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5.6.2010 | Von:
Kamal El Guennouni

Gesellschaftliche Differenzierungs-
prozesse und Wandel des Frauen- und Familienrechts in Marokko

In Marokko lässt sich seit der Unabhängigkeit eine strukturelle Entkopplung des Familienrechts von religiösen Inhalten beobachten. Eine zentrale These ist, dass die Mechanismen dieser Entwicklung durch äußere Eingriffe herbeigeführt wurden.

Einleitung

Das Konzept der gesellschaftlichen Differenzierung ist ein klassischer Ansatz der westlichen Soziologie, aber auch anderer Nachbarwissenschaften wie der Kulturanthropologie. Es ebnet einen Königsweg für die sozialwissenschaftliche Erklärung und Theoriebildung: Die meisten Klassiker der Soziologie - ob Emile Durkheim, Norbert Elias oder Niklas Luhmann - haben ungeachtet ihrer paradigmatisch unterschiedlichen Ansätze mit analytischen Kategorien des Differenzierungskonzepts operiert, wenn sie Theorien über die Struktur und die Entwicklung moderner Gesellschaften auszuarbeiten suchten. Im Kern bezeichnet das Konzept eine Steigerung der sozialen Arbeitsteilung, die das Aufbrechen traditioneller Strukturen innerhalb einer Gesellschaft fördert.[1] Gesellschaftliche Differenzierung ist ein geschichtlicher Prozess, in dem sich bestimmte Funktionsbereiche (wie Politik, Recht, Bildung) und soziale Rollen über einen längeren Zeitraum nach funktionalen Gesichtpunkten in der Weise ausdifferenzieren, dass sie sich zunehmend auf bestimmte Interessen spezialisieren und ein Mindestmaß an Autonomie erhalten.

Trotz der Multidimensionalität und vielversprechenden Möglichkeiten des Differenzierungskonzepts gesellschaftsstrukturelle Entwicklungen zu analysieren, hat sich die Differenzierungstheorie kaum evolutionären Prozessen in Regionen der arabischen Welt gestellt. Weder die systemimmanenten Eigenschaften sich entwickelnder arabischer Gesellschaften noch die Ursachen, die den Übergang von einem Gesellschaftstyp zum anderen bewirken, sind systematisch ins Blickfeld des soziologischen Differenzierungskonzepts geraten. Es ist jedoch unverkennbar, dass langfristige Transformationen nicht nur in westlichen, sondern auch in arabischen Gesellschaften stattfinden.

Dieser Beitrag will einen Schritt in diese Richtung machen. Er beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Differenzierungsvorgängen in Marokko und ihre Auswirkungen am Beispiel des Familienrechts. Denn gerade das marokkanische Familienrecht kann aufgrund seiner erfolgreich verlaufenden strukturellen Entkopplung von religiösen Inhalten als ein Musterbeispiel für einen Differenzierungsverlauf in arabischen Gesellschaften angesehen werden. Zur systematischen Erschließung dessen wird die geschichtliche Entwicklung des Familienrechts in drei Phasen zerlegt:
  • Familienrecht im Wirkungskreis des islamischen Rechts im vorkolonialen Marokko
  • Zum Verhältnis von Familienrecht und Protektorat (1912-1956)
  • Geburt des modernen Familienrechts in Marokko ab 1956

Fußnoten

1.
Vgl. Emile Durkheim, Über die Teilung der sozialen Arbeit, Frankfurt/M. 1977.