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20.4.2010 | Von:
Christine Hannemann

Heimischsein, Übernachten und Residieren - wie das Wohnen die Stadt verändert

Wie das Wohnen die Stadt verändert

Aus der Vielzahl der möglichen Schlussfolgerungen sollen, quasi im dialektischen Wechselspiel, zusammenfassend zwei gegenläufige Tendenzen des Wohnwandels herausgestellt werden. Heimischsein, Übernachten und Residieren stehen als Begriffe nicht nur für die Vielfalt an unterschiedlichen Ausprägungen, die das Wohnen heute aufweist, sondern sie reflektieren auch weitgehend eigenständige Dimensionen: Wer eine Wohnstätte als oikos (griech.: Hausgemeinschaft) eines privaten Lebensortes definiert, übernachtet nicht nur, wie etwa sonst aus berufsmigrantischen Gründen wochenlang oder wöchentlich. Wer eine Wohnstätte als Residenz definiert, für den hat diese vor allem distinktive Symbolisierungsqualität: Eine Einzimmerwohnung in Apartments am Brandenburger Tor oder am Potsdamer Platz in Berlin kann nur einen überwiegend repräsentativen Charakter mit lediglich temporärer Wohnfunktion haben, da im Hauptraum nicht Platz für mehr als ein Doppelbett ist. Wohnen kann sich sogar auf "Übernachten", also auf die reine Behälterfunktion reduzieren: Soziale Einbindung, gar nachbarschaftliches Engagement oder kulturelle Inwertsetzung werden nicht am zeitlich gesehen "Meistwohnort" realisiert, sondern nur am Ort des zeitlich weniger genutzten Hauptwohnsitzes.

Zwar bleibt die Angewiesenheit auf die Containerfunktion der Wohnung als grundlegende Existenzform des Menschen konstant, aber ihr jeweiliger lokaler Stellenwert verschiebt sich, wird hybrider: Temporäre Wohnformen jeder Art werden verbreiteter. Gerade mit den Mitteln von modernen Kommunikationstechnologien kann das Heimischsein zu Orten hergestellt, erhalten aber auch konstituiert werden, die nicht auf den aktuellen Wohnsitz bezogen sind; auch wenn man aus steuerlichen Gründen hier gemeldet ist. Für den Wandel des Wohnens ist hier bestimmend, dass sich in Folge der skizzierten Prozesse von Individualisierung, Subjektivierung und Multilokalität vor allem Koordinaten und Inwertsetzung des "bewohnten" Territoriums ändern. Forschungen der Verhaltenswissenschaften untersuchen das sogenannte menschliche Territorialverhalten. Deren Ergebnisse besagen, dass erst die Definition eines eigenen Territoriums identitätsbildend wirkt.[13] Irwin Altman, einer der Urväter der Privacy-Forschung, macht verschiedene Arten von Territorien aus, da die Bindungen von Menschen an räumliche Gegebenheiten sehr unterschiedlich sein können. Ein primäres Territorium ist definiert als klarer Lebensbezugspunkt, und erst seine Aneignung bedingt die Aufrechterhaltung der eigenen Identität. Dies zielt auf ein räumlich fixiertes und sichtbares Refugium zur Sicherung der für die Lebens- und Arterhaltung notwendigen Reproduktionsbedürfnisse. Das ist in unserer Kultur traditionell wesentlich die (eine) Wohnung. Entscheidend ist hier die anthropologische Tatsache, dass sich dieses primäre Territorialverhalten immer nur auf einen Ort bezieht. Multilokalität aber bedingt im Extremfall die Reduktion des Hauptwohnsitzes zur Übernachtungsbehausung. Der Ethnologe Marc Augé spricht von einer Zunahme von non-lieux, Nicht-Orten, in den Zeiten der Postmoderne.[14] Es wird quasi ortlos gewohnt.

Angesichts der Individualisierung gewinnt die Wohnfunktion in der Stadt aber auch wieder an Bedeutung. War lange Zeit die Suburbanisierung der bestimmende Trend des Wohnens, wird heute wieder das Wohnen in den Städten zum bevorzugten Ziel verschiedenster "Nutzergruppen".[15] Über die tatsächliche Renaissance der Stadt wird in der Fachwelt zwar heftig gestritten, unübersehbar aber sind die Veränderungen in innerstädtischen Wohngebieten: Waren diese lange Zeit, pauschal gesprochen, Wohnstandorte von sozial Schwachen, prägen heute junge Familien, Edelurbanisten, Studierende und Jungakademiker sowie auch Senioren- und andere Residenzen innerstädtische Wohnmilieus. Die Struktur der Stadtbewohner wird älter und sichtlich bunter:
  • Veränderte Lebensstile bedingen Wohnformen jenseits der klassischen abgeschlossenen Kleinwohnung mit Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer, etc.

  • Angesichts der steigenden Lebenserwartung suchen ältere Menschen Komfort und (perspektivisch) auch Betreuungsangebote in fußläufiger Wohnortnähe. Eine autounabhängige Lebensweise wird für Hochbetagte lebensweltliche Überzeugung oder pure Notwendigkeit. Das Altenheim als altersgerechte Wohnform wird überflüssig, es sei denn als hochpreisige Edelseniorenresidenz. Das MGW oder die Altenwohngemeinschaft sind Wohnmodelle, die in Zukunft noch stärker nachgefragt werden.

  • Auch Einkommensstarke, häufig ohne Kinder, realisieren trendabhängige Wohnbedürfnisse in gefragten innerstädtischen Wohngebieten. Zum einen aus Distinktionsgründen und zum anderen häufig auf Grund beruflicher Praktikabilität. Hierin eingeschlossen ist die größer werdende Gruppe privilegierter Migrantinnen und Migranten,[16] die in deutschen Städten dauerhaft oder temporär leben. So werden ganze Stadtviertel auf neue Art ethnisch geprägt: Nicht mehr sozial marginalisierte Migranten überformen die traditionelle Infrastruktur, sondern solche mit hohem ökonomischem und kulturellem Kapital. Die distinktiven Bedürfnisse dieser neuen Stadtinteressierten führen neben der Vertiefung der sozialräumlichen Spaltung in den Städten zu Wohnsituationen, die neue Merkzeichen im Stadtbild offerieren, die von der überwiegenden Mehrheit der Stadtbewohner als positive Identifizierungsmerkmale anerkannt werden.

  • Insbesondere Studierende und Hochschulabsolventen in großen Städten wollen "angesagt" wohnen, auch wenn sie nur über begrenzte Budgets verfügen. Sie leben häufig in einer Art Gemeinschaftswohnung, um sich die hohen innerstädtischen Mieten leisten zu können. Überwiegend handelt es sich hier um Zweckwohngemeinschaften, nicht um gemeinschaftsorientierte Wohnkonzepte oder etwa Alternativmodelle zur traditionellen Familie.
Wohnen in der Stadt ist zu einer differenzierten hybriden Angelegenheit geworden: Auf der einen Seite wird wieder gewohnt, des Wohnens Stellenwert hat im städtischen Alltag, für die Stadtpolitik und für die Ausgestaltung des städtischen Stadtgefüges an Gewicht und Heterogenität zugenommen. Auf der anderen Seite wächst die Anzahl der Menschen, die zwar in der Stadt wohnen, sich aber explizit nicht heimisch fühlen und auch nicht heimisch sein wollen. Für immer mehr Menschen genügt es oder muss es genügen, zu übernachten und/oder zu residieren.

Fußnoten

13.
Vgl. Irwin Altmann, The environment and social Behaviour - Privacy, Personal Space, Territory, Crowding, Monterey/CA 1975.
14.
Marc Augé, Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit, Frankfurt/M. 1994.
15.
Für eine Analyse der dramatischen inneren Spaltungsprozesse in Städten siehe den Beitrag von Walter Siebel in diesem Heft.
16.
Vgl. Florian Kreutzer/Silke Roth, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Transnationale Karrieren. Biografien, Lebensführung und Mobilität, Wiesbaden 2006.