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5.7.2010 | Von:
Oliver Gliech

Haiti - Die "erste schwarze Republik" und ihr koloniales Erbe

Die Last der zerstörten Tradition

Die meisten modernen Nationen gingen aus Gesellschaften hervor, die über viele Generationen hinweg Zeit hatten, gemeinsame Normen und Werte zu entwickeln. Wichtigstes überzeitliches Kontinuum waren für gewöhnlich Familien, Clans, Dorfgemeinschaften oder städtische Bürgerschaften, die diese Werte tradierten und ihnen vor der Entstehung moderner Staaten einen inneren Zusammenhalt verschafften. Den aus Sklaverei und Plantagengesellschaften hervorgegangenen Gemeinschaften fehlten diese Voraussetzungen. Zwar entstanden in den schwarzen Wohnsiedlungen der Plantagen provisorische Dorfgemeinschaften und einige Kernfamilien. Die hohe Sterberate zerriss aber vor 1791 kontinuierlich die schwachen sozialen Netze. Der starke Männerüberschuss unter den Sklaven erschwerte es der Masse, eine eigene Familie zu gründen. Schwarze Frauen wurden bevorzugt freigelassen, womit die Pflanzerschicht gezielt Konkurrenzkämpfe unter den Benachteiligten schürte. Nur in wenigen ethnischen Gruppen (Aja und Yoruba) war das Geschlechterverhältnis relativ ausgeglichen. Sie besaßen infolgedessen bessere Voraussetzungen, um innerhalb der eigenen Gemeinschaft Familien zu gründen sowie ihre Sprache und Kultur an eine neue Generation weiterzuvermitteln.

Die Bildung einer schwarzen kreolischen Gesellschaft nach 1804 glich einem schwierigen Balanceakt, galt es doch, Dutzende afrikanischer Kulturen mit französischen Traditionen zu verschmelzen, die weiterhin auf vielen Feldern dominierten. Diese Staatsbildung auf den Trümmern afrikanischer Stammesgemeinschaften und den Ruinen eines kriegszerstörten Landes ist für sich genommen eine bemerkenswerte zivilisatorische Leistung des haitianischen Volkes.


Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

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