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5.7.2010 | Von:
Hans-Ulrich Dillmann

Als die Möbel "zu tanzen begannen" - Szenen aus Haiti

Internationale Hilfsorganisationen

Während in Port-au-Prince Hilfsorganisationen wie die United States Agency for International Development (USAID) Erdbebenopfer vor allem bei der Abfallbeseitigung und der Straßenreinigung einsetzen und dafür den Mindestlohn auszahlen, beschäftigt die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) zum Beispiel in den Hafenstädten Petit-Goâve und Jacmel etwas über 1.500 Obdachlose, die die Zerstörungen in den Städten beseitigen und, sobald die Wiederaufbaupläne von den nur schleppend funktionierenden Baubehörden bewilligt sind, beim Bau von Behelfshäusern helfen sollen. Mit dem Beschäftigungsprogramm, so erklärt der Koordinator der DWHH für die Nothilfe in Haiti, Rüdiger Ehrler, werde den Betroffenen ein minimales Einkommen garantiert. "Damit können sie Lebensmittel und andere Bedarfsgüter selbst kaufen." Dadurch werde die Kaufkraft gestärkt und trage zur Normalisierung des Wirtschaftslebens in der Region bei. Auch wenn es kurz nach dem Beben Engpässe bei der Versorgung von Grundnahrungsmitteln in Haiti gab, saßen bereits wenige Tage nach dem Unglück die Marktfrauen wieder auf den Straßen, um ihre Waren anzubieten - das Problem war nur, dass die wenigsten das nötige Geld hatten. Das ist jetzt anders. Marktfrauen und Käuferinnen auf dem Zentralmarkt an der Rue de l'Eglise feilschen lauthals um den Preis der Bohnen und die Qualität der Mangos, während im unteren Teil der Straße zehn Frauen und Männer mit gelben Bauhelmen auf dem Kopf und giftgrünen T-Shirts mit dem Logo der DWHH eingestürzte Gebäude abtragen.

Eine dieser bezahlten Trümmerfrauen war auch Doudline Casimir. Zwei Wochen gehörte sie einer Abrisstruppe an. Gemeinsam mit Nachbarn half sie, Grundstücke in der Umgebung der Komödienstraße vom Schutt freizuräumen. "Es war zwar eine schwere Arbeit, aber auch Frauen können Steine schleppen und Trümmern beseitigen", sagt sie. Jetzt helfen ihr andere Obdachlose. In zwei Tagen haben sie die Hausruine der jungen Witwe niedergerissen und mit Schubkarren durch ein schmales Gassengewirr auf die Straße gefahren. Auf der Freifläche stellt sie ein Zelt auf, in dem ihre Mutter, die beiden Kinder und die Geschwister wohnen können. "Wir sind froh, dass uns geholfen wird", sagt Casimir. Ohne ausländische Hilfe könne die Stadtverwaltung der Küstenstadt, mit ihren rund 8.000 Einwohnern, das Abrissprogramm nicht finanzieren, sagt der Sprecher des Bürgermeisters, Frantz Pierre-Louis. "Wir koordinieren gemeinsam wo, wann und was abgerissen wird."

In Petit-Goâve tragen viele Gebäude das Kainsmal der Baufälligkeit: "A Demolir" - "zum Abriss" haben Vertreter der Stadtverwaltung mit roter Farbe auf die Mauern gesprüht. Aber auch hier beschränken sich die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen darauf, die durch das Erdbeben geschädigten Häuser abzureißen. Die Phase des Aufbaus erdbebensicherer Unterkünfte hat noch nicht begonnen. Zwar gibt es internationale Standards dafür, Bau- und Konstruktionspläne müssen jedoch an die regionalen Gegebenheiten und Erfordernisse angepasst werden, betont Rüdiger Ehrler. Bauingenieure und Wissenschaftler arbeiten daran. "Wenn wir die notwendigen Baugenehmigungen von der Bauaufsicht bekommen und die Stadtverwaltung uns grünes Licht gibt", betont Rudi Kögler, Projektleiter der Deutschen Welthungerhilfe in Petit-Goâve, "könnten wir sofort loslegen."


Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

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