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5.6.2010 | Von:
Markus Loewe

Die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher und menschlicher Entwicklung in der arabischen Welt

Ökonomische Möglichkeiten

Vergleichsweise gut schneiden die arabischen Länder hinsichtlich ökonomischen Aspekten ab. So liegt der Anteil der Menschen, die nach internationalen Kriterien als einkommensarm gelten (die also weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben), im regionalen Durchschnitt bei unter 3% und damit niedriger als in allen anderen Entwicklungsregionen der Welt. Allerdings steigt dieser Anteil seit 1990 kontinuierlich, während er in fast allen anderen Regionen mehr oder weniger fällt. Lediglich im Jemen, in Mauretanien und im Sudan liegt er über 10%.[1]

Auch die Einkommensungleichverteilung ist etwas schwächer ausgeprägt als in anderen Teilen der Welt. Ein Indikator hierfür ist der sogenannte Gini-Koeffizient, der von 32% in Ägypten über 37% in Marokko bis 41% in Tunesien und 44% im Libanon rangiert. In Subsahara-Afrika liegt er im Mittel bei 46 bis 47% und in Lateinamerika sogar bei 49%. Allerdings beruhen die Werte zu diesen beiden Weltregionen auf Einkommensdaten, während der Gini-Koeffizient in den arabischen Ländern auf der Basis von Konsumausgaben berechnet wird, die tendenziell immer etwas gleichmäßiger verteilt sind als die Einkommen. In Südasien liegt er im Mittel sogar nur bei 32 bis 33%.[2]

Dass die arabischen Länder hinsichtlich Einkommensarmut und -verteilung relativ gut dastehen, ist im Wesentlichen auf drei Faktoren zurückzuführen: (i) hohe Einnahmen aus Gastarbeiterüberweisungen gerade bei ärmeren Haushalten, (ii) hohes Angebot von Arbeitsplätzen auch für geringer Qualifizierte im öffentlichen Sektor und (iii) immense Ausgaben der Staatshaushalte für Lebensmittelsubventionen, die die Lebenshaltungskosten für ärmere Haushalte deutlich reduzieren.[3]

Der private Sektor hat hingegen kaum einen Beitrag geleistet. Dazu ist er in allen arabischen Ländern zu klein. Er hat erst in den vergangenen Jahren eine signifikante Wachstumsdynamik entwickelt. Dies ist auch der Grund dafür, dass die arabischen Länder bei der Arbeitsmarktstatistik erheblich schlechter abschneiden als alle anderen Ländergruppen. Selbst nach den offiziellen Statistiken liegt die Arbeitslosenquote im Mittel bei rund 15%, während inoffizielle Schätzungen sie in vielen Ländern sogar bei deutlich über 20% sehen.[4]

Hinzu kommt ein hohes Maß an Unterbeschäftigung. Hiervon sind vor allem gering Qualifizierte betroffen, während die Arbeitslosen überproportional gebildet sind. Dies lässt sich damit erklären, dass Arbeitnehmer mit geringer Bildung in den arabischen Ländern noch vergleichsweise realistische Vorstellungen von ihren Verdienstmöglichkeiten haben, während die gebildeteren im internationalen Vergleich hohe Löhne beziehen. Dadurch gibt es ein Überangebot an Beschäftigten. Viele Universitätsabsolventen hoffen darauf, irgendwann auch einen Arbeitsplatz im Ausland oder in der öffentlichen Verwaltung zu bekommen wie die Generationen vor ihnen. In Anbetracht des Abbaus von Arbeitsplätzen im öffentlichen Sektor und einer rapide wachsenden Erwerbsbevölkerung ist dies aber zunehmend unrealistisch.[5]

Fußnoten

1.
Vgl. UNDP, Human Development Report 2009, New York 2009, S. 176ff.
2.
Vgl. Sami Bibi/Mustapha Nabli, Equity and Inequality in the Arab Region, Kairo 2009, S. 37.
3.
Vgl. John Page, Boom, bust and the poor: Poverty dynamics in the Middle East and North Africa 1970-1999, in: The Quarterly Review of Economics and Finance, 46 (2007), S. 832-851.
4.
Vgl. Markus Loewe, Soziale Sicherung in den arabischen Ländern: Determinanten, Defizite und Strategien für den informellen Sektor, Baden-Baden 2010, Tabelle A 4.
5.
Vgl. World Bank, Unlocking the employment potential in the Middle East and North Africa: Towards a new social contract, Washington, DC 2004.