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25.6.2010 | Von:
Peer Wiechmann
Harald Weilnböck
Silke Baer

Jugendkulturen in der politischen Bildungsarbeit

Was ist gelungene politische Bildung mit jungen Menschen?

"Politische Bildung sollte als pädagogische Offerte verstanden werden", die eine "Auseinandersetzung von Gruppen und Individuen mit ,Politik'" im weitesten Sinne ermöglicht.[1] Dabei sollte nicht nur "das Wissen über politische Zusammenhänge vertieft", sondern auch die "politische Handlungsbereitschaft" jedes bzw. jeder Einzelnen und somit sein bzw. ihr persönlich motiviertes Engagement gestärkt werden. Eine vorwiegend theoretisch-informative Wissensvermittlung wird dies nicht leisten können. Auch geht es bei politischer Bildung in einem erweiterten Verständnis nicht nur darum, dass die Jugendlichen vor Verstrickungen in Extremismus, Fundamentalismus und Gewalt bewahrt werden. Der Sozialpsychologe Heiner Keupp zum Beispiel führt aus, dass das Verstehen und Erleben einer demokratischen Alltagskultur eine grundlegende Bedingung dafür ist, dass junge Menschen überhaupt gut ins Leben finden und nicht an den Herausforderungen von gesellschaftlicher Differenzierung, Vereinzelung und sozialer Desintegration scheitern.[2]

Politische Bildung, die als "pädagogische Offerte" gelingen will, muss somit zunächst die individuelle Motivation wecken und eine Grundbefähigung zur gesellschaftlichen Beteiligung schaffen. Gerade mit Blick auf junge Menschen aus bildungs- und politikfernen Kontexten heißt dies unseres Erachtens, dass man das Gewicht eher auf einen persönlich-lebensweltlichen Zugang legen und politisch-persönliche Bildung betreiben sollte, die von den individuellen Erfahrungen, lebensgeschichtlichen Voraussetzungen und konkreten milieubestimmten Umfeldbedingungen der Einzelnen ausgeht. Denn erst wenn der individuelle und sozialräumliche Bezug hergestellt und im erzählenden Gespräch wachgerufen worden ist, lassen sich auch neue Wege der persönlichen Reflexion sowie Motivationsanreize des Perspektivwechsels und der kommunalen Aktivierung erschließen.

In der gängigen politischen Bildungsarbeit jedoch befinden sich die Referentinnen und Referenten oftmals in einem Dilemma: Mit den bestehenden, eher kognitiv-informativen und diskursiven Formen der Wissensvermittlung über die demokratischen Strukturen und die Gefahren von nicht-freiheitlichen Ideologien können häufig gerade diejenigen nicht mehr erreicht werden, die am dringlichsten angesprochen werden müssen: gefährdete junge Menschen mit tendenziell zynisch-delinquenten Affinitäten, die in strukturschwachen Regionen und in Milieus leben, in denen eher Ressentiments gegenüber "Fremden" und "Anderen" vorherrschen, als dass Anregung zum lernbereiten interkulturellen Kontakt bestünde. Umso mehr muss einer zeitgemäßen Demokratieerziehung daran gelegen sein, Vermittlungsformen zu entwickeln, mit denen auch diese Jugendlichen persönlich etwas anfangen können - eine lebensweltlich-biografisch-politische Bildung sozusagen -, die nicht an den milieu- und altersbedingten Erfahrungswelten dieser zentralen Zielgruppen "vorbei bildet".

Fußnoten

1.
Paul Mecheril, Politische Bildung und Rassismuskritik, in: Bettina Lösch/Andreas Thimmel (Hrsg.), Kritische politische Bildung. Ein Handbuch, Schwalbach/Ts. 2010, S. 242.
2.
Vgl. Heiner Keupp, 13. Kinder- und Jugendbericht, Berlin 2009.

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