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11.5.2010 | Von:
Gemma Pörzgen

Die Welt im Blick: ARD-Auslandskorres-
pondenten

Föderale Struktur der ARD

"Die ARD ist eine bunte Wiese voller Blumen", beschreibt Kenntemich das föderale System des Senderverbundes. "Es hat Vor- und Nachteile, dass wir nicht zentral durchorganisiert sind." Einerseits könne die ARD auf die Größe ihres Auslandskorrespondentennetzes stolz sein, anderseits führe die föderale Struktur auch häufig zu Reibungsverlusten.

Die Nachteile werden nach Einschätzung von Kritikern vor allem dann deutlich, wenn es aufgrund brennender Aktualität darum geht, Kräfte zu bündeln und rasch klare Entscheidungen zu fällen. Während es beim ZDF seit einiger Zeit einen "Krisenreaktionsraum" gibt, in dem die wichtigsten Entscheider im Krisenfall, wie jüngst beim Erdbeben in Haiti, zusammenkommen und die gesamte Auslandsberichterstattung zentral koordinieren, konkurrieren die einzelnen ARD-Anstalten in solchen Momenten häufig miteinander, statt zusammenzuarbeiten. Besonders berüchtigt ist das schlechte Verhältnis zwischen dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) und dem Südwestrundfunk (SWR), der 1998 aus der Fusion von Süddeutschem Rundfunk (SDR) und Südwestfunk (SWF) hervorging und seitdem in der Auslandsberichterstattung eine dem WDR ebenbürtige Rolle spielt.

Anders als ZDF-Chefredakteur Peter Frey kann ARD-Chefredakteur Thomas Baumann nicht "durchregieren". Er ist zwar für die Koordination der aktuellen politischen Berichterstattung der ARD zuständig, aber das bedeutet kaum mehr, als dass er die täglichen Schaltkonferenzen der Chefredakteure der Landesrundfunkanstalten moderiert. Das Machtgerangel auf den Chefetagen führt dann im journalistischen Alltag dazu, dass sich Sender-Rivalitäten stärker auswirken als journalistische Argumente. Zur Illustration erzählt man sich unter Journalisten gerne Anekdoten, wie etwa jene über die Reise des Außenministers Guido Westerwelle in die Türkei und auf die Arabische Halbinsel im Januar 2010, die ein WDR-Kollege begleitete. Als Westerwelle kurzfristig einen Abstecher in den Jemen einplante, brauchte der Journalist zunächst eine offizielle Zustimmung des für dieses Berichtsgebiet zuständigen SWR, um weiter mitreisen zu können.

Das komplizierte Machtgefüge der Landesrundfunkanstalten sorgt auch dafür, dass sich der Zuschnitt der Berichtsgebiete nur schwer verändern lässt. Kritiker bemängeln, dass die ARD nach dem Ende des Kalten Krieges viel zu spät auf die grundlegenden weltpolitischen Veränderungen und das Entstehen neuer Machtzentren reagiert habe. "Die Strukturen der ARD sind nicht mitgewachsen und haben sich nicht modernisiert", so etwa der Medienwissenschaftler Oliver Hahn.[6] Die ARD müsse auch journalistisch darauf reagieren, dass Schwellenländer wie Brasilien an Gewicht gewonnen hätten: "Die Chefredakteure sollten die heutige Landkarte mal wieder in die Hand nehmen und ihre Auslandsposten neu aufteilen."

Fußnoten

6.
Interview der Autorin mit Oliver Hahn (Journalistikprofessor in Iserlohn und Mitherausgeber des Buches Deutsche Auslandskorrespondenten, Konstanz 2008) am 1.4.2010 (folgende Zitate ebd.).

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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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