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25.6.2010 | Von:
Klaus Farin

Jugendkulturen heute - Essay

Unübersichtliche Vielfalt

Jugendkulturen erwecken heute bei den meisten Menschen - übrigens auch oft bei Jugendlichen selbst - einen sehr diffusen Eindruck: Scheinbar gibt es davon immer mehr, in immer schnelleren Intervallen, in immer schrilleren Präsentationsformen. Sicherlich ist es richtig, dass heute im Vergleich zu den 1950er, 1960er, 1970er Jahren sehr viele Jugendkulturen existieren, deren Angehörige zudem nicht mehr leicht einzuordnen sind. Gab es zu meiner Jugendzeit - ich bin Jahrgang 1958 - eigentlich nur die Mofa-Cliquen, die Fußball-Fans, die Hardrock- bzw. Heavy-Metal-Fans, uns Langhaarige und die "Spießer von der Jungen Union", die alle auch für Außenstehende und Szene-Unkundige am Äußeren leicht zu erkennen waren, so existieren heute einige hundert Stilvariationen und Untergruppen, die sich mitunter nur noch selbst gegenseitig sofort einordnen können. Da gibt es nicht den Heavy-Metal-Fan, sondern den Black Metaller, den Trash Metaller, den New-Wave-of-British-Heavy-Metal-Fan und eben auch noch die Traditionalisten von der Deep-Purple-Fraktion, nicht den Techno-Fan, sondern rund ein Dutzend Techno-Spielarten von Gabber bis Goa. Und deren Angehörige erfüllen zudem nicht immer unsere visuellen Erwartungen und Vorurteile: Da ist der Popper mit dem Silberköfferchen in Wirklichkeit ein anarchistischer Computerhacker, der rassistische Neonazi kommt langzottelig und im Style des Motörhead-Sängers Lemmy Kilmister daher. Die zentrale Botschaft heutiger Jugendkulturen scheint zu sein: Wenn Du glaubst, mich mit einem Blick einschätzen zu können, täuscht Du Dich gewaltig. Oder andersherum: Wer wissen möchte, was sich hinter dem bunten oder auch schwarzen Outfit verbirgt, muss schlicht mit dem Objekt der Begierde reden.

Die Vielfalt der gegenwärtigen Jugendkulturen entsteht zum einen dadurch, dass nichts mehr verschwindet: Fast alle Jugendkulturen, die es jemals gab, ob Swing Kids oder Rock 'n' Roller, Hippies oder Mods, existieren heute noch: Sie sind vielleicht nicht mehr so groß, so bedeutend, so medienwirksam wie zur Zeit ihrer Geburt, aber sie leben.

Wenn man sich die großen Szenen der Gegenwart ansieht, stellt man schnell fest, dass mitnichten alljährlich neue bedeutende Jugendkulturen entstehen. Die größte Jugendkultur der 1990er Jahre war ohne Zweifel Techno. Bis zu fünf Millionen Menschen - jede bzw. jeder vierte unter 30 Jahren - identifizierten sich seinerzeit mit dieser Musik-Party-Kultur. Doch Techno entstand bereits 1988/89 und hat Vorläufer (zum Beispiel House), die weitere zehn Jahre zurückreichen.

Heute ist Hip-Hop - Oberbegriff für Graffiti, Tanz (Breakdance bzw. B-Boying/-Girling) und die Musik (Rap/MCs, DJ-ing) - weltweit die mit Abstand größte Jugendkultur. Mit keinem anderen Musikgenre wird so viel Umsatz bei unter 20-Jährigen gemacht, in jeder Stadt in Deutschland, und sei sie noch so klein, existieren Hip-Hop-Kids. Doch auch Hip-Hop ist keine Erfindung der späten 1990er Jahre, sondern bereits Anfang der 1970er Jahre in der New Yorker Bronx entstanden. Bereits 1979 erschien auch auf dem deutschen Markt die erste Hip-Hop-Single "Rapper's Delight" von der Sugarhill Gang.

Punk - eine weitere der historisch bedeutenden "Stammkulturen" (nicht quantitativ: Punk ist ein Minderheitenphänomen mit wenigen hunderttausend Szeneangehörigen, aber von der Kreativität und dem Einfluss auf andere Szenen her) - entstand 1975/76. Die Skateboarder lassen sich bis auf die Surfer der 1950er/1960er Jahre zurückführen (The Beach Boys), und auch die ersten Skateboards tauchten in Kalifornien bereits Ende der 1950er Jahre auf, ehe 1963 das erste fabrikgefertigte Skateboard auf den (US-)Markt kam. Gothics - früher auch Grufties, Dark Waver, New Romantics etc. genannt - erlebten die Geburt ihrer Szene bereits um 1980/81 als Stilvariante des Punk: eine introvertierte, melancholische neue Blüte, geprägt vor allem von Jugendlichen mit bildungsbürgerlichem familiären Hintergrund, denen Punk zu "aggressiv" und zu "prollig" war. Die ersten Emos, eine scheinbar neue Jugendkultur des 21. Jahrhunderts, wurden in Wahrheit schon Mitte der 1980er Jahre als Abspaltung der Hardcore-Szene gesichtet (Kultbands: Rites of Spring, Fugazi etc.). Ein typisches Kennzeichen heutiger Jugendkulturen scheint also zu sein, dass sie alt sind.

Dass dies nicht jedem sofort auffällt, liegt an einem Stilprinzip, das sich seit den 1990er Jahren als dominant herausgebildet hat: Crossover. Der ständige Stilmix, die Freude an der "Bricolage" (Claude Lévi-Strauss), dem Sampling eigentlich unpassender Stilelemente zu immer neuen, bunteren (oder eben düsteren) Neuschöpfungen. Dies gilt sowohl für die Mode als auch für die Musik: Aus Punk und Heavy Metal entstehen Hardcore und Grunge, Punk und Techno treffen sich in der Band The Prodigy, die Band Body Count vereint Hip-Hop und Heavy Metal, der Musiktherapeut Guildo Horn macht mit nur einem Schuss Ironie aus spießiger Schlagermusik Jugendkultpartys.

Man kann sich Jugendkulturen bildlich wie Tropfen in einem Meer vorstellen: Es regnet selten neue Jugendkulturen, aber innerhalb des Meeres mischt sich alles unaufhörlich miteinander. Immer wieder erfasst eine große (Medien-)Welle eine Jugendkultur, die dann für eine kurze Zeit alle anderen zu dominieren scheint wie Techno in den 1990er Jahren und derzeit Hip-Hop. Doch die Küste naht, und auch die größte Welle zerschellt. Das Wasser verdampft dabei jedoch nicht, sondern es fließt wieder ins offene Meer zurück - zersprengt in viele kleine Jugendkulturen, verwandt und doch verschieden.

Diese ständige Vermischung hat insgesamt die Grenzen zwischen den Szenen seit den 1990er Jahren deutlich durchlässiger werden lassen. Selbstverständlich ist jeder Szeneangehörige immer noch zutiefst davon überzeugt, der einzig wahren Jugendkultur anzugehören (Arroganz ist seit jeher ein wichtiges Stilmittel von Jugendkulturen), doch die Realität zeigt: Kaum jemand verbleibt zwischen dem 13. und 20. Lebensjahr in einer einzigen Jugendkultur; typisch ist der regelmäßige Wechsel: heute Punk, in der nächsten Saison Gothic, ein Jahr später vielleicht Skinhead oder Skateboarder. Oder gleich Punk und Jesus Freak, Skateboarder und Hip-Hopper. Oder: An diesem Wochenende Gothic, am nächsten Brit-Popper, der Montag gehört der Liebsten, am Mittwoch geht's ins Fitnessstudio, am Freitag zur THW-Jugend oder zur Jungen Gemeinde. Für eine wachsende Gruppe der Jüngeren ist eine Identität, eine Rolle zu wenig. Ambivalenz und Flexibilität sind die Lebensprinzipien immer mehr jüngerer Menschen. Was der (Arbeits-)Markt ihnen zwangsweise lehrt, pflanzt sich in den selbstbestimmten Freizeitwelten fort.


Dossier

Jugendkulturen in Deutschland

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