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5.6.2010 | Von:
Marie-Christine Heinze

Waffenproliferation, Kleinwaffenkontrolle und "Waffenkultur" im Jemen

Politischer und gesellschaftlicher Kontext

Der Sieg des Nordens über den Süden im Bürgerkrieg von 1994 bedeutete mehr als nur den Sieg einer politischen Elite über eine andere. Es war der Sieg eines politischen Systems über ein anderes, einer Geschichtsschreibung über eine andere, einer spezifischen Gesellschaftsform über eine andere. Während in der Arabischen Republik Jemen beispielsweise das Tragen von Waffen nicht reguliert gewesen war, war es in der Demokratischen Volksrepublik Jemen strikt untersagt. Das nordjemenitische politische System gründet seit der Revolution 1962-1967 auf einem komplexen Zusammenspiel von politischer Elite, Militärapparat und den Stämmen, wobei diese drei Institutionen durchaus auch in Personalunion auftreten können.

Der seit 1978 den Nordjemen und seit 1990 die vereinigte Republik Jemen regierende Präsident Ali Abdallah Salih ist als Mitglied des Stammes Sanhan und früherer Oberstleutnant der nordjemenitischen Armee hierfür das herausragende Beispiel. Salih umgibt sich mit einem engen Kreis von Verwandten und Vertrauten und hat über die Jahrzehnte ein komplexes Regierungssystem entwickelt, das auf den Mechanismen Patronage, Kooptation und divide et impera aufbaut: Politisch einflussreiche Persönlichkeiten versorgt er entweder mit Posten in Verwaltung, Militär und Regierung oder erkauft sich ihre temporäre Loyalität und damit die ihrer Anhänger oder Stammesmitglieder durch teure Geschenke wie Geld, Autos oder auch Waffen. Alternativ schürt er Konflikte beispielsweise zwischen zu einflussreich gewordenen Stämmen, so dass sich diese in lokalen Konflikten aufreiben, anstatt ihre Aufmerksamkeit auf die Hauptstadt zu richten. Waffen sind demnach ein wichtiger Bestandteil des politischen Systems, in welchem die Loyalität der auf Autonomie bedachten Stämme stets erkauft oder alternativ ihre Widerstandskraft zerrieben werden muss.

Die jemenitischen Stämme (qaba'il) stellen die größte gesellschaftliche Gruppe im Nordjemen und sind dort ein wichtiger politischer und ökonomischer Faktor. Sie sind keine Nomaden, sondern sesshafte Bauern. Landbesitz ist damit ein wichtiger Faktor in der Konstitution ihrer politischen Autonomie. Diese wird des Weiteren auch über ihre Stellung als traditionelle Beschützer der anderen gesellschaftlichen Gruppen im ruralen Norden des Jemen[7] hergestellt. Individuelle und kollektive Autonomie und Ehre sind die zentralen Träger des tribalen Wertesystems (qabyala), wobei die Ehre eines qabili sich auf die Unverletzlichkeit seines persönlichen Territoriums ebenso bezieht wie auf das seines Stammes, auf die Solidarität mit seinen (Stammes-)Angehörigen sowie auf die Verteidigung von Schutzbefohlenen.[8]

Für viele Bewohner des jemenitischen Hochlands, in welches die Macht des Staates nur selten reicht, sind die Stämme bis heute die Hauptgaranten von Sicherheit. Ihren symbolischen Ausdruck findet diese Autonomie und Ehre der qaba'il unter anderem im Tragen des Gewehrs. Auf staatlicher Ebene manifestiert sich die Autonomie der qaba'il jedoch nicht in einer Trennung von Staat und Stamm. Ganz im Gegenteil lässt sich heute eine enge Verflechtung dieser beobachten, denn zahlreiche einfache Stammesleute sitzen heute in Verwaltungsbehörden und zahlreiche Stammesoberhäupter und deren Söhne haben einflussreiche Positionen in staatlichen Institutionen inne. Dadurch sind sie jedoch nicht im modernen Staatsgefüge aufgegangen, sondern haben dieses durchdrungen und nutzen es oftmals zur Durchsetzung ihrer individuellen und kollektiven Interessen.

Fußnoten

7.
Dies sind die sich über religiöse Kriterien definierenden sada und fuqaha sowie eine heterogene Gruppe niederer Berufsstände (bani al-khums).
8.
Vgl. Paul Dresch, Tribes, government and history in Yemen, Oxford 1989, S. 75ff.