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5.7.2010 | Von:
Hans-Ulrich Dillmann

Als die Möbel "zu tanzen begannen" - Szenen aus Haiti

Das "Kleine Nichts"

Titanyen heißt die Savannenlandschaft nördlich an der Landstraße nach Saint Marc. Sanfte kahl geholzte Hügel ziehen sich so weit das Auge reichen kann gen Norden. Feldwege verschwinden irgendwann zwischen den Erhebungen. Menschen verirren sich kaum in das "Kleine Nichts", wie die deutsche Übersetzung des kreolischen Begriffs Titanyen lautet. Kein Schild weist auf die riesigen Gräberareale, in denen die Toten des Erdbebens vom 12. Januar beigesetzt wurden. Nur ein Kenner der Gegend findet die versteckten Stellen, zu denen in den Tagen nach dem Erdbeben ununterbrochen Lastwagen fuhren, um in eilig ausgehobenen Gruben ihre Leichenfracht zu entladen. Manche der Lastwagenfahrer aber kippten die Ladung einfach in ausgetrocknete Flussläufe in der Umgebung, die dann später eingeebnet wurden. Ein großes weißes Kreuz markiert eines der Massengräber in Savanne Bef. Dahinter liegt ein ausgebleichter Schädel, in Schrittweite finden sich Knochen und Schädelreste, die nicht vollständig von den Schaufelbaggern untergegraben wurden. Ein paar hundert Meter weiter sind dort grüne und weiße Metallkreuze in den Erdboden gerammt worden, wo eine Leichenladung ihre letzte Ruhestätte fand.

Die Lebenden müssen sich derzeit mit miserablen Bedingungen abfinden. 1.600 Familien leben auf dem Place Saint Pierre im Zentrum der Kleinstadt Pétion Ville, knapp zehn Kilometer in den Anhöhnen westlich von Port-au-Prince gelegen. Über dem Gelände zwischen Blumenmarkt, der Zentralkirche, dem Gefängnis und einem Hotel liegt ein impertinenter Urin- und Fäkaliengeruch. 6.000 Menschen müssen sich die etwa ein Hektar große Fläche teilen - und vier Dixi-Klos sowie sechs durch Zeltbahnen abgetrennte "Dusch"hütten. Die Klos an der Platzseite zur Kirche wurden wieder abgeholt, weil der Pfarrer der Gemeinde sich über den Gestank beschwert hatte. "Die Stadtverwaltung will uns weghaben", schimpft Junior Dorlain. "Sie versuchen die Lebensumstände für uns so unerträglich zu gestalten, dass die Leute ihr Notlager freiwillig aufgeben", sagt der 29-jährige Vorsitzende des Comité Place-St.-Pierre en Action.

Aber es gibt keine Alternativen. "Wir sind uns selbst überlassen", sagt Dorlain. Bewohner der Zeltstadt kümmern sich um die Abfallbeseitigung. Täglich wird gekehrt, Freiwillige des Komitees kümmern sich um Ordnung, Sauberkeit und die Sicherheit der Menschen, das Geld dafür kommt aus dem Cash-for-Work-Programm einer US-Hilfsorganisation. Das Aktionskomitee bemüht sich außerdem im Kontakt mit ausländischen Hilfsorganisationen Matratzen, Moskitonetze, Trink- und Brauchwasser gerecht unter den Bedürftigen zu verteilen. Garküchen haben sich etabliert, in denen Frauen wie Augustine Simone Reis mit Bohnen und eine Gemüsesoße, in der ein getrockneter Hering mitgekocht wurde, für rund 1,50 Euro anbieten. Ein Haarschnitt bei Rubens Pierre kostet ebenfalls 1,50 Euro. Seine Geräte hat der 28-jährige Friseur aus den Trümmern seines Hauses gerettet. Die Elektrizität für den Rasier- und Haarschneideapparat stammt aus einem provisorisch verlegten Kabel, die von einer Hauptleitung am Platz "abgezweigt" wurde. Die Menschen haben aufgrund der Armut schon vorher gelernt zu improvisieren. Und wer schön sein will, der lässt sich im Freiluft-Nagelstudio von Nicole Alcime pflegen, das sie vor ihrem winzigen Unterschlupf aus dicker Lkw-Plane aufgebaut hat: Nägel schneiden, feilen und lackieren kostet 2,50 Euro. Ein halbes Dutzend Kinder haben in dieser Zeltstadt inzwischen das Licht der Welt erblickt - Alltag im monatelangen Provisorium.

Die haitianische Regierung tagt derweil in der Nähe des haitianischen Flughafens auf dem Gelände einer Polizeistation. Eine Interimskommission für den Wiederaufbau Haitis (Commission Intérimaire pour la Reconstruction d'Haïti - CIRH) hat den internationalen Geldgebern Ende März einen Plan für den Wiederaufbau des Landes vorgelegt und dafür finanzielle Zusagen in Höhe von 7,4 Milliarden Euro für die nächsten Jahre an Aufbauhilfen bekommen. "Wir warten auf eine Entscheidung der Regierung, was mit uns passiert, aber niemand entscheidet etwas", sagt Dorlain - und seine Äußerung ist stellvertretend für viele, die in den Hunderten von Obdachlosencamps leben müssen. Bisher gibt es lediglich ein großes Lager außerhalb der Bebenregion, in dem die Infrastruktur den Menschen ein halbwegs würdiges Leben ermöglicht. Aber kaum jemand will seinen Platz verlassen, um eine ungewisse Zukunft in einem Lager wie Corail-Cesselesse fernab der haitianischen Hauptstadt in Croix des Bouquets zu verbringen.

Um das Stadtzentrum jedoch wieder aufbauen zu können, müssten die Menschen gerade aus den provisorischen Lagern in Übergangssiedlungen mit ausreichender Sanitär-, Wasserversorgung und Abfallentsorgung umgesiedelt werden, müsste gleichzeitig jenen die Rückkehr auf die Grundstücke garantiert werden, auf denen ihre zerstörten Häuser standen - viele haben keine rechtlich verbindlichen Besitztitel, und durch die Zerstörung des Katasteramtes hat sich die Situation noch verschlimmert. "Die Regierung diskutiert Pläne, wie mit dem Kataster und den Besitzverhältnissen umgegangen werden kann und verwirft sie wieder. Sie müsste auch für Grenzfälle rechtliche Grundlagen schaffen. Aber es gibt keine Entscheidungen", erzürnt sich ein spanischer Bauingenieur. "Trotz der drohenden Hurrikans tut die Regierung so, als ob sie alle Zeit der Welt hätte. Ein unerträglicher Zynismus."

Die Menschen in Haiti helfen sich derweil selbst. Während am Präsidentenpalast Bauarbeiter mit schwerem Räumgerät die Ruinen niederreißen, schuften unter der schweißtreibenden Karibiksonne fünf Trümmerblocks weiter nördlich in der Rue des Miracles die haitianischen "Mauerspechte" von Sonnenaufgang bis -untergang. Männer schlagen mit Fäusteln und Vorschlaghämmern auf Betondecken und Steinwände, um die in sich zusammengestürzten Gebäude in der Innenstadt so zu pulverisieren, dass nur noch die Moniereisenskelette übrig sind.

Zwischen drei und fünf Gourdes pro Kilogramm, nicht einmal zehn Eurocent, erhalten die Alteisensammler für das rostige Material. Margerita Laguere hat in der Straße der Wunder ihren fliegenden Ankauf errichtet. Eine alte Hängewaage bedient einer ihrer Arbeiter. Zwei löchrige Säcke mit Schrott hat Luisel Jean den ganzen Tag über von den Trümmergrundstücken zusammengesucht. Für die insgesamt 61 Kilo bekommt der 32 Jahre alte Mann 200 Gourdes, umgerechnet vier Euro. Auf 200 Gourdes ist auch der gesetzliche Mindestlohn in Haiti festgeschrieben. "Ein gutes Geschäft", versichert Margerita Laguere nachdem Jean gegangen ist. Sie verkauft das Alteisen an einen Schrotthändler am Hafen, der es in die Schmelzen in den USA transportieren lässt. Aber auch der vielfache Vater Jean ist mit seinen Einkommen zufrieden. "Damit komme ich einen Tag aus."

Laut hupend bahnen sich bunt bemalte Tap-Tap-Busse auf der Suche nach Passagieren ihren Weg zwischen ambulanten Händlern hindurch. Nicht jeder in Haiti hat das Busgeld von 20 Cent. Es ist kaum ein Durchkommen in der Rue du Centre, einer der Einkaufsstraßen der Stadt. Aber auch hier gibt es nur eingestürzte Geschäfte. Männer graben sich mit einfachen Schippen und Schaufeln in den Schutt. Aus einem Loch reicht eine graue, wie gepudert wirkende Hand Stringtanga, die von zwei jungen Männern nach Brauchbarkeit sortiert werden. "Irgendwas zum Verkaufen findet sich immer", sagt einer des Trios, die nicht gerade glücklich wirken, dabei beobachtet zu werden, wie sie sich die zurückgelassenen Waren aus einem fremden Gebäude an der Kreuzung von Zentralstraße und der Rue des Miracles aneignen. Auch in den anderen Stadtvierteln dominieren "Betonspechte" wie Jean François Frantz und seine sechs Kollegen das Bild. In der Rue Turgeau 108 sollen sie innerhalb von drei Wochen mit Vorschlaghämmern, Bolzenschneidern und Schaufeln für 800 Euro das zweigeschossige Haus zerlegen und abtragen. "Wenn es in dem Tempo weiter geht", kommentiert ein Spötter einer deutschen Hilfsorganisation, "dann wird das Abrissprogramm noch Jahre in Anspruch nehmen."


Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

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