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11.5.2010 | Von:
Gemma Pörzgen

Die Welt im Blick: ARD-Auslandskorres-
pondenten

Pioniere der Auslandsberichterstattung

Die ersten Schritte ins Ausland machte Anfang der 1950er Jahre der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR). "Wir wollten raus damals", charakterisiert der langjährige Korrespondent Ulrich Schiller die Stimmung unter den ersten Auslandsberichterstattern der jungen Bundesrepublik. "Wir waren im Krieg, waren in Gefangenschaft und fühlten uns dann in Deutschland wie eingeschlossen im Nazidenken", erinnert sich der erfahrene Journalist, der für die ARD von wichtigen Auslandsposten wie Belgrad, Moskau und Washington berichtete.[2]

Nachdem im Januar 1950 erste Hörfunkkorrespondenten für den NWDR nach London und Stockholm gegangen waren, ernannte der Sender noch im selben Jahr offiziell Ansprechpartner in Großbritannien, Frankreich, Schweden, Italien und den USA, später auch in der Türkei bzw. Ägypten.[3] Sie sollten nicht nur als Kommentatoren arbeiten, sondern auch für die Nachrichtenhauptabteilung berichten.[4] Ihr Status war damals der von "festen Freien"; ihr Gehalt - abgesehen von einem Monatsfixum von 30 bis 50 US-Dollar - mussten sie durch die Zulieferung von Hörfunkbeiträgen verdienen, ohne dass es damals eine Abnahmegarantie durch den NWDR gegeben hätte. Dies führte dazu, dass die Korrespondenten meist auch für Zeitungen schrieben, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. In vielen Weltgegenden waren sie die ersten Repräsentanten Nachkriegsdeutschlands, weil es zunächst nur wenige diplomatische Vertretungen im Ausland gab.

Ulrich Schiller ging 1960 als studierter Slawist nach Belgrad und suchte sich eine Wohnung, in der er auch arbeitete. Damals seien vor allem Sprachkenntnisse wichtig gewesen und ein Telefon, erinnert er sich. Auch als er ein paar Jahre später nach Moskau wechselte, waren die Arbeitsbedingungen mit der technischen Ausstattung heutiger Auslandsstudios nicht vergleichbar: "Ich hatte ja noch nicht einmal ein ordentliches Tonbandgerät." Dennoch habe es echte Hörergemeinden bestimmter Korrespondenten gegeben: "Die Stimme war eben geläufig", erinnert sich Schiller an diese Blütezeit des Hörfunkjournalismus.

Mit dem Ausbau der Fernsehberichterstattung aus dem Ausland stiegen auch die organisatorischen und technischen Anforderungen. Viele Korrespondenten wie der legendäre USA-Berichterstatter Peter von Zahn arbeiteten für Hörfunk und Fernsehen. Ab 1955 begannen die Rundfunkanstalten der Länder dann damit, die Liste ihrer Korrespondenten auszutauschen, um die Auslandsberichterstattung in der ARD auszubauen. Mit der ARD wuchs auch das Netz ihrer Auslandsposten. 1963 entstand mit dem "Weltspiegel" ein eigenes Auslandsformat im Ersten. 1966 wurde die Nahost-Berichterstattung ausgeweitet und ein Studio in Tel Aviv eingerichtet. In den folgenden Jahren kamen immer mehr Berichtsgebiete dazu.

Nach der Wiedervereinigung 1990 mussten dann auch die neuen Sendeanstalten, der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) und der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR), in das Auslandskorrespondentennetz eingebunden werden. Der MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich erinnert sich noch gut daran, wie gering die Bereitschaft in der alten ARD damals war, die Sendegebiete neu aufzuteilen.[5] Schließlich übernahm der MDR in Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk (HR) Prag, außerdem trat der Norddeutsche Rundfunk (NDR) das Fernsehstudio für Südasien ab, während der Hörfunk unter seiner Federführung verblieb.

Fußnoten

2.
Interview der Autorin mit Ulrich Schiller am 23.3.2010 (folgende Zitate ebd.).
3.
Vgl. ARD-Chronik, online: www.ard.de/intern/chronik (7.4.2010).
4.
Vgl. Christoph Hilgert, Kommentare im Hörfunkprogramm des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR). Redaktioneller Kontext und gesellschaftliche Stellung, Magisterarbeit, Universität Hamburg 2005 (unveröff.), S. 79 ff.
5.
Interview der Autorin mit Wolfgang Kenntemich am 1.4.2010 (folgende Zitate ebd.).

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