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10.6.2010 | Von:
Jan Philipp Reemtsma

Wozu Gedenkstätten?

Die Praxis der Gedenkstätten ist ein anerkannter Sektor der Kulturpolitik. Wozu sind Gedenkstätten da? Es geht nicht um Erinnerung, es geht um Bewusstsein und Scham.

Einleitung

Die Praxis der Gedenkstätten ist seit den 1980er Jahren ein anerkannter Sektor der Kulturpolitik. Das gilt für die den Verbrechen des Nationalsozialismus gewidmeten Gedenkstätten, aber man kann dasselbe von jenen sagen, die den Verbrechen des DDR-Regimes gewidmet sind. "Sieht man vom 1952 eingerichteten Dokumentationsraum in der Gedenkstätte Plötzensee, einer Erinnerungsstätte bürgerlichen deutschen Widerstandes und weniger einer Erinnerungsstätte an deutsche Verbrechen, ab", schreibt Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, "dann ist die 1965 in Dachau eingerichtete Dauerausstellung die erste bedeutende Ausstellung in der Bundesrepublik überhaupt" gewesen. Bis in die 1980er Jahre hinein habe das Ob, die Frage der "politischen Durchsetzbarkeit gegen nicht selten heftigste Widerstände", im Vordergrund gestanden.[1]

Seither, so Knigge, gehe es um die Auseinandersetzung um ausstellungstheoretische Konzeptionen - mit denen ich mich hier nicht befassen will. Ich möchte vielmehr fragen, worauf der nunmehr handlungsleitende Konsens eigentlich beruht. Man streitet nicht mehr um das Ob, man lebt im Konsens - wie ist der beschaffen? Die Antwort auf diese Frage wird stets das Wort "Erinnern" - oder ein Synonym oder einen Appell "gegen Vergessen" - enthalten: Erinnert muss werden, erinnern hat eine imperativische Semantik. Doch was soll am Erinnern positiv sein? Erinnern wie Vergessen sind menschliche Eigenschaften, die weder gut noch schlecht sind, sondern beide dazu gehören, das Leben zu bewältigen. Mehr noch: Zum Erinnern gehört Vergessen notwendig hinzu. Die Erinnerung ist ein Selektionsmechanismus: Man sortiert nach wichtig und unwichtig. Weniges wird überhaupt bewusst wahrgenommen. Weniger wird ins Kurzzeitgedächtnis aufgenommen. Noch weniger wird längerfristig, kaum etwas als biographisch bedeutsam ein Leben lang erinnert. Erinnerung setzt Vergessen voraus. Erinnern per se für etwas Gutes zu halten ist Unsinn.

Gern wird dieser Unsinn mit psychoanalytischem Vokabular garniert: "Für das Erinnern, gegen das Verdrängen." Doch Verdrängung ist nichts Schlechtes. Wenn ein Mensch von einem Erlebnis überfordert ist, wenn er nicht in der Lage ist, ihm einen Platz in seinem Seelenhaushalt zuzuweisen, macht er zuweilen von seiner Fähigkeit Gebrauch, es zu verdrängen, es aus dem Gedächtnis zu streichen: Es ist so gut, als wäre es nie gewesen. Das funktioniert oft nicht spurlos, das Ereignis bleibt, unbewusst, präsent, und diese Präsenz macht sich durch Symptombildung bemerkbar - so jedenfalls die psychoanalytische Theorie. Der Sinn der psychoanalytischen Kur liegt darin, den originalen Sinn, die authentische Erinnerung wieder bewusst zu machen und mit ihr den Zusammenhang von ursprünglichem, verdrängtem Ereignis und Emotion. Was ist das Ziel solcher Bewusstwerdung? Eben nicht der, dass das Leben hinfort um jene Erinnerung kreise: im Gegenteil. Das Ziel der außerhalb des psychoanalytischen Kontextes nur um den Preis des Sich-lächerlich-Machens sogenannten Erinnerungsarbeit ist - im besten Fall - das Vergessen. Im Normalfall ist es die Herabstimmung der Bedeutung des Ereignisses auf einen Normallevel, in jedem Fall die Durchdringung von Bewusstsein und Unbewusstem von der Einsicht: Es ist vorbei. Es bedeutet nichts mehr. Der Imperativ "Du sollst erinnern!" hat damit offensichtlich nichts zu tun, eher schon mit einem psychischen Mechanismus, der gern mit Verdrängung verwechselt wird: der Verleugnung. Wenn man über die nationalsozialistische Vergangenheit spricht und von Verdrängung redet, müsste man fast immer "Verleugnung" sagen: Das Verleugnete ist nicht aus dem Gedächtnis verschwunden, es wird wohl erinnert, nur ist es nicht in einer Weise präsent, die wir für angemessen halten. Es handelt sich bei der Verleugnung um eine Diskrepanz zwischen dem, was übereinstimmend als Tatsache anerkannt wird, und dem Ausbleiben einer von anderer oder dritter Seite als angemessen angesehenen emotionellen Konnotation dieser Tatsache. "Du sollst nicht verleugnen!" ist zwar richtig, aber wer sagt denn, dass es sich um eine Verleugnung handelt? Vielleicht ist ja die Aufgeregtheit desjenigen, der von Verleugnung spricht, das Problem.

Fußnoten

1.
Volkhard Knigge, Gedenkstätten und Museen, in: ders./Norbert Frei (Hrsg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, Bonn 2005, S. 402f.