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11.5.2010 | Von:
Gemma Pörzgen

Die Welt im Blick: ARD-Auslandskorres-
pondenten

Auslandskorrespondenten für Hörfunk und Internet

Anders als beim Fernsehen mit seinem Ersten Programm, ist die ARD für den Radiohörer als Marke schwerer erkennbar. Dabei sind für den ARD-Hörfunk weltweit 71 Auslandskorrespondenten tätig - und damit noch mehr als für das Fernsehen. Wer mit einigen von ihnen spricht, hört vor allem die Klage über das verbreitete Desinteresse an Auslandsthemen in den Redaktionen: "Tagelang sitze ich im Büro, ohne dass eine Redaktion anruft", heißt es sogar an wichtigen Auslandsposten. Vor allem morgens, wenn die meisten Hörer ihr Radio einschalten, sei es immer schwerer, überhaupt ins Programm zu gelangen. "Der Deutschlandaspekt wird immer stärker betont", beschreibt ein Auslandskorrespondent die Anforderungen seiner Heimatredaktion. "Jedes Auslandsthema soll möglichst deutsche Entwicklungen widerspiegeln."

Die stellvertretende Chefredakteurin beim WDR-Hörfunk, Helga Schmidt, hält solche Kritik für überzogen. Die frühere Brüssel-Korrespondentin hält dagegen, dass der technische Fortschritt viele neue Möglichkeiten ergeben habe: "Nach 20 Jahren Zeitfunk wage ich die steile These, dass wir heute mehr Auslandsberichterstattung haben und mehr Sendeplätze als vor 15 Jahren".[12] Für die Hörfunkjournalisten im Ausland ist diese Entwicklung mit mehr Unübersichtlichkeit verbunden. Da sie ihre Angebote und später die fertigen Beiträge in ein zentrales Netzwerk speisen, haben sie längst den Überblick verloren, welchen ihrer Beiträge welcher der mehr als 60 ARD-Sender eigentlich wann gesendet hat. Der direkte Draht zur Heimatredaktion geht immer mehr verloren.

Mit dem Nachrichtenportal "tagesschau.de" verfügt die ARD seit 1999 über ein von den Fernsehsendungen weitgehend unabhängiges, ereignisorientiertes Onlineangebot. Keine andere seriöse Nachrichtenseite im deutschsprachigen Raum räumt der fundierten Auslandsberichterstattung so viel Platz ein; die Hamburger Redaktion ist rund um die Uhr besetzt. Ermöglicht wird das Informationsangebot aber vor allem von den Hörfunkkorrespondenten, die ihre Manuskripte für die Radiobeiträge an "tagesschau.de" senden, wo die Texte für das Internet aufbereitet werden. "Es gibt da niemanden mehr, der sagt, für ,tagesschau.de' arbeite ich nicht", so der Redaktionsleiter Jörg Sadrozinski.[13]

Die Hörfunkjournalisten erleben dank dieser neuen Plattform eine Renaissance. Während sich ihre Radiobeiträge schon nach wenigen Minuten "versendet" haben, erweisen sich die Texte auf "tagesschau.de" als nachhaltiger Lesestoff. Nach den bisherigen Bestimmungen darf das Onlineangebot ein Jahr lang im Netz stehen bleiben. Gerade die Auslandsberichterstattung erreiche bei "tagesschau.de" hohe Klickzahlen, so Sadrozinski. "Das Auslandskorrespondentennetz der ARD ist das wirkliche Pfund, mit dem wir wuchern können."

So lieferte beispielsweise die damalige Nahost-Hörfunkkorrespondentin Bettina Marx bei den palästinensischen Parlamentswahlen 2006 tagelang exklusive Reportagen aus dem Westjordanland, die auch online zu lesen waren und von Marx mit Fotos illustriert wurden. Extra vergütet werden solche Zusatzleistungen allerdings nicht. "Ich finde das Konzept gut", befindet Marx dennoch. "Unser Ansehen ist gestiegen, seitdem wir auch zu lesen sind, selbst bei Kollegen." Viele Hörfunkkorrespondenten hätten auch nichts dagegen, für "tagesschau.de" eigene Beiträge zu liefern und nicht nur Nebenprodukte.[14]

Kritiker merken jedoch an, dass die sinnvolle Weiterentwicklung dieses wichtigen Informationsangebots der ARD im Internet derzeit noch vom Besitzstanddenken der einzelnen Anstalten behindert werde. Einzelne Chefredakteure befürchteten offenbar, dass "ihre" Auslandskorrespondenten ausgerechnet dann für das Onlineangebot tätig sein könnten, wenn "ihr" Landessender gerade einen Radiobeitrag benötige. In einigen Sendern sei zudem die Angst groß, der Platzhirsch NDR könne durch eine weitere Stärkung der in Hamburg ansässigen zentralen Nachrichtenredaktion für das Internet noch zusätzlich an Gewicht gewinnen.

Anders als die Hörfunktexte sind die Manuskripte der Fernsehkorrespondenten nicht für "tagesschau.de" nutzbar. Aber in Zukunft sollen Videoblogs eine stärkere Rolle spielen, so Redaktionsleiter Sadrozinski. Bislang sind es nur wenige Korrespondenten, die mit diesen journalistischen Formaten erste Experimente wagen. Mit ihrem Videoblog "London Calling"[15] gilt Annette Dittert, Studioleiterin in London, als Vorreiterin. Ihre bunten Geschichten von der Fuchsjagd, dem Hofknickkurs oder schwimmenden Schlössern verleiteten das "ARD-Morgenmagazin" kürzlich dazu, die Videobloggerin mit rotem Lackmantel und kleiner Plastik-Queen eine Woche lang live in die Sendung zu nehmen. Auch der Israel-Korrespondent Richard C. Schneider bedient mit "Zwischen Mittelmeer und Jordan" ein Videoblog auf "tagesschau.de", vom Nairobi-Korrespondent Peter Schreiber erschien dort vor kurzem die erste Folge des Videoblogs "Afrika, Afrika!". Entsprechende Vorbereitungen gibt es auch bei den Korrespondenten in Wien. Für die Journalisten vor Ort bedeutet dieses neue Format zusätzlichen Aufwand, der ebenfalls nicht extra vergütet wird.

Es gibt aber auch Kritik am ARD-Onlineangebot. Nach Ansicht des Medienwissenschaftlers Oliver Hahn verfolgt "tagesschau.de" mit der Übernahme der Hörfunktexte einen falschen Ansatz: "Als das Radio entstand, haben die Sprecher am Anfang aus der Zeitung vorgelesen. Jetzt werden fürs Hören geschriebene Texte einfach nur ins Netz gestellt", sagt er und vermisst die für Internetmedien typische Verlinkung ebenso wie die Einbindung der Nutzer in Leserforen. "Die hinken der Zeit mit ihrem Onlineangebot völlig hinterher", sagt Hahn unter Verweis auf die aufwändigeren Internetportale der BBC. "Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte mit den neuesten Medienentwicklungen mitgehen können." ARD-Mitarbeiter halten dieser Sicht entgegen, dass ein attraktives Angebot im Internet entstanden sei ohne hohe zusätzliche Kosten zu verursachen, zumal die Marke "tagesschau.de" derzeit auch im Vergleich zum ZDF-Angebot "heute.de" konkurrenzlos dastehe.

Fußnoten

12.
Interview der Autorin mit Helga Schmidt am 25.3.2010 (folgende Zitate ebd.).
13.
Interview der Autorin mit Jörg Sadrozinski am 1.4.2010 (folgende Zitate ebd.).
14.
Interview der Autorin mit Bettina Marx am 1.4.2010.
15.
Siehe www.tagesschau.de/ausland/
londoncalling192.html (7.4.2010).

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