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9.4.2010 | Von:
Volkmar Sigusch

Homosexuelle zwischen Verfolgung und Emanzipation - Essay

Vergebliche Suche nach der "Ursache"

Aus dem mit dem Tode bedrohten Verhalten und Verlangen konstruierten in unserer Kultur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem Psychiater eine Art Geisteskrankheit, genannt "conträre Sexualempfindung". Damit begannen die Versuche, Homosexuelles mit mehr oder weniger drastischen Mitteln der Medizin und auch der Psychologie "auszutreiben". Neben tiefenpsychologischen und verhaltenstherapeutischen Prozeduren samt Elektroschocks waren das operative Eingriffe, die entweder den Hormonhaushalt oder die Hirnfunktionen beeinflussen sollten. Der letzte Grauen erregende Höhepunkt waren in den 1970er Jahren Hirnoperationen, die sogenannte Psychochirurgen vornahmen.[2] Erst nach heftigen Protesten der kritischen Sexualwissenschaft wurden diese Menschenexperimente hierzulande eingestellt.

Alle Versuche, das homosexuelle Begehren zu beseitigen, sind gescheitert, psychotherapeutische ebenso wie medizinisch-operative. Nach wie vor aber gibt es "Heiler", oft gedrängt von fundamentalistisch-christlichen Organisationen. Scheinbar aufgeklärter und liberaler sind Nachrichtenmagazine, die auf ihrem Titel die Entdeckung eines "Homo-Gens" verkünden, das es schon aus Gründen der Komplexität nicht geben kann. Denn es ist ein Unding, ein psycho-sozial Zusammengesetztes und kulturell-gesellschaftlich Vermitteltes wie die geschlechtliche oder sexuelle Identität auf eine körperliche "Ursache" zurückzuführen. Apropos: Als "Ursache" der Homosexualität sind zahllose Umstände angeführt worden, zum Beispiel eine Hormonstörung vor der Geburt, ein weiblicher Körperbau, eine zu starke Bindung an die Mutter, eine Verführung in den Jugendjahren oder, wie in den 1990er Jahren behauptet, ein "Homo-Gen". Alle Annahmen konnten durch die Forschung nicht bewiesen werden.

Fußnoten

2.
Vgl. Volkmar Sigusch, Medizinische Experimente am Menschen. Das Beispiel Psychochirurgie, Beiwerk des Jahrbuchs für kritische Medizin, Bd. 2 (Argument-Sonderband 17), Berlin 1977; ders., Soziale Seelenkontrolle mit dem Skalpell. Psychochirurgie - hirnverbrannt. Haben "Seelenschneider" in Deutschland nichts zu fürchten? (Dossier), in: Die Zeit, Nr. 15 vom 4.4.1980, S. 23ff.

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