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5.7.2010 | Von:
Hans-Ulrich Dillmann

Als die Möbel "zu tanzen begannen" - Szenen aus Haiti

Bis zu 300.000 Tote hat das schwere Erdbeben gefordert. Über eine Million obdachlos gewordene Menschen brauchen neue Unterkünfte. Die Nothilfe aus aller Welt kam schnell, aber der Wiederaufbau im "Land der Berge" wird wohl noch lange dauern.

Einleitung

Maritana Desir ist auch Monate danach noch die Angst und die Panik anzumerken. Stockend erzählt sie von dem schweren Erdbeben, dass am 12. Januar dieses Jahres die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince und deren Umgebung erschütterte: "Ich stand mit einer Nachbarin vor meinem Haus, als plötzlich alles anfing, zu schwanken. Der Boden hob und senkte sich." Mit lautem Knall stürzten Wände in die schmale Gasse, prasselten Steine auf sie nieder. Menschen schrien wie von Sinnen. Sie versuchte wegzulaufen. "Es war wie am Jüngsten Tag. Ich dachte, die Welt geht unter." Dann spürte die 27-jährige alleinstehende Mutter des zweijährigen Luis-Fred einen Schlag und verlor das Bewusstsein. "Ich erinnere mich nur noch, dass um mich herum alles voller Staub war."

Als Maritana Desir Stunden später im Krankenhaus Centre Eliazar Jermair wieder aus ihrer Ohnmacht aufwachte, lag sie auf einer provisorischen Liege auf dem Fußboden, ihr Körper und das Gesicht blutverschmiert. Um sie herum war ein einziges Stöhnen und Schreien. "Ich werde das mein Lebtag nicht vergessen", sagt Desir. Nachbarn hatten die ohnmächtige junge Frau aus den Trümmern gezogen und ins Gesundheitszentrum getragen, das zu diesem Zeitpunkt schon völlig überfüllt war. Notdürftig umwickelten freiwillige Helfer mit Lappen den blutigen Unterarm und die Hand, auf die herunterstürzende Betonbrocken gefallen waren. Ärzte gab es in diesem Hospital keine.

Erst drei Tage später kam sie ins Gemeindekrankenhaus Hospital Communitaire Haïtienne an der östlichen Ausfallstraße von Pétion Ville in fachmännische Behandlung - zu spät. Die offene Wunde war bereits durch Schmutz schwer entzündet. Wundbrand diagnostizierte der französische Arzt, der als Nothelfer in die Katastrophenregion eingeflogen worden war. "Der Arm muss amputiert werden oder du stirbst", versuchte der Mediziner ihr die lebensbedrohliche Situation klar zu machen. "Was sollte ich machen?" In der Mitte zwischen Ellbogen und Handgelenk durchtrennte der Arzt Elle und Speiche. Und so wie Maritana Desir mit einem amputierten Arm leben muss, so gibt es seit dem Erdbeben weit über 10.000 Menschen mit Behinderung, die künftig auf Geh- oder Greifhilfen angewiesen sind. "Manchmal greife ich noch nach etwas und merke erst dann, dass ich keine rechte Hand mehr besitze", sagt Desir. Die Wunde ist inzwischen zu einer schmalen Narben verheilt. Aber der Phantomschmerz stört sie noch immer, der Armstumpf ist druckempfindlich. Zwar wurde sie zeitweise in einer Ambulanz von Ärzte ohne Grenzen betreut, aber die Nothelfer sind wieder abgerückt, eine Reha-Behandlung ist nicht in Sicht.

Ihr Einzimmerhaus an einem Steilhang in Nerette, einem Armenviertel von Pétion Ville, ist nicht mehr bewohnbar. Andere, mehrstöckige Häuser haben es unter ihren Betondecken und Steinen begraben. Jetzt wohnt die junge Frau gemeinsam mit ihrem Sohn, den Nachbarn während ihres Krankenhausaufenthalts versorgten, in einem provisorischen Obdachlosencamp.


Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

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