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14.5.2010 | Von:
Inken Wiese

Das Engagement der arabischen Staaten in Afghanistan

Arabisches Engagement bis 1990

Arabisches Engagement in Afghanistan begann nicht erst mit der Unterstützung für den Widerstandskampf gegen die sowjetische Invasion 1979. Die übersichtliche Zahl von Kooperationsprojekten wie im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit lässt jedoch darauf schließen, dass Afghanistan in den Augen der meisten arabischen Staaten noch in den 1970er Jahren keine besondere Priorität genoss oder man auf Kontakte mit der damals kommunistischen Regierung keinen gesteigerten Wert legte. Afghanische Regierungsvertreter aus dieser Phase stellen dies zwar anders dar: "As time passed, countries like Iran, Saudi Arabia, Kuwait, and Iraq committed themselves firmly to extending financial help to Afghanistan."[4] Gemessen in finanziellen Verbindlichkeiten jedoch blieben Staatskredite wie für den Aufbau einer Zuckerfabrik im nordafghanischen Baghlan durch den Kuwait Fund for Arab Development und den Abu Dhabi Fund for Development eine Ausnahme. Kontakte zwischen Afghanistan und der arabischen Welt fanden in dieser Phase in der Regel als einseitiger akademischer Austausch statt, soweit die wenigen verfügbaren Quellen eine solche Aussage überhaupt zulassen: Arabische Universitäten wie die Amerikanische Universität in Beirut waren für die säkulare Elite Afghanistans ein attraktives Ziel, aber auch an der Universität Al-Azhar in Kairo studierten einige Afghanen.

Das arabische Interesse an Afghanistan nahm erst nach dem Einmarsch der Roten Armee zu und schlug sich zunächst in humanitären Bemühungen um afghanische Flüchtlinge durch arabische Regierungen und Hilfsorganisationen nieder, die Ausgaben in jährlich zweistelliger Millionenhöhe nach sich zogen.[5] Bald folgten praktische Unterstützungen für die Mudschahidin: Die sprichwörtliche Politik des saudischen Königs Fahd, jeden Dollar, den die USA für die Aufständischen ausgaben, um einen weiteren Dollar zu ergänzen, wurde offenbar auch auf Waffenlieferungen übertragen. Die Gesamtsumme der offiziellen Unterstützung für die Mudschahidin allein aus Saudi-Arabien sollte sich bis zum Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan auf weit über 4 Milliarden US-Dollar belaufen.[6] Dieser beeindruckenden Summe sind allerdings weitere Leistungen hinzuzufügen. Unklar ist beispielsweise die Verbuchung von Gewinnen aus einem milliardenschweren Vertrag, den die saudische Regierung Ende 1985 mit der britischen Regierung abschloss und der die Lieferung von großen Mengen Öl unter Umgehung der OPEC-Fördergrenzen im Tausch gegen Waffensysteme britischer Firmen umfasste, die direkt oder indirekt den Kämpfern in Afghanistan zugute kommen sollten.[7] Ebenfalls unberücksichtigt sind die inoffiziellen Unterstützungen aus islamischen Wohlfahrtsorganisationen und Stiftungen, Sammlungen in Moscheen und den privaten Mitteln von Mitgliedern des Königshauses.

Über die Höhe ähnlicher Beiträge aus anderen arabischen Staaten kann lediglich gemutmaßt werden. Regelmäßig wird auf das ägyptische Engagement verwiesen, das von Anwar as-Sadat begonnen und unter Husni Mubarak fortgesetzt wurde und u.a. in der Ausrüstung von Lagern zum Training der Mudschahidin bestand, die über Lieferungen von ägyptischen Militärflughäfen aus bestückt wurden.[8] Vor dem Hintergrund dieser Summen überrascht es nicht, dass die arabischen Golfstaaten bis heute für sich in Anspruch nehmen, einen ebenso erheblichen, wenn nicht gar höheren Beitrag als die USA zur Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan und im Resultat zu ihrem Fall geleistet zu haben.

Fußnoten

4.
Abdul Samad Ghaus, The fall of Afghanistan. An insider's account, Washington DC 1988, S. 148.
5.
Steve Coll spricht von 30 Millionen US-Dollar in den ersten Jahren, in: ders., Die Bin Ladens. Eine arabische Familie, München 2008, S. 287.
6.
Vgl. Ahmed Rashid, Taliban, Islam, Oil and the New Great Game in Central Asia, New York 2000, S. 197.
7.
Vgl. S. Coll (Anm. 5), S. 297.
8.
Vgl. J. Millard Burr/Robert O. Collins, Alms for Jihad. Charity and Terrorism in the Islamic World, Cambridge 2006, S. 83.