerken und Architekturensembles öffentlichkeitswirksam darstellt, hat sich seit 1990 an verschiedenen Beispielen eindrucksvoll gezeigt. Die Neugestaltung der Berliner Museumsinsel, die seit 1993 durch drei Masterpläne projektiert und fortgeschrieben wurde, an denen der Londoner Architekt David Chipperfield maßgeblich beteiligt war, hat neben der vollständigen Sanierung vor allem durch die Wiederherstellung des Neuen Museums, das Ende Oktober 2009 für das Publikum eröffnet worden ist, weltweite Anerkennung gefunden.

Besonders die Wiedererrichtung der Dresdner Frauenkirche hat gezeigt, welche Bedeutung Architekturdenkmäler für die gesellschaftliche Identitätsbildung haben können. Ein Wiederaufbau der verstörenden Ruine, die zu DDR-Zeiten im Zentrum der Elbmetropole als Mahnmal erhalten worden war, wurde schon seit 1985 nach der Eröffnung der Semperoper in der Langzeitplanung erwogen. Doch erst der "Ruf aus Dresden", der am 12. Februar 1990, dem 45. Jahrestag der Zerstörung der Stadt im Krieg, die Menschen in aller Welt mobilisieren sollte, mit dem Wiederaufbau ein "Haus des Friedens" zu ermöglichen, brachte einen Prozess in Gang, der nach dem Wiederaufbaubeschluss der sächsischen Landessynode (März 1991) in knapp zehn Jahren mit der Weihe des einzigartigen Bauwerks von George Bähr am 30. Oktober 2005 seinen kuppelgekrönten Abschluss fand. Die Gesamtkosten betrugen rund 180 Millionen Euro. Es ist ein beispielloser Vorgang, dass von dieser Summe nahezu zwei Drittel durch Spenden aufgebracht worden sind.

Weitere ermutigende Initiativen stellten Neugründungen von Museen dar. Bereits 1990 wurde die von Klaus Werner initiierte Galerie für Zeitgenössische Kunst im Rahmen einer gesamtdeutschen Stiftungsinitiative durch einen Förderkreis ins Leben gerufen. Im selben Jahr, in dem in Bonn das Haus der Geschichte eröffnet wurde (1994), konnte in Leipzig die Ausstellung "Zum Herbst 89. Demokratische Bewegung in der DDR" als erstes Arbeitsergebnis einer Projektgruppe präsentiert werden, die 1999 als Zeitgeschichtliches Forum Leipzig (ZFL) im Rahmen der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland mit den Standorten Bonn und Berlin eigene Ausstellungsräume eröffnet hat. Das ZFL hat kulturhistorische Ausstellungen präsentiert, die stets durch eine gesamtdeutsche Perspektive bestimmt waren. Der erste und bedeutendste Museumsneubau wurde in Leipzig errichtet. Das Museum für bildende Künste am Augustusplatz war 1943 zerstört worden; seit 1952 hatten die Bestände der bedeutenden Bürgersammlung ihren Platz im Reichsgericht gefunden, das sie 1997 verlassen mussten, weil hier das Bundesverwaltungsgericht seinen Sitz erhielt. Der quaderförmige neue Museumsbau auf dem Sachsenplatz konnte am 4. Dezember 2004 eröffnet werden. Zu den Kosten von rund 74,5 Millionen Euro hat der Bund etwa 30 Millionen beigetragen.

Nicht immer ist es gelungen, mit einem Architekturprojekt zur kulturellen Identitätsbildung beizutragen. Dies wird deutlich, wenn man den Blick auf die Fata Morgana des Berliner Stadtschlosses richtet, das sich seit dem parlamentarischen Wiederaufbaubeschluss 2002 und dem vollständigen Abriss des Palastes der Republik auf unabsehbare Frist als größte kulturelle Leerstelle der deutschen Demokratie zu erweisen droht. Der aktuelle Sparzwang hat die Bundesregierung veranlasst, den für dieses Jahr geplanten Baubeginn für das Projekt, das die Barock-Fassade mit einer modernen Innengestaltung auf der Grundlage eines Entwurfs des italienischen Architekten Francesco Stella verbinden sollte, zunächst bis 2014 zurückzustellen, um die in Höhe von 552 Millionen Euro vorgesehenen Aufwendungen des Bundes einzusparen. Wie zurückhaltend die Bevölkerung auf den Wiederaufbau des Hohenzollernschlosses und auf den Abriss des Palastes der Republik reagierte, zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage, in der 80 Prozent der Berliner erklärten, sie könnten auf das Schloss verzichten. Die Entwicklung eines "Humboldt-Forums" in der Mitte der Stadt, das, der Museumsinsel benachbart, einen Dialog der Weltkulturen in Szene setzen sollte, ist bis heute ohne klare Kontur und nachhaltige Resonanz geblieben.


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