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5.6.2010 | Von:
Marie-Christine Heinze

Waffenproliferation, Kleinwaffenkontrolle und "Waffenkultur" im Jemen

Derzeitige Sicherheitslage

Der Jemen sieht sich derzeit mit drei gewaltsamen Konflikten konfrontiert:[9] Die größte Aufmerksamkeit im Westen findet das lokale Netzwerk von al-Qaida, hier bekannt unter dem Namen al-Qaida on the Arabian Peninsula (AQAP). Sein Aktionspotenzial wird zwar um einiges höher eingeschätzt als noch vor einigen Jahren, es stellt jedoch keine existenzielle Gefahr für die Stabilität und Einheit des Landes oder das Überleben des derzeitigen Regimes dar.

In einem fragilen Waffenstillstand befindet sich derzeit der Konflikt mit der Rebellengruppe der Huthis im Norden des Landes, der sich seit 2004 über insgesamt sechs Runden erstreckte, hunderten Jemeniten das Leben kostete und etwa 350000 Binnenvertriebene zur Folge hatte. Im Rahmen dieses Krieges kämpften zuletzt Stämme auf beiden Seiten und wurden von diesen mit Waffen ausgestattet. Die Dauer des Konflikts bedingt sich aber auch dadurch, dass sich in der Region über die Jahre eine komplexe Kriegsökonomie herausgebildet hat, in welcher der Schmuggel von Waffen über die poröse Grenze nach Saudi-Arabien eine zentrale Bedeutung einnimmt.

Höchst gefährlich für die Stabilität des gesamten Landes ist die Sezessionsbewegung im Süden, bekannt unter dem Namen Südliche Bewegung. Diese wird inzwischen von großen Teilen der Bevölkerung im Südjemen mitgetragen und wendet sich im Rahmen meist friedlicher Demonstrationen gegen die inzwischen von vielen als "nördliche Besatzung" empfundene Zentralisierung des politischen Systems, im Rahmen derer seit 1994 alle wichtigen Posten in den Regionen des ehemaligen Südjemen an dem Präsidenten nahe stehende Nordjemeniten vergeben werden. Da angesichts der breiten Unterstützung für die Bewegung die gängigen Kooptationsmechanismen des Regimes versagen, geht dieses zunehmend mit Gewalt gegen die Demonstranten vor. Vor dem Hintergrund dieser instabilen Lage und dem allgemeinen Mangel an (Rechts-)Sicherheit ist eine anwachsende Selbstbewaffnung sogar unter solchen Südjemeniten, die bisher keine Waffe besaßen, zu verzeichnen. Auch im Norden des Landes ist die Nachfrage nach Waffen derzeit ungebrochen, und alles deutet darauf hin, dass sich die Anhänger der Huthis durch das Aufkaufen frei verfügbarer Waffen auf eine weitere Runde des Konflikts vorbereiten.

Fußnoten

9.
Vgl. ausführlicher Marie-Christine Heinze, Den Jemen stabilisieren. Hintergründe und Handlungsoptionen im Hinblick auf die aktuellen Konflikte des Landes, in: Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) et al., Friedensgutachten 2010, Münster 2010, S. 169-180.