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Entstehung und Entwicklung einer Gemeinschaft


11.5.2010
Entstanden als Zusammenschluss einiger Radiomonopolisten, hatte sich die ARD zunächst nur mit Gegnern in der Politik auseinanderzusetzen. Heute sind die "Hauptgegner" die konkurrierenden privaten Fernsehveranstalter.

Einleitung



Darin waren sich die Alliierten am Ende des Zweiten Weltkriegs einig: Das nationalsozialistische Radio musste verstummen. Viel schwieriger war für sie jedoch die Frage zu beantworten, was an seine Stelle treten, wer die neuen Programme verantworten sollte. Nur die Sowjets hatten nicht lange zu überlegen. Sie hatten nichts gegen Staatsrundfunk einzuwenden - wenn er in den richtigen, das heißt in von ihnen kontrollierten Händen lag. Schon am 13. Mai 1945, also nur wenige Tage nach Kriegsende, konnte der Berliner Rundfunk mit Genehmigung des sowjetischen Stadtkommandanten ein erstes einstündiges Programm senden, das von aus Moskau eingeflogenen deutschen Kommunisten vorbereitet worden war. Amerikaner, Briten und Franzosen übernahmen demgegenüber die Programmproduktion zuerst einmal selbst. Nach und nach begannen die alten "Reichssender" im Westen ihren Betrieb als Sender der Militärregierungen.[1]

Über die Grundzüge des Organisationsmodells, das längerfristig zu verwirklichen war, konnten sich die Westalliierten rasch verständigen. Einen deutschen Staatsrundfunk sollte es auf keinen Fall mehr geben. Angesichts der desolaten Wirtschaftslage war aber auch nicht daran zu denken, ein durch Werbung finanziertes privates Rundfunksystem wie in den USA zu etablieren. Also blieb nur das britische Konzept: Rundfunk als nur der Gesellschaft verantwortliche öffentliche Aufgabe, finanziert durch Gebühren und organisiert durch autonome Anstalten.[2]

Die unterschiedlichen Vorstellungen zeigten sich erst bei den Details der Verwirklichung. Wie viele Anstalten sollte es geben? Sollte ihre Gestaltung den Deutschen überlassen oder von den Militärregierungen selbst vorgenommen werden? Und wie hatten die zentralen Bestimmungen auszusehen? Die Antworten fielen in jeder der drei westlichen Besatzungszonen anders aus. Briten und Franzosen entschieden sich für zentrale Anstalten für ihre gesamten Gebiete, die durch Verordnungen der Militärregierungen begründet wurden. In der britischen Besatzungszone trat auf diese Weise am 1. Januar 1948 der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) "als eine unabhängige Anstalt zur Verbreitung von Nachrichten und Darstellungen unterhaltender, bildender und belehrender Art" ins Leben;[3] am 30. Oktober desselben Jahres etablierte die französische Militärregierung den Südwestfunk (SWF) als Anstalt in ihrer Zone.[4] Die Amerikaner beschritten einen anderen Weg. Sie hatten sich von vornherein für eine gewisse Dezentralität entschieden und forderten nun von den deutschen Regierungen ihrer Länder entsprechende Gesetze. Nach und nach wurden sie 1948/49 von den Landtagen in München, Wiesbaden, Stuttgart und Bremen verabschiedet. Noch vor der Gründung der Bundesrepublik waren damit sechs autonome Landesrundfunkanstalten entstanden, die nach dem Willen der Militärregierungen deutliche Distanz zu den deutschen Politikern halten und sich keinesfalls als deren Sprachrohr verstehen sollten. Das war eine Position, an die sich viele westdeutsche Politiker erst noch gewöhnen mussten, allen voran der erste Kanzler der jungen Republik, Konrad Adenauer (CDU). Mit seinen Vorbehalten hielt er nicht hinter dem Berg. Am 21. Mai 1950 erklärte er beispielsweise in einem Rundfunkinterview, dass am bestehenden System Änderungen vorgenommen werden müssten. So wie der Rundfunk jetzt sei, sei er eine Hinterlassenschaft der britischen Besatzung, die geglaubt habe, der Demokratie am meisten damit zu dienen, wenn man die Instrumente der öffentlichen Meinung in die Hand der SPD gäbe. Dies bedeute eine Beeinträchtigung der Arbeit der Bundesregierung.[5] Derartige Äußerungen setzten die Rundfunkanstalten schon früh unter einen gewissen Druck.

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Fußnoten

1.
Der Beitrag stützt sich grundsätzlich auf den noch immer unverzichtbaren, sehr materialreichen Band des früheren SDR-Intendanten Hans Bausch, Rundfunkpolitik nach 1945, München 1980. Nachgewiesen werden daraus nur wörtliche Zitate. Ergänzende Literaturhinweise beschränken sich auf die wichtigste neuere Literatur, hier sei noch genannt: Deutsches Rundfunkarchiv (Hrsg.), "Hier spricht Berlin ...": Der Neubeginn des Rundfunks in Berlin 1945, Potsdam 1995.
2.
Vgl. Konrad Dussel, Die Interessen der Allgemeinheit vertreten: Die Tätigkeit der Rundfunk- und Verwaltungsräte von Südwestfunk und Süddeutschem Rundfunk 1949 bis 1969, Baden-Baden 1995, S. 21-30; ders., Deutsche Rundfunkgeschichte, Konstanz 20103, S. 185-190.
3.
So im Vorspann zur Verordnung Nr. 118 der Militärregierung, zit. nach: H. Bausch (Anm. 1), S. 62. Vgl. ergänzend Peter von Rüden/Hans-Ulrich Wagner (Hrsg.), Die Geschichte des Nordwestdeutschen Rundfunks, Hamburg 2005.
4.
Vgl. Sabine Friedrich, Rundfunk und Besatzungsmacht. Organisation, Programm und Hörer des Südwestfunks 1945 bis 1949, Baden-Baden 1991.
5.
Wiedergegeben nach: Rolf Steininger, Rundfunkpolitik im ersten Kabinett Adenauer, in: Winfried B. Lerg/Rolf Steiniger (Hrsg.), Rundfunk und Politik 1923-1973, Berlin 1975, S. 346f.

 
Öffentlich-rechtlicher RundfunkAus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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