APUZ Dossier Bild

20.4.2010 | Von:
Christine Hannemann

Heimischsein, Übernachten und Residieren - wie das Wohnen die Stadt verändert

Subjektivierung der Arbeit und multilokales Wohnen

Eine in ihrer Bedeutung bisher zu Unrecht wenig thematisierte Verschiebung städtischer Wohnverhältnisse ergibt sich aus diesem Wandel der Arbeitswelten: Multilokalität wird zur sozialen Praxis von immer mehr Menschen; insbesondere von Berufstätigen, denn ein Schlüsselerfordernis gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse ist Mobilität. Berufliche Mobilität ist heute zwangsläufig eine Grundbedingung der Erwerbsarbeit.

Eine spezifische Form des Mobilseins, die sich auch als Spannungsfeld zwischen Mobilität und Sesshaftigkeit konstituiert, ist das multilokale Wohnen, also die Organisation des Lebensalltags über zwei oder mehr Wohnstandorte hinweg. Aufgrund seiner wachsenden quantitativen und qualitativen Bedeutung erweist sich dies für Städte als eine hoch praxisrelevante Erscheinung, die spezifische Wertungen von Wohnen und Wohnumwelten zur Folge hat. Multilokalität hat inzwischen einen solchen Umfang und solche Spezifik erlangt, dass in der sozialräumlichen Forschung diese Praxis der Lebensführung "gleichberechtigt neben Migration und Zirkulation zu stellen"[9] ist. An die Stelle der überwiegend ortsmonogamen Lebensformen tritt immer häufiger, - freiwillig oder erzwungenermaßen - "Ortspolygamie: Mit mehreren Orten verheiratet zu sein".[10] "Multilokalität (...) an zwei (oder mehr Orten) bedeutet nämlich, dass neben der ursprünglich bestehenden Wohnung eine zweite Behausung verfügbar ist, die als Ankerpunkt des Alltagslebens an einem zweiten Ort genutzt werden kann."[11] Auch wenn quasi viele solche Menschen kennen - wenn sie nicht sogar selbst diese Lebenspraxis leben -, für die das multilokale Wohnen in unterschiedlichster Weise Alltag ist, fehlt bisher eine detaillierte quantitative Abschätzung.

Die ersten Ergebnisse dieses neuen Forschungsfeldes zeigen, dass multilokales Wohnen überwiegend als eine vom Beschäftigungssystem auferlegte Belastung erlebt wird, die von sozialen Netzwerken aufgefangen werden muss - die gleichzeitig durch diese Arbeits- und Lebensform beeinträchtigt werden. Multilokalität wird, so scheint es bislang, nur von Haushalten mit geringen sozialen Bindungen und individualistischen Orientierungen als positive Erweiterung von Lebenschancen und Horizonten wahrgenommen.[12]

Fußnoten

9.
Peter Weichhart, Multilokalität - Konzepte, Theoriebezüge und Forschungsfragen, in: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hrsg.), Multilokales Wohnen. Informationen zur Raumentwicklung, H. 1/2, Bonn 2009, S. 7.
10.
Vgl. Ulrich Beck, Ortspolygamie, in: ders. (Hrsg.), Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus - Antworten auf Globalisierung, Frankfurt/M. 1997, S. 127.
11.
Vgl. P. Weichhart (Anm. 9), S. 8.
12.
Vgl. Katharina Bluhm/Christine Hannemann/Hartmut Hirsch-Kreinsen/Rainer Neef/Günter Voß, Einleitung zur Sektionsveranstaltung Multilokales Leben - Multilokale Haushalte - Multilokale Arbeit. Erweiterte Optionen oder erhöhte Unsicherheit?, in: Unsichere Zeiten. Verhandlungen des 34. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Jena, Frankfurt/M. - New York 2010 (i.E.).