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11.5.2010 | Von:
Knut Hickethier

"Tatort" und "Lindenstraße" als Spiegel der Gesellschaft

Seit 40 bzw. 25 Jahren liefern "Tatort" und "Lindenstraße" Bilder von der bundesdeutschen Gesellschaft. Diese sind zwar fiktional aufbereitet, bieten aber gerade deshalb Deutungsmuster für die Wirklichkeit.

Einleitung

Serien haben kulturell noch immer einen schlechten Ruf. Dabei können sie anders als die üblicherweise auf 90 Minuten begrenzten Kinospielfilme länger, ausdauernder und weniger punktuell von den Menschen erzählen. Sie können deren Handeln über eine lange Zeit begleiten und dabei auch vielfältige Figurenkonfigurationen entstehen und wieder vergehen lassen. Serien können deshalb differenzierter Wirklichkeit in den menschlichen Beziehungen sichtbar machen, vor allem auch dann, wenn sie mit ihren Figuren, ihren Handlungsorten und ihren Geschichten im Hier und Jetzt der Zuschauer verankert sind. "Tatort" und "Lindenstraße" sind solche Institutionen in einem Maße wie kaum andere Serien im deutschen Fernsehen.

Anders als die vielgerühmten amerikanischen Serien, deren Welten auf deutsche Zuschauer letztlich immer fremd, exotisch, oft auch künstlich wirken, zeigen "Lindenstraße" und "Tatort" bundesdeutsche Milieus und Situationen, die letztlich mehr Vertrautheit, mehr Zugehörigkeit signalisieren, auch wenn viele Handlungsorte und Geschehen der Mehrheit der Zuschauer unbekannt sind. Im Gros leben die deutschen Serien von der Wiedererkennbarkeit ihrer Figuren und deren Geschehnisse. Das lässt sie gelegentlich bieder wirken, ohne dass ihre Handlungen deshalb weniger aufregend wären.

Fernsehserien stellen deshalb "kulturelle Foren"[1] dar, auf denen in lebensnahen Situationen gesellschaftliche Probleme erörtert und verhandelt werden. Dass es sich hier um fiktionale Formen handelt, die eben keinen Anspruch erheben, unmittelbar identifizierbare Personen darzustellen, erlaubt es, Sachverhalte und Verhaltensweisen anzusprechen, die im dokumentarischen Bereich so nicht möglich wären und sich nicht in gleicher Weise idealtypisch zuspitzen ließen. In komprimierter und gleichzeitig überdeutlicher Form führen die Serienfiguren die Probleme vor, die im gesellschaftlichen Leben virulent sind. Aufgrund ihrer Überspitzung lassen sich die hier angesprochenen Konflikte und Lösungen besonders gut diskutieren. An ihnen entzünden sich Streitgespräche der Zuschauer, die wiederum zur Festigung von Maßstäben und zur Neuorientierung von Handlungsmaximen im realen Leben dienen können.

Fußnoten

1.
Horace M. Newcomb/Paul Hirsch, Fernsehen als kulturelles Forum. Neue Perspektiven für die Medienforschung, in: Rundfunk und Fernsehen, 34 (1986), S. 177-190.

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