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14.5.2010 | Von:
Aasim Sajjad Akhtar

(Post)koloniale Politik in den Stammesgebieten Pakistans

Das "New Great Game"

Markieren die 1970er Jahre die ersten Versuche des pakistanischen Staates, (nominell) in die soziale Infrastruktur der "Stammesgebiete" zu investieren, so fällt in dieselbe Periode auch der Beginn einer Revision der strategischen Grundsätze. In der Rückschau mag man argumentieren, dass die Behandlung der "Stämme" durch den Staat vor den 1970er Jahren - so sehr sie auch durch Instrumentalisierung geprägt war - zumindest nicht zu solchen Verwerfungen und Umbrüchen führte, wie sie die neue strategische Herangehensweise charakterisieren.

Nach der Abspaltung Ost-Pakistans im Jahr 1971 wurde der verstümmelte und instabile pakistanische Staat zusätzlich traumatisiert durch Aufrufe des afghanischen Königs Daud an die Paschtunen, sich zu vereinigen und ihr historisches Heimatland "wiederherzustellen". Als Reaktion auf diese Bedrohung der territorialen Integrität Pakistans begann das militärische Establishment in Islamabad, afghanische Islamisten wie Gulbuddin Hekmatyar und Burhanuddin Rabbani zu protegieren. Gleichzeitig begann der Staat, in den Gebieten der sesshaften Paschtunen und in den paschtunischen Stammesgebieten in Medresen (islamische (Hoch)schulen) zu investieren. Nach seiner Berechnung konnte die Anziehungskraft eines säkularen paschtunischen Nationalismus nur durch die Propagierung islamischer Weltanschauung gebrochen werden. Diese war zentraler Bestandteil der Weltsicht vieler Paschtunen.[13]

Der Strategiewechsel begann noch vor dem Dschihad der afghanischen Mudschahidin gegen die sowjetische Besatzungsmacht. Der beginnende Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion jedoch verschaffte dem gerade erst ausgerufenen neuen Programm zur Stärkung des Islam den entscheidenden Auftrieb. Bekanntlich flossen jetzt Milliarden von Dollar zur Unterstützung des Dschihad in die Region. Ein großer Teil davon trug zur Verbreitung der Medresen bei und damit zur Schaffung einer ganzen Generation junger Paschtunen, die von millenaristischen Gefühlen eingenommen waren.

Es darf nicht vergessen werden, dass es eine lange Geschichte paschtunischer Militanz gibt, in der gegen äußere Aggressoren der Dschihad ausgerufen wurde. In der Vergangenheit ging es dabei aber weder um die Verteidigung kultureller Strukturen - wie sie insbesondere im Zusammenhang mit dem paschtunischen Ehrenkodex Paschtunwali bestehen - noch um Widerstand gegen die von den Briten entwickelten politischen Strukturen, in denen die Stammeseliten und maliks dominierten.

Die neue Strategie jedoch erschütterte sowohl die kulturellen als auch die politischen Strukturen. Der vom political agent protegierte "politische Mullah" wurde zunehmend mächtiger, während er gleichzeitig zur Symbolfigur für eine neue Wirtschaftsordnung wurde, in der Waffen und Drogen unkontrolliert durch die pakistanisch-afghanische Grenzregion transportiert wurden.[14] Die "traditionelle" Elite wurde kaltgestellt, was dem Staat nicht unrecht war. Die maliks mussten die neue Rollenverteilung akzeptierten und sich arrangieren, wenn sie nicht den kompletten Verlust ihrer Macht und ihres Prestiges riskieren wollten.

Auch nach dem Ende des afghanischen Dschihad sollte es keine Rückkehr zu den alten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen geben. Damit soll nicht angedeutet werden, dass die grundsätzliche Einstellung des Staates gegenüber den "Stammesgebieten" und ihren Bewohnern weniger funktional geworden sei. Vielmehr haben die gewaltigen Umbrüche, die mit dem afghanischen Dschihad einher gingen, zu einer irreversiblen Transformation der Gesellschaft geführt.[15]

Inzwischen ist gut dokumentiert, dass Afghanistan in der Zeit vor dem Aufkommen des Taliban-Regimes den Launen der Warlords ausgeliefert war. Als es den Taliban schließlich gelang, den überwiegenden Teil des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen und einen nominellen Frieden durchzusetzen, stimmten die Afghanen der neuen Regierung zu, weil sie seit zwei Jahrzehnten nicht einmal den Anschein von Frieden erlebt hatten.[16]

Dieser "Frieden" basierte jedoch auf einer fortgesetzten Kriegswirtschaft, die durch Schmuggel von Waffen und jeder Art von Konsumartikeln gekennzeichnet war, während die Mehrheit der Afghanen nicht einmal ihre Grundbedürfnisse befriedigen konnte. Paschtunische Kriegsunternehmer beiderseits der pakistanisch-afghanischen Grenze verknüpften legale mit illegalen Handelsaktivitäten. Beispielsweise wird das Transportgewerbe im Stadtzentrum von Karatschi von Paschtunen kontrolliert, und diese Transportunternehmer sind maßgeblich beteiligt an einem Großteil der illegalen Geschäfte dieser Kriegswirtschaft.[17]

Nach der Invasion und Besetzung Afghanistans hat sich diese Kriegswirtschaft sogar weiter konsolidiert. Nicht nur wurden Heroinherstellung und -handel weiter ausgebaut, mittlerweile ist auch immer besser dokumentiert, dass große Summen aus der "Entwicklungshilfe" ihren Weg in die Taschen von Unternehmern in der Kriegswirtschaft finden - eine skandalöse Fehlentwicklung, die auch den US-amerikanischen Entscheidungsträgern nicht unbekannt ist.[18]

Die pakistanische Regierung behauptet, sie führe in den FATA einen epischen Krieg gegen die "Extremisten", ebenso wie die westlichen Streitkräfte dies für Afghanistan erklären. Dabei bleiben jedoch die einfachen Menschen den Launen zynischer Protagonisten ausgeliefert, in einem Krieg, den viele Unternehmen, die von ihm profitieren, eher verlängern als beenden wollen. Das militärische Establishment Pakistans hat bis heute keinen vollständigen Bruch mit den von ihm protegierten Dschihadisten vollzogen. Anstelle einer entschlossenen Neuorientierung in der außenpolitischen und strategischen Planung zieht man es vor, unter dem Mantel des Anti-Terror-Kampfes nach Gutdünken Militäroperationen durchzuführen. Vor kurzem fand unter großer öffentlicher Beachtung eine Militäroperation in Süd-Waziristan statt. Es gibt keinen schlüssigen Anhaltspunkt dafür - außer dem, was die "Hofberichterstattung" Islamabads vermeldet -, dass diese Operationen auf irgendeine Weise dem Gemeinwohl dienen. Es gilt nach wie vor die Binsenweisheit, dass der Umgang des Staates mit den Paschtunen durch strategische Zielsetzungen bestimmt wird.

Immerhin ist in den vergangenen Jahren eine Zunahme der Entwicklungsausgaben in den FATA zu verzeichnen. Im Jahr 2006 wurde als Clearingzentrum für Spendengelder und Entwicklungsprojekte die FATA Development Authority (FDA) gegründet. Auch wenn bereits eine relativ große Geldsumme über die FDA geflossen ist - das Gesamtbudget für die FATA im Haushaltsjahr 2009/10 belief sich auf ungefähr 10,17 Millionen Euro -, so verhindert die Tatsache, dass ein Großteil der Region von intensiven bewaffneten Konflikten bedrängt ist, bedeutende Investitionen in die soziale und physische Infrastruktur. Und letztendlich bewegen sich auch die Entscheidungen der FDA innerhalb der politischen Rahmenbedingungen, die oben skizzierten wurden.

Im Großen und Ganzen hat sich an der Einstellung des Staates gegenüber den Paschtunen-Stämmen in den 150 Jahren seit der Errichtung der britischen Hegemonie über den indischen Subkontinent wenig geändert. Und kaum anders als die Briten, welche die Frontier als Pufferzone instrumentalisierten, betrachten die westlichen Mächte, insbesondere die USA, Pakistan als einen "Garnisonsstaat". Während des Kalten Krieges wurde dieses Zusammengehen der Interessen des internationalen und des pakistanischen Establishments von den Medien und sogenannten "Experten" mit heroischen Worten bedacht.

Nach dem 11. September 2001 aber sind die fatalen Nebenwirkungen des historischen Engagements des Staates (und der internationalen Mächte) gegenüber den Paschtunen im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet auf schmerzhafte Weise deutlich geworden. Die paschtunische Bevölkerung ist nun gefangen zwischen denjenigen Kräften, die angesichts zunehmender religiöser Militanz die Restauration des maliki-Systems fordern, und denjenigen, die glauben, es könne eine "moderne" gesellschaftspolitische Ordnung errichtet werden, in der religiöse Militanz durch militärische Macht besiegt und der "Stammesgesellschaft" "Entwicklung" beschert wird.

Übersetzung aus dem Englischen von Georg Danckwerts, Bonn.

Fußnoten

13.
Zur Diskussion der komplexen Beziehung zwischen paschtunischem Nationalismus und islamischem Universalismus siehe: Oliver Roy, The Taliban: Strategic Tool for Pakistan, in: C. Jaffrelot (ed.), Nationalism without a Nation, London 2002, S. 149-160.
14.
Vgl. Akbar S. Ahmed, Resistance and Control in Pakistan, London 2004.
15.
Es darf nicht vergessen werden, dass die FATA auch jenseits der unmittelbaren Auswirkungen des afghanischen Dschihads gewaltige Umbrüche erfuhren aufgrund der Migration von Männern im arbeitsfähigen Alter in die Golfstaaten. Schätzungen gehen davon aus, dass von einer Gesamtbevölkerung von 300000 in Süd-Waziristan 20-30000 Männer zum Arbeiten in die Golfstaaten gingen.
16.
"(Die) neue Führung - wenn sie auch bestimmte Entbehrungen und puristische, aus überkommenen sozialen Normen abgeleitete Glaubenssätzen mit sich brachte - (...) versprach ein Ausmaß an Stabilität, das es seit einer Generation nicht gegeben hatte." Vgl. David B. Edwards, Learning from the Swat Pathans: Political Leadership in Afghanistan 1978-1997, in: American Ethnologist, (1998) 15, S. 712-728.
17.
Diese Aussagen beruhen auf langjährigen persönlichen Beobachtungen des informellen Wirtschaftssektors in Karatchi und anderen Städten.
18.
Vgl. Guardian vom 31.7.2003.